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60Plus | Fokus | September, 2025
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Amateurtheater in Liechtenstein

Teil 2: Die Freilichtspiele
von Mathias Ospelt

Die Serie über das Amateurtheater beschäftigt sich in mehreren Teilen mit den Anfängen zu Ende des 19. Jahrhunderts, des weiteren Verlaufs im 20. Jahrhundert sowie dem heutigen Stand des Laientheaters in Liechtenstein. Nachdem es im ersten Teil (2/2025) um die ersten heimischen Theaterschritte ging, die durch die in der Verfassung von 1862 festgelegten Vereins- und Versammlungsrechte ermöglicht wurden, stehen im heutigen Beitrag die ab 1912 sporadisch und meistens mit Laien aufgeführten Freilicht-Festspiele im Zentrum.

Die in Liechtenstein über die Freilichtbühne gegangenen Theateraufführungen, die in der Regel einen Festspiel-Charakter hatten, lassen sich an zwei Händen abzählen: 1912 wurde erstmals in Liechtenstein ein Freilicht-Festspiel aufgeführt. Zum Jubiläum «200 Jahre Oberland» wurde auf einer Bühne vor dem Schloss Vaduz (Schlosswiese) das von Landesvikar und Landesschulkommissar Johann Baptist Büchel (1853–1927) verfasste Theaterstück mit dem etwas langatmigen Titel «Bilder aus der Geschichte, dramatisch vorgeführt am Jubiläums-Feste zur 200. Wiederkehr des Jahrestages der Übergabe der Grafschaft Vaduz an das fürstliche Haus Liechtenstein. 1712 . 1912» unter Mitwirkung von über 100 Laiendarstellerinnen und -darstellern gegeben. Allerdings fand diese Aufführung nur einmalig und zwar am 14. Juli 1912 statt. Mit sechs- bis siebentausend Zuschauern (Schätzung des «Volksblatts», 19.7.1912) dürfte dies auch 113 Jahre später die bestbesuchte Theatervorstellung in Liechtenstein sein!

Das «Volksblatt» berichtete damals (19.7.1912): «Reizend waren die Bilder in der Bauernhochzeit: Der Reigen, aufgeführt von Zöglingen aus dem Institut Gutenberg, das Waffenspiel der Landesschüler und der Sechsertanz. Imposant wirkte der dritte Akt, in welchem die ernsten Gestalten der Richter zu einer Gerichtssitzung austraten. Tiefen Eindruck machten der Abschied der gräflichen Familie und die Huldigung vor dem mit Blumen und Kränzen geschmückten Bilde des Fürsten Johann Adam, welches Bild von einem hierortigen, künstlerisch veranlagten jungen Manne nach einem im hiesigen Regierungsgebäude befindlichen Gemälde angefertigt wurde. Die sehr gelungene, von den Zuschauern reichlich applaudierte Darstellung des trefflich abgefassten Festtextes, die farbenprächtigen Kostüme der in der Waldwiese herrlich eingebettete Festplatz mit dem Ausblick auf das Schloss und das Rheintal stimmten die Festfreude höher.» Auftrag zufriedenstellend ausgeführt, kann man da nur sagen! Auszüge aus dem Festspiel-Text von Johann Baptist Büchel wurden 100 Jahre später anlässlich der 300-Jahr-Feier von Ingo und Mathias Ospelt sowie Marco Schädler auf dem Peter-Kaiser-Platz vorgelesen. Das Interesse war allerdings gering.

Walter von der Vogelweide

Das nächste Freilichtspiel fand erst 12 Jahre später, allerdings wieder auf Schloss Vaduz statt. «Herr Walther von der Vogelweide» hiess das «Vaterländische Burgenspiel» aus der Hand von Rudolf Lorenz (Musik: Heinz Schwier). Wie es zu diesem Stück kam, das mehrmals (jeweils vor rund 2000 Zuschauern) aufgeführt wurde, aber an sich absolut nichts mit Liechtenstein zu tun hatte, lässt sich heutzutage nicht mehr feststellen. Eine Vermutung ist, dass hier versucht wurde, Freilichtspiele in Liechtenstein zu institutionalisieren und damit womöglich einen Geschäftszweig aufzubauen. Wie dem auch sei, das Stück kam erneut sehr gut an, wie ein begeisterter Zuschauer berichtete: «Und damit zur Erstausführung am letzten Sonntag! Mit einem Wort: Prächtig! Allen mitwirkenden Kräften, allen, die überhaupt zum Gelingen des Spieles beitrugen, gebührt neidloses Lob. Wohl zeigten sich da und dort noch kleine Ritzchen, wohl war es erkenntlich, dass nicht alles Berufsschauspieler sind wie der Darsteller der Hauptrolle, Hofschauspieler [Richard] Hahn, aber das Spiel in der Gesamtwirkung war des brausenden Beifalles der Zuschauer würdig. Kaum hätte ichs für möglich gehalten, dass einfache Männer und Frauen, Burschen und Mädchen so Treffliches leisten können. Das war kein fades Herunterleiern, da pulste Leben, sprach Erleben!» («Volksblatt», 5.7.1924)

Angesichts der damals noch weit verbreiteten Landwirtschaft in Liechtenstein und den damit gerade in den Sommermonaten notwendigen Arbeiten eine erstaunliche Frequenz.

Der letzte Gutenberger

Bereits ein Jahr später wurde auf der Burg Gutenberg das Freilichtspiel «Der letzte Gutenberger» gegeben, ein «heimisches Burgenspiel» des in Balzers lebenden Publizisten Karl Josef Minst (1898–1984). Das im Schwabenkrieg (1499) angesiedelte Stück, das direkten Bezug auf den Aufführungsort und die Landesgeschichte nahm, erfreute sich ebenfalls grosser Begeisterung. Gemäss Inserat im «Volksblatt» wurde das Burgenspiel von «Juni bis September jeden Sonntag aufgeführt». Angesichts der damals noch weit verbreiteten Landwirtschaft in Liechtenstein und den damit gerade in den Sommermonaten notwendigen Arbeiten eine erstaunliche Frequenz. In einer Besprechung, die allerdings erst drei Wochen nach der Premiere erschien, schrieb ein «dankbarer Besucher»: «In der Ausführung kommen die Gedanken, denen Minst in diesem Spiele Ausdruck verleihen will: Der alte und ewig neue Kamps zwischen Liebe und Pflicht, die Anhänglichkeit und Treue bis in den Tod gegenüber der verlorenen Heimat so ganz anders und ergreifender zum Ausdruck, als der Leser des Stückes ahnt. Es ist natürlich für den ausführenden Verein, den Sängerbund Balzers, ein besonderes Glück, dass der Verfasser, Herr Minst selbst, die Hauptrolle, jene des letzten Gutenbergers, übernahm. Man sieht sofort, wie er die Handlung tief erfasst und man möchte sagen durchlebt. Und mit ihm zusammen wirken eine Reihe ebenbürtiger Kräfte, die der Sängerbund aus seinen eigenen Reihen und aus den Reihen der Balzner Jungfrauen stellt.» («Volksblatt», 22.7.1925) Heuer, 100 Jahre nach seiner Erstaufführung, wurde dieses patriotische Stück noch einmal unter der Regie von Nikolaus Büchel und einem Ensemble, das sich aus Profis, Halbprofis und Laien zusammensetzte, abermals mit grossem Erfolg aufgeführt. Allerdings war es notwendig, den ursprünglichen Text ein wenig von heutzutage nicht mehr zeitgemässen Formulierungen und allzu pathetischen Wendungen zu befreien. Entstanden ist daraus eine sehr unterhaltsame Neuauflage, die geschickt die Verbindung von 1925 bis 2025 schaffte.

Drei Bilder

1949, anlässlich der 250-Jahr-Feier des Landes Liechtenstein, kam es erstmals im Unterland zu einem Festspiel, welches allerdings in den allgemeinen Festakt eingebettet war. Der Schaaner Lebensmittelinspektor Josef Beck war der Verfasser von «Drei historische Bilder zur 250 Jahrfeier in Eschen 1699 –1949», in dem auf dem Eschner Rofenberg in drei Akten der Übergang von der Schreckensherrschaft der Hohenemser zu den neuen Herren aus Wien nachgezeichnet wurde. Die Festspiel-Berichterstattung des «Vaterlands» (3.8.1949) war ungewohnt blass und eintönig: «Alles in allem: Einige vaterländische Weihestunden, die alle Zuschauer in hohem Masse befriedigten. Unseren Unterländern herzlichen Dank für das Gebotene!» Ob es daran lag, dass – wie in einer Anmerkung erwähnt – die Redaktion nicht zum Festakt eingeladen worden war? Honi soit …

Vaduz 1956

Das Festspiel «Vaduz 1956», das im August 1956 aus Anlass der Feierlichkeiten rund um die «150 Jahrfeier Liechtensteinischer Souveränität» aufgeführt hätte werden sollen, ist kaum bis gar nicht bekannt. Dies hat zwei Gründe: es wurde nie fertiggeschrieben und wurde nie aufgeführt! Allerdings war die Tatsache, dass zweieinhalb Monate vor der Premiere nur der erste Akt des geplanten Dreiakters vorlag, wenn, dann nur sekundär dafür verantwortlich, dass das Festspiel einen Monat vor Aufführungsbeginn abgesagt wurde. Der Hauptgrund war, dass der Autor und Regisseur des Stücks, der renommierte Schweizer Theatermann Dr. Oskar Egger, am 28. Juni 1956, also rund eineinhalb Monate vor der Premiere, an einem Blinddarmdurchbruch verstorben war. Und in der kurzen verbliebenen Zeit liess sich niemand finden, der das halbfertige Festspiel hätte fertigschreiben und einproben können. So kam die «Kommission zur 150 Jahrfeier» schliesslich auch davon ab, die anfänglich geplante Verschiebung um ein Jahr gänzlich abzusagen. Dies sorgte allerdings nicht nur für Verärgerung bei dem mit der musikalischen Bearbeitung betrauten Rudolf Schädler, sondern auch bei Edwin Nutt, dessen patriotische Festspiel-Eingabe «Unser Erbe» als Erstlingswerk bei der Endauswahl gegenüber dem Konzept des theatererfahrenen Eberle (u. a. Einsiedler Welttheater und Tellspiele Altdorf) das Nachsehen gehabt hatte. Allerdings lag Nutts Stück in einer spielbaren Fassung vor!

Im eingespielten Team mit Nikolaus Büchel (Regie) und Marco Schädler (Musik) wurden aber beide Festspiele dennoch zu schönen und nur wenig staatszersetzenden Erfolgen.

Der Ritter und der Zirkus

1999 und 2006 wurde wieder gross gefeiert: Zuerst galt es, sich an «300 Jahre Unterland» zu erinnern, und danach an «200 Jahre Souveränität». Zu beiden Jubiläen waren Festspiele im Rahmenprogramm vorgesehen: «Der Ritter vom Eschnerberg» (1999, Bendern) und «Le Cirque Souverain» (2006, Eschen). Beide Male wurde der Autor dieses Beitrags als Festspiel-Autor beauftragt. Dies war insofern beachtlich, da er sich im Vorfeld als Verfasser kabarettistisch-satirischer Texte nicht überall Freunde gemacht hatte. Im eingespielten Team mit Nikolaus Büchel (Regie) und Marco Schädler (Musik) wurden aber beide Festspiele dennoch zu schönen und nur wenig staatszersetzenden Erfolgen. Nun, der Autor kannte offenbar den Unterschied zwischen Kabarett und Festspiel. Wurde der «Ritter vom Eschnerberg» noch mit zahlreichen Schauspielerinnen und Schauspielern aus dem nahen Ausland besetzt, so konnte der Regisseur beim «Cirque Souverain» bereits auf ein Ensemble an heimischen Darstellerinnen und Darstellern zurückgreifen, das sich nicht nur aus äusserst talentierten Laien wie Katja Langenbahn-Schremser, Thomas Hassler, Joachim Batliner und Daniel Batliner zusammensetzte, sondern auch aus entsprechend ausgebildeten Profis wie Ingo Ospelt, Thomas Beck, Alexander Biedermann, Andreas Konrad, Leander Marxer und Christiani Wetter. Aufgrund der Tatsache, dass beide Festspiele vom heimischen Publikum sehr gut aufgenommen wurden, entstand damals die Idee, in Zukunft in regelmässigen Abständen Freilicht-Aufführungen durchzuführen. Aufgrund der lokalen Man- und Womanpower in allen für das Theater notwendigen Bereichen (AutorInnen, RegisseurInnen, DarstellerInnen, SängerInnen, TänzerInnen, TechnikerInnen) wäre dies wohl nicht nur für das geneigte Publikum wünschenswert gewesen. Dass es nicht dazu kam, ist eigentlich nicht wirklich nachvollziehbar. Am Geld wird es hoffentlich nicht gelegen sein. (wird fortgesetzt)