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60Plus | 300 Jahre | August, 2019
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Wenn ich an Liechtenstein denke und an sein 
300-jähriges Bestehen

von Marlies Amann-Marxer, Eschen

Was auf den ersten Blick als Anachronismus der Geschichte erscheinen mag, erwies sich als segensreiche Symbiose. Für Liechtenstein mit seinen heute rund 38000 Einwohnern sorgt die aussergewöhnliche Verbindung von Demokratie und Monarchie für besondere Stabilität. 

Woher kommen wir?

Wenn ich an Liechtenstein denke und an sein 300-jähriges Bestehen – dann empfinde ich vor allem anderen ein Gefühl der Besonderheit. In den umliegenden europäischen Staaten gingen in den letzten 300 Jahren mehrfache grosse politische und gesellschaftliche Veränderungen vor sich. Oft waren diese verbunden mit Krieg, Leid und vielen Opfern. Die Besonderheit an Liechtenstein ist, dass es als so kleines Land, innerhalb seiner praktisch unveränderten Grenzen, durch die europäischen Wirrnisse der letzten 300 Jahre gekommen ist.

Zudem empfinde ich Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass unser ehemals armes Land sich zu einem souveränen und erfolgreichen Staat entwickeln konnte. Dankbarkeit auch, dass wir die politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen schaffen konnten, um aus unserer Gemeinschaft eine friedliche und wirtschaftlich erfolgreiche Nation zu machen.

Wie kommt es, dass gerade Liechtenstein solch günstige Entwicklungen durchmachen konnte? Der Grund liegt wohl darin, dass die Geschichte unseres Landes eng mit jener des Fürstenhauses von Liechtenstein verknüpft ist.

Das Fürstenhaus war interessiert an einem reichsunmittelbaren Fürstentum, und wenn auch das arme Land selbst mit seiner kleinbäuerlichen Bevölkerung für sie kaum von Interesse war, haben sie doch Verantwortung wahrgenommen. 

Ursprünglich führten familiäre und persönliche politische Interessen der damaligen Fürsten zur Zusammenführung den Landschaften Vaduz und Schellenberg. Das Fürstenhaus war interessiert an einem reichsunmittelbaren Fürstentum, und wenn auch das arme Land selbst mit seiner kleinbäuerlichen Bevölkerung für sie kaum von Interesse war, haben sie doch Verantwortung wahrgenommen. Sie haben das Land und seine Bevölkerung gefördert und Entwicklungen vorangetrieben. Durch kluge Entscheidungen von Fürsten sowie auch von Seiten der Bevölkerung gelang eine friedliche Entwicklung hin zur Demokratie, bei Fortführung und in Ergänzung zur Monarchie.

Wo stehen wir?

Zur politischen Stabilität in unserem Land kam durch die Industrialisierung in Europa der wirtschaftliche Aufschwung. Die Weltoffenheit der Liechtensteiner wurde ergänzt mit ihrer Innovationskraft, kluger Gesetzgebung sowie mit Fleiss und dem Willen zu Leistung und Erfolg. Auch schreibt man den Alemannen einen Hang zur Sparsamkeit, Verlässlichkeit und Bescheidenheit zu. Das Beachten eines soliden Wertesystems schafft Vertrauen im Umgang mit anderen.

Als weiterer Glücksfall erwies sich die enge Verbindung mit der Schweiz. Die bedeutsame Zoll- und Währungsunion mit der Schweiz war eine wichtige Grundlage für die erfolgreiche wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung und die politische Sicherheit in unserem Land. Über 100 weitere Verträge vertiefen diese enge Beziehung. Auch das gute Funktionieren unserer modernen staatlichen Strukturen ist teilweise ein Ergebnis von freundschaftlicher Unterstützung. Ich denke dabei an den regelmässigen Austausch und die enge Zusammenarbeit auf Ämterebene mit den Schweizer-Kantonen und dem Bund und die Teilhabe an Grundlagen und Entwicklungen in staatlichen Fachbereichen. Die Schweiz als unser engster und wichtigster Partner vertritt unser Land auch heute noch im Ausland dort, wo wir nicht selbst präsent sein können.

In der global vernetzten Welt ist es gerade für ein kleines Land zudem wichtig, auch international als souveräner Staat gesehen und als Partner anerkannt zu werden.  Mit dem UNO-Beitritt, mit verschiedenen internationalen Abkommen und weitreichenden Wirtschaftsverträgen beweisen wir Eigenständigkeit ebenso wie den Willen zu gemeinschaftlichem Handeln, wo dieses angezeigt ist.

Das Anerkennen, dass nicht alles «selbstgemacht» und «machbar» ist. Auch andere Gemeinschaften waren tüchtig und fleissig, ihre Geschichte ist dennoch weniger günstig verlaufen. Wir wissen, dass es auch bei uns hätte anders kommen können.

Der geschichtliche Werdegang unseres Landes zeigt, dass wir das Gegebene durch Tatkraft und kluge Entscheidungen zu entwickeln und zu nutzen wussten. Allerdings wird auch sichtbar, dass wir in mancher Hinsicht einfach nur «Glück gehabt» haben. Zur Dankbarkeit gesellt sich daher eine gewisse Bescheidenheit. Das Anerkennen, dass nicht alles «selbstgemacht» und «machbar» ist. Auch andere Gemeinschaften waren tüchtig und fleissig, ihre Geschichte ist dennoch weniger günstig verlaufen. Wir wissen, dass es auch bei uns hätte anders kommen können. Bescheidenheit ist daher angebracht, sie macht unser kleines Land sympathisch und kann unser Kollektiv auch vor Übermut und Leichtsinn schützen.

Wohin gehen wir?

Wenn ich an Liechtenstein und seine mögliche zukünftige Entwicklung denke, dann kommen Gefühle von Hoffnung, Optimismus und Verantwortung. Wir haben derzeit im Land ausgezeichnete Grundlagen für eine weitere gute Entwicklung. Grundsätzlich einig im Inneren sind wir als Gesellschaft offen und familiär: «Hoi metanand». Auch sind wir offen nach aussen, gesellschaftlich und emotional verbunden mit unseren direkten Nachbarn Schweiz und Österreich, sowie international eingebunden durch Verträge und durch Abkommen mit dem Rest der Welt. Der Staat ist schuldenfrei, das Staatsbudget ist ausgeglichen. Eine unserer grossen Stärken ist eine aktive Bevölkerung – aktiv in allen Belangen. Unser Bildungssystem ist gut; wir haben mehr Arbeitsplätze als Einwohner. Dabei ist die Natur intakt, wichtige Ressourcen wie Luft und Wasser sind von bester Qualität. Volksgesundheit und Lebensqualität sind hoch.

Wenn wir diese Grundlagen, unsere Erfahrung und unsere Kraft klug gebrauchen wie unsere Vorfahren und wenn dazu noch ein Quäntchen gute Vorsehung kommt, haben wir allen Grund für Optimismus. Dabei sollten wir wachsam bleiben, globale Entwicklungen beobachten und abschätzen, was sie für unser Land bedeuten könnten.

Allerdings endet unser Wirkungsbereich dort, wo wir, eingebunden im globalen Netzwerk, nur eine einzelne kleine Stimme haben. Unsere Verantwortung und politische Aufgabe besteht darin, diese kleine Stimme dort einzusetzen, wo sie für uns und andere den grösstmöglichen Nutzen bringt und gehört wird. Gerade als kleines Land haben wir Möglichkeiten, in Bereichen zu überzeugen, wo grosse Länder weniger Glaubwürdigkeit haben, da sie mannigfach verstrickt sind. Das Wahrnehmen von Verantwortung haben wir auch auf humanitärem Gebiet fortzuführen; nicht zuletzt als ein Zeichen der Dankbarkeit, dass wir vor vielem verschont geblieben sind.

Ich gratuliere dem Land, dem Fürstenhaus und der Bevölkerung zum 300-jährigen Bestehen! Unser Land ist Heimat für viele Menschen geworden. Ich wünsche Liechtenstein, dass die guten Entwicklungen fortgeführt werden können, und dass wir dort, wo es «harzt», imstande sind, gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Ich wünsche mir zudem, dass Liechtenstein geliebte Heimat bleiben kann für alle Menschen, die hier leben. Für jene, die es fortzieht aber, soll es der Ort sein, an den sie gerne denken und wohin sie immer und jederzeit zurückkehren können – genauso, wie es auf der letzten Seite in unserem Reisepass geschrieben steht – zurück nach Hause.