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60Plus | 300 Jahre | August, 2019
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Fürst Hans-Adam II. 
von Liechtenstein

Seit 30 Jahren erfolgreicher Landesfürst und Chef des Hauses Liechtenstein

Seine Durchlaucht Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein übernahm nach dem Tod des allseits sehr geschätzten und beliebten Landesvaters Franz Josef II. am 13. November 1989 Verantwortung für die Geschicke des Landes als Staatsoberhaupt. Fürst Franz Josef II. ernannte Erbprinz Hans-Adam bereits 1984 zum Stellvertreter und übertrug ihm die Führung der Staatsgeschäfte. Die wichtigsten Ziele, die Fürst Hans-Adam II. verfolgt und erreicht hat, waren aussenpolitisch der Beitritt zur UNO und zum EWR und innenpolitisch die Verfassungsreform.

Die Modernisierung des aus dem Mittelalter stammenden Hausgesetzes war ebenfalls ein bedeutender Meilenstein für das Fürstenhaus sowie die Sanierung und der Aufbau des Familienvermögens, die Fürst Hans-Adam II. früh und erfolgreich bereits als Erbprinz in Angriff genommen hat.

Nach Meinung von Fürst Hans-Adam II. ging es dem Fürstentum Liechtenstein noch nie so gut wie heute, und er sagt wörtlich: «Ich glaube, wir können stolz und glücklich sein, dass wir diese 300 Jahre so überstanden haben, wie wir sie überstanden haben. Dazu haben das Fürstenhaus und die Bevölkerung beigetragen.»

Im Interview hat Werner Ospelt mit Fürst Hans-Adam II. über die Geschichte des Hauses Liechtenstein, über die 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein, über die Zielsetzungen des Fürsten als Staatsoberhaupt und über das Leben und Wirken des Fürsten gesprochen.

Die Ursprünge gehen in das Hochmittelalter zurück. Der erste, von dem bekannt ist, dass er sich Liechtenstein nannte, war ein Hugo von Liechtenstein. Das war Anfang des 12. Jahrhunderts.

«Die Liechtensteiner» gehören zu den ältesten Adelsfamilien in Europa. Die Ursprünge gehen in das Hochmittelalter zurück. Der erste, von dem bekannt ist, dass er sich Liechtenstein nannte, war ein Hugo von Liechtenstein. Das war Anfang des 12. Jahrhunderts. Als Stammburg gilt die Burg Liechtenstein im Bezirk Mödling bei Wien. Fürst Hans-Adam II. sagt dazu: «Fürst Johann II. (der Gute) hat die zerfallene Burg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach den alten Plänen wieder aufgebaut und eigentlich auch für den Tourismus geöffnet, wenn man so will.»

Die heutige Generation in Liechtenstein hat den Fürsten Johann II. nicht mehr selbst erlebt. Er ist jedoch der Bevölkerung bis heute in bester Erinnerung als Fürst Johannes der Gute. Er regierte von 1858 bis 1929 und hat für das Fürstentum Liechtenstein viel Gutes getan. Er hat mit den Verfassungsgebungen von 1862 und von 1921 wesentlich zur Demokratisierung und Modernisierung des Fürstentums beigetragen. An den späteren Fürsten Franz, der Liechtenstein von 1929 bis 1938 regierte, und an Fürstin Elsa können sich vielleicht einige wenige von uns noch persönlich erinnern, wenn sie ihn beim Besuch ihrer Gemeinde als Schulkinder erlebt haben und begrüssen konnten.

Fürst Franz Josef II., Regent 1938–1989

Fürst Franz Josef II. und Fürstin Gina, die Eltern unseres Fürsten Hans-Adam II., sind uns allen noch in bester und lieber Erinnerung. Fürst Franz Josef II. hat im Jahre 1938 als erster Fürst überhaupt in seinem Land Wohnsitz genommen.

Fürst Hans-Adam II.: «Es war ein wichtiger Entscheid des Fürsten, dass er 1938 seinen Wohnsitz nach Liechtenstein verlegte. Er hat auch erreicht, dass Hitler Liechtenstein anerkennt. Hitler hat den Fürsten Franz Josef II. nach Berlin eingeladen. Der Fürst hat mit seiner Politik wesentlich dazu beigetragen, dass Liechtenstein vom Krieg verschont geblieben ist.»

Am 7. März 1943, inmitten des Zweiten Weltkrieges, heiratete Fürst Franz Josef II. in Vaduz die österreichische Gräfin Georgine (Gina) Wilczek (1921–1989).

Der erste Sohn von Fürst Franz Josef II. und Fürstin Gina ist der heutige Fürst Hans-Adam II., der 1945 geboren wurde. Er und seine Brüder, die Prinzen Philipp, Nikolaus und Wenzel, der 1991 gestorben ist, sowie Prinzessin Nora haben wie andere Buben und Mädchen des Dorfes auch die Volksschule im Ebenholz in Vaduz besucht.

Wenn wir uns mit der Geschichte des Hauses Liechtenstein befassen, so werden in der Ahnenreihe bedeutende Persönlichkeiten beschrieben, die es zu viel Reichtum, Macht und Einfluss gebracht haben.

Fürst Karl I., der erste Reichsfürst, Regent von 1608–1627

Auf diese Frage angesprochen, meint Fürst Hans-Adam II.: «Es war sicher ein Höhepunkt damals der Wiederaufbau des Vermögens nach der Enteignung durch die Habsburger. Die Herren von Liechtenstein bekannten sich eine Zeit lang zum reformierten Glauben. Karl von Liechtenstein trat dann aber 1599 zum katholischen Glauben über. Das war ganz im Sinne der Habsburger.

Fürst Karl I., der erste Reichsfürst, war damals eine prägende Persönlichkeit und hat es zu grossem Reichtum gebracht, nicht zuletzt durch Geldgeschäfte. Er hat den Habsburgern immer, wenn sie in Geldnöten waren, Kredite gegeben. Wenn sie die Kredite nicht zurückzahlen konnten, hat man die Besitztümer zurückgeholt, die sie den Liechtensteinern enteignet hatten, besonders östlich von Wien, in Böhmen und Mähren. Fürst Karl I. war derjenige, der angefangen hat, Kunst zu sammeln.»

Fürst Johann Adam Andreas I., Regent von 1684-1712

Fürst Hans-Adam II. fährt weiter fort: «Karls Sohn Hans-Adam I., der war ebenfalls eine prägende Persönlichkeit. Er hat die Herrschaft Schellenberg und die Grafschaft Vaduz gekauft, das heisst die Herrschaftsrechte über die beiden Gebiete, und das Vermögen mit Bankgeschäften sehr vermehrt. Das war mit einer der Gründe, weshalb mir der Vater den Namen Hans-Adam gegeben hat, in der Hoffnung, dass ich das Hans-Adam dem I. nachmache.» (Fürst Hans-Adam II. lacht)

«Mit viel politischem Geschick mehrte Fürst Johann Adam Andreas I. die Macht und das Vermögen des Fürstenhauses. Seine besonderen Fähigkeiten im Umgang mit Geld und in der Verwaltung der Güter machten es ihm möglich, neue Schlösser zu bauen, als grosszügiger Mäzen zu wirken und die Kunstsammlung auszubauen. Schon von seinen Zeitgenossen erhielt Fürst Johann Adam Andreas I. den Beinamen «der Reiche».

Auch für den Kauf der beiden Landschaften, die weit weg von den fürstlichen Gütern lagen, gab er eine beachtliche Summe aus. Durch diesen Kauf gelangte er in den Besitz eines reichsunmittelbaren Gebietes.

Dieses sollte ihm und seiner Familie zu höchstem Ansehen verhelfen – zur Aufnahme in die Runde der Reichsfürsten. Unbewusst schuf er damit die Grundlage für die Entstehung unseres heutigen Staates. Allerdings konnte Fürst Johann Adam Andreas I. die Erhebung von Vaduz und Schellenberg zum Reichsfürstentum Liechtenstein durch Kaiser Karl VI. im Jahre 1719 nicht mehr erleben. Er starb im Jahre 1712.»

Fürst Johann I., Regent von 1805–1836

Und noch ein Fürst spielte beim Zustandekommen des souveränen Fürstentums Liechtenstein eine wichtige Rolle, nämlich Fürst Johann I., der von 1805 bis 1836 regierte.

Fürst Hans-Adam sagt dazu: «Dann war natürlich der Feldmarschall Fürst Johann I. sehr wichtig. Ihm verdanken wir, dass wir nicht wie viele andere Fürstentümer, Städte und kleine Herzogtümer, die es ja alle im Heiligen Römischen Reich gab, verschwunden sind. Diese sind alle in der Zeit unter Napoleon aufgelöst oder zusammengelegt worden. Wir wurden verschont. Fürst Johann war Feldmarschall und ein wichtiger Heerführer unter dem österreichischen Kaiser. Er genoss grosses Ansehen, auch bei Napoleon, der ihn auf seine Seite ziehen wollte.

Das Fürstentum Liechtenstein blieb dank Napoleons Gnaden unabhängig und trat 1806 dem Rheinbund bei. Das war sehr wichtig. Wenn Fürst Johann I. nicht ein erfolgreicher und respektierter Feldherr gewesen wäre, wären wir zusammengelegt worden. Ich weiss nicht mit wem, vielleicht mit Vorarlberg oder Bayern. Ich sagte meiner bayerischen Schwiegertochter: Dank Napoleon sind wir von den Bayern verschont geblieben.» (Fürst Hans-Adam II. lacht)

Die Folgen des  Ersten und Zweiten Weltkrieges für das Vermögen des Fürstenhauses

Fürst Hans-Adam II.: «Allein der Grundbesitz des Fürstenhauses in der Tschechoslowakei und in Österreich umfasste gegen Ende des 19. Jahrhunderts 1800 Quadratkilometer. Dann kam es in Folge des Ersten und des Zweiten Weltkrieges zu grossen Rückschlägen. Nach dem Ersten Weltkrieg ist der grösste Teil des Vermögens in der Tschechoslowakei enteignet worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist auch das übrige Vermögen in der Tschechoslowakei entschädigungslos enteignet worden.

Die Ländereien in Österreich waren von der Enteignung aber nicht tangiert und umfassen heute noch 200 Quadratkilometer, sind also immer noch grösser als Liechtenstein mit 160 Quadratkilometern.

Nach dem Krieg war mein Vater gezwungen, durch Verkäufe von Kunstwerken die Finanzierung der Monarchie, sowie der Familie einschliesslich seiner Geschwister sicherzustellen. Es ist ihm und seinen Brüdern nicht gelungen, das Vermögen neu aufzubauen. Die Ländereien in Österreich waren von der Enteignung aber nicht tangiert und umfassen heute noch 200 Quadratkilometer, sind also immer noch grösser als Liechtenstein mit 160 Quadratkilometern.

Die prekären Vermögensverhältnisse, mit denen das Fürstenhaus nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert war, haben den Ausschlag gegeben, dass ich an der Hochschule St. Gallen Volks- und Betriebswirtschaft studierte.»

Volksschule Vaduz, Schottengymnasium Wien, Matura in Zuoz und dann Hochschule St. Gallen

Erbprinz Hans-Adam wie auch seine Geschwister besuchten die Volksschule Ebenholz in Vaduz. Fürst Hans-Adam II. erinnert sich gut und gerne an diese Zeit zurück, an die Schulkameraden und meint: «Ja, ich habe mich schon sehr früh für Geschichte interessiert und ich hatte das grosse Glück, in der ersten Klasse David Beck als Lehrer zu haben, den Pionier der Archäologie in Liechtenstein. Er hat uns auch viel über die liechtensteinische Geschichte erzählt. Nach den ersten Klassen der Volksschule ging ich mit meinem Bruder Philipp ans Schottengymnasium nach Wien und mit 15 Jahren ins Internat des Gymnasiums nach Zuoz im Bündnerland. Ich absolvierte dort die Matura und studierte anschliessend Volks- und Betriebswirtschaft an der Hochschule in St. Gallen.»

Sanierung und Aufbau des Vermögens des Fürstenhauses

Fürst Hans-Adam II.: «Gleich nach dem Studium habe ich mit der Sanierung begonnen und als eine der ersten Massnahmen die Zentralverwaltung in Wien aufgelöst. Dabei habe ich mich in der Familie nicht beliebt gemacht, denn ich musste Betriebe schliessen, an denen Familienmitglieder beteiligt waren und andere Betriebe verkaufen. Es war eine ziemlich einschneidende Zeit und eine grosse Herausforderung. Aber im Endergebnis und im Rückblick betrachtet, muss ich sagen, dass sich die Anstrengungen gelohnt haben. Das Fürstenhaus ist heute wieder so reich, vielleicht sogar noch reicher wie vor den Enteignungen. Unser Vermögen ist weltweit in verschiedenen Branchen investiert.

Ich bin meiner späteren Frau zum ersten Mal auf Schloss Vaduz begegnet. Ich war damals etwa 15 Jahre alt. Als sie zur Türe hereinkam, wusste ich sofort, dass ich diese Frau heiraten werde und so ist es dann auch gekommen.

Eingangs des Interviews habe ich Fürst Hans-Adam II. gefragt, wie er seine Frau kennengelernt habe, worauf er ohne lange Überlegung antwortete: «Ich bin meiner späteren Frau zum ersten Mal auf Schloss Vaduz begegnet. Ich war damals etwa 15 Jahre alt. Als sie zur Türe hereinkam, wusste ich sofort, dass ich diese Frau heiraten werde und so ist es dann auch gekommen. Obwohl meine Eltern und die zukünftigen Schwiegereltern dagegen und der Ansicht waren, es wäre gescheiter, zuerst das Studium abzuschliessen, habe ich am 30. Juli 1967 Gräfin Marie Kinsky geheiratet. Ich studierte damals noch in St. Gallen. Wir wohnten zuerst in meiner Studentenbude. Als dann 1968 unser Sohn Louis (Erbprinz Alois) geboren wurde, sind wir in eine grössere Wohnung umgezogen. Max kam 1969, Constantin 1972 und Tatjana 1973 auf die Welt. Es war für uns sehr wichtig, die Kinder selbst zu erziehen. Auch ich habe dazu beigetragen und den Kindern die Flasche gegeben, die Windeln gewechselt, sie gewaschen und gebadet.»

Fürst, Staatsoberhaupt und Chef des Hauses Liechtenstein

Erbprinz Hans-Adam wurde 1984 als Stellvertreter des Fürsten Franz Josef II. eingesetzt und übernahm nach dessen Tod am 13. November 1989 die Regentschaft und wurde Chef des Hauses Liechtenstein. Fürst Hans-Adam II. hat schon in jungen Jahren politisch Stellung bezogen, denken wir nur an seine berühmte «Rucksackrede». Er bewegte sich schon früh auf dem internationalen Parkett und war bereits 1963 in Washington als Praktikant bei Senator Pell. Er bekam Einblick in die amerikanische Administration, lernte die UNO und die internationalen Institutionen kennen. Fürst Hans-Adam II. hat schon früh ein internationales Beziehungsnetz aufgebaut, das ihm den Zugang zu höchsten politischen Repräsentanten ermöglicht.

Auf die Frage, was für ihn besonders wichtig war, sagte Fürst Hans-Adam II.: «Für mich waren die Reform der Aussenpolitik sehr wichtig, die Mitgliedschaft in der UNO und die Mitgliedschaft im EWR. Die Verfassungsreform und das neue Hausgesetz waren ebenfalls Meilensteine. Diese Reformen habe ich durchgezogen, nachdem ich vorher das ganze Vermögen neu aufgebaut hatte. Als mir das alles gelungen ist, kam 2004 der Zeitpunkt, meinen Sohn Alois als Stellvertreter einzusetzen.»

Auf die Frage, was bedeuten 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein für unseren Staat, für uns Liechtensteiner und die ganze Bevölkerung, sagt Fürst Hans-Adam II.: «Ich glaube, wir können stolz und glücklich sein, dass wir das geschafft haben. Das ist schon erfreulich. Es ist nicht nur ein Verdienst des Fürstenhauses, sondern auch ein Verdienst der Bevölkerung. Der Widerstand gegen einen Anschluss in der Nazizeit. Die Reformen, die nötig waren und von der Bevölkerung mitgetragen wurden. Auch da haben wir weitsichtige Politiker gehabt, wie den Alexander Frick, der eine herausragende Persönlichkeit war und sich mit meinem Vater sehr gut verstanden hatte.»

Durchlaucht, wenn Sie ans Älterwerden denken, was kommt Ihnen dann in den Sinn?

«Ich bin stolz auf meine drei Söhne und meine Tochter und froh, dass ich die Aufgaben in ihre Hände übergeben konnte. Meine Frau und ich, wir freuen uns über die vielen Enkelkinder. Ich habe ein sehr schönes und erfolgreiches Leben mit meiner Frau zusammen gehabt und das geht dann irgendwann einmal zu Ende. Ich hoffe aber weiter auf gute Gesundheit. Ich habe noch ein spezielles Projekt, an dem ich arbeite. Das ist das Projekt mit den schwimmenden Städten …»

Was denken sie über die Zukunft?

«Wir sind in Europa in einer Friedensperiode, die es in dieser Länge seit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches nicht mehr gegeben hat. Ich wünsche mir, dass es so weitergeht wie bisher!

Durchlaucht, vielen Dank für das interessante Gespräch und alles Gute für Sie, Ihre liebe Frau und die ganze Familie!