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60Plus | 300 Jahre | August, 2019
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Werner Huber, Alt-Bürgermeister von Götzis und Landtagsabgeordneter

gratuliert dem Fürstenhaus und den Liechtensteinerinnen und Liechtensteinern zum 300-Jahr-Jubiläum

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Liechtenstein und Vorarlberg stehen als gute Nachbarn – trotz Staatsgrenze – in stetem Austausch und haben auch viele Gemeinsamkeiten. Der Austausch funktioniert allein schon aufgrund der hohen Grenzgänger-Quote, des regen Handels, der Kulturangebote und verschiedener grenzüberschreitender Behörden. Wir als nicht mehr ganz junge Menschen haben zudem auch meist ähnliche Sorgen und Anliegen.

Rasante Entwicklung

Das Fürstentum Liechtenstein hat sich nach dem zweiten Weltkrieg wirtschaftlich rasant entwickelt. Die Liechtensteiner Wirtschaft mit ihren Leitbetrieben ist international top aufgestellt und auch weltweit tätig. Das gilt ebenso für Vorarlberg. Dabei hatte Vorarlberg hinsichtlich der industriellen Entwicklung einen massiven Strukturwandel zu bewältigen. War auch noch lange nach dem zweiten Weltkrieg in Vorarlberg die Textilindustrie tonangebend, so ging diese in den 1970er bis 1980er-Jahren fast zur Gänze verloren. Der Hauptgrund für diese Entwicklung war die Konkurrenz durch Billiglohnländer. Es gelang jedoch ein beachtlicher Strukturwandel hin zu anderen Industriezweigen. Stark exportorientierte Metallverarbeitungsbetriebe und international agierende Lebensmittelproduktionen prägen zusammen mit High-Tech-Betrieben und innovativen bodenständigen Handwerksbetrieben das wirtschaftliche Geschehen. Dazu kommt in Vorarlberg auch eine sich bestens entwickelnde Tourismusbranche – in der vergangenen Wintersaison waren immerhin circa 4,6 Mio. Nächtigungen zu verzeichnen.

Die Liechtensteiner wie die Vorarlberger Mundarten sind alemannischen Ursprungs. Das alltägliche Sprechen ist heute in beiden Ländern nicht mehr ganz so durchgängig alemannisch; da gab es hüben wie drüben im Laufe der Jahrzehnte doch enorme Veränderungen.

Liechtenstein wie auch Vorarlberg haben nicht über Einwohnerschwund zu klagen. Beide Länder haben einen konstanten Einwohnerzuwachs zu verzeichnen. Das liegt auch daran, dass beide Länder in jeder Hinsicht attraktive Rahmenbedingungen bieten. Vorarlberg hatte Ende März 2019 d.J. exakt 395929 Einwohner, davon hatten 324733 die österreichische Staatsbürgerschaft, gefolgt von 17653 deutschen und 13057 türkischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern. Die Liechtensteiner wie die Vorarlberger Mundarten sind alemannischen Ursprungs. Das alltägliche Sprechen ist heute in beiden Ländern nicht mehr ganz so durchgängig alemannisch; da gab es hüben wie drüben im Laufe der Jahrzehnte doch enorme Veränderungen.

Landschaftlich sind wir stark vom Rhein geprägt, er ist für beide Länder Grenzfluss zur Schweiz. Bei uns ist derzeit das Rhesi-Projekt (Rhein-Erholung-Sicherheit) Tagesgespräch. Dieses von Österreich und der Schweiz gemeinsam zu stemmende Grossprojekt soll auf Grundlage eines Staatsvertrages in den nächsten 20 Jahren umgesetzt werden … wahrlich keine leichte Aufgabe.

Gerne bietet Vorarlberg auch den «landschaftlichen Rücken» für das Fürstentum, kann sich das Land doch am Rätikon und am Walgau sozusagen anlehnen.

Viele Gemeinsamkeiten

Wir haben viele Gemeinsamkeiten, unter anderem auch die Einteilung in Unter- und Oberland. Bei uns wird das Rheintal vom Bodensee bis zum Kummenberg als Unterland und vom Kummenberg bis Feldkirch als Oberland bezeichnet. Dass Oberländer und Unterländer nicht immer einer Meinung sind, soll angeblich nicht nur für Vorarlberg gelten.

Kirchlich-kulturell sind wir etwas anders organisiert. In Vorarlberg gibt es keine Landeskirche. Bei uns agiert die Diözese Feldkirch «selbständig», sie ist aber ebenfalls römisch-katholisch. Die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft ist bei uns der Islam.

Bedingt durch die demographische Entwicklung und die sich stetig nach oben entwickelnde Lebenserwartung wurden auch wir vor neue Herausforderungen gestellt. Inzwischen besteht in Vorarlberg eine gut ausgebaute Pflegeheimlandschaft. 

Im sozialen Bereich hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Bedingt durch die demographische Entwicklung und die sich stetig nach oben entwickelnde Lebenserwartung wurden auch wir vor neue Herausforderungen gestellt. Inzwischen besteht in Vorarlberg eine gut ausgebaute Pflegeheimlandschaft. Unser diesbezügliches Problem liegt nicht bei der Infrastruktur, sondern beim Personalmangel. Wir sind deshalb sehr bemüht die Ausbildung, wie immer möglich, zu forcieren. Neben der schon lange bestehenden schulischen Ausbildung zur Pflegefachkraft besteht seit kurzem auch die Möglichkeit, an der Fachhochschule Vorarlberg Pflege zu studieren. Eine Pflegelehre nach schweizerischem Vorbild ist ebenfalls angedacht.

Dem Pflegeheim vorgelagert, wird auch das «betreute Wohnen» forciert. Da gibt es beispielsweise Wohngruppen für Menschen, die noch keine Rundumbetreuung brauchen, aber trotzdem im häuslichen Umfeld nicht mehr ganz zurande kommen.

Grundsätzlich gilt bei uns jedoch weiterhin die Regel: «So viel wie möglich ambulant, so viel wie nötig stationär». In Vorarlberg werden immer noch 85 Prozent Pflegebedürftige im häuslichen Umfeld, also ambulant, gepflegt und betreut. Das ist ein sehr hoher Wert, diesen gilt es so lange wie möglich zu halten. Das Land hat im Zuge der Budgeterstellung für 2019 weitere Geldmittel zur Stärkung der ambulanten Dienste eingesetzt. Damit können unter anderem die Krankenpflegevereine und die mobilen Hilfsdienste ihre Angebote erweitern. Eines ist jedoch klar: Ohne den großen Einsatz der pflegenden Angehörigen und von ehrenamtlich Engagierten sind diese hohen Sozialstandards nicht zu halten.

Gute Rahmenbedingungen für ältere Menschen

Gegen eines wehre ich mich jedoch mit aller Macht: Es darf nicht sein, dass ältere Menschen sehr oft in erster Linie als Kostenfaktor dargestellt und auch so gesehen werden. Ältere Menschen haben in aller Regel viel geleistet und sie tun es, solange sie irgendwie können. Alleine die Familiendienste und das ehrenamtliche Engagement der älteren Generation sind Goldes wert.

Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass in Liechtenstein und Vorarlberg die Rahmenbedingungen für uns ältere Menschen sehr gut sind. Wir haben eine sehr gute medizinische Versorgung und soziale Standards, die uns Sicherheit geben. Das ist nicht selbstverständlich und nicht überall so.

Ich gratuliere allen Liechtensteinerinnen und Liechtensteinern zu ihrem stolzen 300-Jahr-Jubiläum und wünsche dem Fürstenhaus und der ganzen Liechtensteiner Bevölkerung weiterhin alles Gute!

Werner Huber

  • Geboren 1947
  • Verheiratet, 3 Kinder, 6 Enkelkinder
  • Wohnort Götzis
  • Landtagsabgeordneter Vorarlberg
  • Landesseniorenbeirat Vorarlberg, Vorsitzender
  • Seniorenrat Österreich, Mitglied
  • Seniorenbund Vorarlberg, Obmann
  • Rheintalische Grenzgemeinschaft, Ehrenpräsident
  • Marktgemeinde Götzis, Alt-Bürgermeister