von Gabi Eberle

Durch ihren Einsatz schenken sie den Bewohnenden Zeit und Aufmerksamkeit, leisten einen wertvollen Beitrag zu deren Lebensqualität, bringen Freude und Abwechslung in ihren Alltag. «Sie sind Gold wert», sagt Anni Spagolla, leitende Freiwilligenkoordinatorin der liechtensteinischen LAK-Häuser, in ihrer Funktion zuständig für das Haus St. Laurentius in Schaan. Die Wichtigkeit der Freiwilligenarbeit betonte auch Erbprinz Alois in seiner diesjährigen Ansprache auf der Schlosswiese am 15. August, Liechtensteins Staatsfeiertag. Diese trage einen bedeutenden Teil zur gesellschaftlichen Resilienz und Stabilisierung bei. Gleichzeitig rief er zur konsequenten Umsetzung der im Februar 2024 von der Regierung vorgestellten Altersstrategie 1 auf.
Wie kam es, Frau Spagolla, dass Sie sich bei Ihrer Berufswahl für die Arbeit mit älteren Menschen entschieden haben und diesem Bereich bis heute treu geblieben sind?
Anni Spagolla: Als Jugendliche absolvierte ich im Pflegeheim St. Otmar in St. Gallen ein Praktikum, konnte mir zu Anfang jedoch absolut nicht vorstellen, später in dieser Richtung tätig zu sein. Von meiner Mutter motiviert, zog ich die Wochen trotzdem durch und fühlte mich zusehends wohler. Schlussendlich stand für mich fest, die Ausbildung zur Pflegefachfrau zu absolvieren, wobei meine Vorliebe während der gesamten Zeit der Geriatrie galt. Mittlerweile bin ich seit 38 Jahren innerhalb der Liechtensteinischen Alters- und Krankenhilfe LAK tätig (beruflicher Werdegang siehe Box), arbeitete im Lauf der Zeit in unterschiedlichen Bereichen, konnte mich weiterentwickeln und immer wieder Neues lernen. So blieb und bleibt es spannend, abwechslungsreich und mit viel Freude verbunden.
Einen Bewerbungsprozess in dem Sinne gibt es nicht. Es findet ein Informationsgespräch statt, wo Interessen, Motivation, Einsatzmöglichkeiten etc. besprochen werden.
Wie gewinnen Sie freiwillige Helferinnen und Helfer? Durchlaufen Interessierte einen Bewerbungsprozess?
Der Grossteil der Freiwilligen meldet sich durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Manchmal sind es auch Angehörige, die Einblick in den Alltag eines Alters- und Pflegeheims bekommen, sehen, wie schön es sein kann, dort zu arbeiten und sich dann als Freiwillige zur Verfügung stellen. Ab und zu schalte ich Inserate auf der Homepage des Seniorenbundes, www.freiwillig.li. Einen Bewerbungsprozess in dem Sinne gibt es nicht. Es findet ein Informationsgespräch statt, wo Interessen, Motivation, Einsatzmöglichkeiten etc. besprochen werden. Grundsätzlich sollten die potenziellen Freiwilligen die Bereitschaft mitbringen, sich auf die Bedürfnisse der älteren Menschen einzulassen und gute Zuhörer sein. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Die meisten unserer Freiwilligen sind im Pensionsalter – unsere älteste ist mittlerweile 94! Was uns besonders freut: Auch Jugendliche, die z. B. vor dem Antritt einer Arbeitsstelle oder eines Studiums stehen, sind im Einsatz – meist mit eher zeitlich beschränkten, kürzeren Engagements.
Haben potenzielle Freiwillige die Möglichkeit, selbst zu wählen, wo und wie sie sich engagieren möchten? Und: Sind Einsätze zeitlich festgelegt bzw. verpflichtend?
Der Prozess gestaltet sich vom Prinzip her so, dass wir für den betreffenden Bewohnenden, seinem Bedürfnis entsprechend, einen passenden Freiwilligen suchen. Die Hintergrundinformationen erhalte ich jeweils im Austausch mit unserem Pflegepersonal. Im Umkehrschluss kommen natürlich auch potenzielle Freiwillige mit eigenen Ideen auf uns zu, was mich immer sehr freut. Ich kläre anschliessend ab, wiederum in Absprache mit den Pflegenden, wo und in welchem Rahmen jemand gebraucht wird. Zeitlich sind die Einsätze variabel, je nach zur Verfügung stehender Zeit. Im Sinne der Bewohnenden und des Personals sind wir aber auf Zuverlässigkeit angewiesen – sei das Engagement nun kurz- oder langfristig. Unsere Rikscha-Fahrer sind beispielsweise jeweils von März bis Oktober unterwegs, stets ausgebucht und erfüllen (fast) jeden Wunsch – von der Ausfahrt an den Rhein bis zum Eisessen im Dorf.

Gibt es eine finanzielle Aufwandsentschädigung?
In dem Sinne nicht, jedoch sind hier im Haus der Kaffee und nicht alkoholische Getränke selbstverständlich kostenlos und bei Ausflügen sind die Freiwilligen unsere Gäste. Zudem organisieren wir jährlichen einen grossen Freiwilligenanlass (Film: Freiwilliges Engagement, www.lak.li) bieten kostenlose Weiterbildungen an wie z. B. einen Basiskurs Demenz, Erste Hilfe, Palliativ-Basiskurse oder Letzte Hilfe in Zusammenarbeit mit dem Verein Hospiz Liechtenstein und für Transportfahrten steht ein entsprechender Pkw zur Verfügung. Falls gewünscht, stellen wir jährlich einen Sozialzeitausweis aus, welcher u. a. die aufgewendeten Stunden belegt. Die jüngeren Helfer können diesen z. B. einer Bewerbung beilegen oder im Lebenslauf aufführen. Der Dienst am Mitmenschen bringt zwar keine finanziellen, dafür aber soziale und persönliche Vorteile wie die Erweiterung des eigenen Netzwerkes, den Erwerb neuer Fähigkeiten, ist spannend, bereichernd und macht, wie uns die Rückmeldungen zeigen, vor allem viel Freude!
Ebenso wertvoll ist es, einfach Gesellschaft zu leisten, zuzuhören oder sich in einem Gespräch auszutauschen.
In welchen Bereichen ist ein freiwilliges Engagement in den LAK-Häusern möglich?
Das Spektrum der Möglichkeiten ist vielfältig: Spaziergänge, Karten oder Lotto spielen, Vorlesen, Mithilfe beim Frühstück oder Mittagessen, Fahrdienste, Besorgungen, Singstunden begleiten. Seit vielen Jahren engagieren sich Frauengruppen, die unsere Häuser regelmässig mit selbst gebackenem Kuchen bereichern. Ebenso wertvoll ist es, einfach Gesellschaft zu leisten, zuzuhören oder sich in einem Gespräch auszutauschen. Bei unseren Ausflügen – z. B. zum Kräutergarten nach Mauren oder, bei den LAK-Bewohnenden unumstritten das jährliche Highlight, der jährliche Besuch der Alp Valüna – sind wir um Transportbus-Fahrer und Begleitpersonen besonders froh.
Man sieht: Jedes Engagement ist willkommen, ein Gewinn für alle Beteiligten und bedeutet für uns und unsere Pflegekräfte eine wertvolle Unterstützung. Zudem bringen die Freiwilligen das Leben vom Dorf zu uns ins Haus bzw. den Seniorinnen und Senioren. Im Café herrscht oft reges Kommen und Gehen. Zwischendurch gibt’s auch mal ein Ständchen der Jodler und kürzlich haben uns die Alphornbläser besucht …
Wer steht in der Verantwortung – auch versicherungstechnisch -, wenn sich bei einem Einsatz, z. B. beim Spazierengehen mit einem Bewohnenden, ein Unfall ereignet oder ein gesundheitliches Problem auftaucht?
Ein Freiwilligeneinsatz wird stets im Voraus mit den Angehörigen sowie der pflegerischen Bezugsperson abgesprochen. Die freiwilligen Mitarbeitenden werden sorgfältig in ihre Aufgaben eingeführt und kontinuierlich begleitet. Im Falle eines medizinischen Notfalls gilt es, Ruhe zu bewahren, Erste Hilfe zu leisten und bei Bedarf professionelle Hilfe zu organisieren. Die Freiwilligen werden zudem darauf hingewiesen, beispielsweise bei Spaziergängen ein Telefon mitzuführen. Bislang kam es glücklicherweise zu keinen schwerwiegenden Vorfällen.
Die Vereinten Nationen erklärten das Jahr 2001 zum Jahr der Freiwilligenarbeit und unterstrichen damit die Wichtigkeit des Engagements der Ehrenamtlichen für den sozialen Zusammenhalt. In Liechtensteins Altersheimen, wie die LAK-Häuser früher genannt wurden, gehören die Besuche der Freiwilligen schon seit vielen Jahren zur Tradition …
Wenn ich mich an meine Anfänge im Vaduzer Betagtenwohnheim 1986 zurückerinnere, kamen schon damals jeden Mittwoch Mitglieder des Frauenvereins mit selbst gebackenem Kuchen vorbei und das machen sie heute noch – einfach grossartig! Bei uns hier in Schaan kommen die Frauenvereins-Frauen jeden ersten Dienstag im Monat zum «Kuchennachmittag» – für die Bewohnenden ein jeweils mit Freude erwarteter Fixtermin!
Eine unserer langjährigsten Frauen kommt bereits seit 40 Jahren regelmässig zu uns. Während der Corona-Zeit habe ich einmal aus Interesse nachgerechnet: Bis dahin hatte sie rund 500 Kilogramm Mehl verarbeitet. Und das ist nur eine von vielen beeindruckenden Geschichten. An dieser Stelle liessen sich unzählige weitere, lustige, emotionale und berührende Erlebnisse erzählen, denn unser freiwilliges Team leistet Tag für Tag einen unbezahlbaren und grossartigen Beitrag.

Bei Ihnen treffen verschiedene Charaktere mit unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinander. Dass sich jede und jeder wohlfühlt, ist sicher kein leichtes Unterfangen, und nicht jeder ist der Typ für Aktivitäten …
Das Haus St. Laurentius ist in drei Wohngruppen gegliedert, darunter eine spezialisierte Abteilung für Menschen mit Demenz. Neben den Aufenthaltsräumen steht auch ein Café zur Verfügung. Unsere 48 Zimmer sind die privaten Rückzugsorte der Bewohnenden – ihre eigenen vier Wände, ihr Zuhause. Feste Besuchszeiten gibt es nicht; Angehörige sind jederzeit willkommen und können ihre Besuche so gestalten, wie es für sie passend ist.
Die vielfältigen Aktivitäten verstehen wir als Angebote, die nach Interesse genutzt werden können. Gemeinsam mit der Aktivierung gestalten wir ein abwechslungsreiches Programm, das auf die Bedürfnisse und Wünsche unserer Bewohnenden eingeht. Dabei ist es uns ein besonderes Anliegen, unsere freiwilligen Mitarbeitenden einzubeziehen, ihre Fähigkeiten einzubringen und ihre wertvolle Unterstützung bestmöglich zu nutzen.
Auch im Pflegebereich haben sich die Strukturen verändert, wurden ausgebaut. Es gibt nutzbare Möglichkeiten wie z. B. die Spitex, 24-Stunden-Hilfe, wodurch die älteren Menschen zu Hause auch medizinisch besser versorgt sind und länger dortbleiben können.
Die Lebenserwartung ist in Liechtenstein seit 1995 um 6,4 Jahre auf 83,9 Jahre angestiegen. Das birgt Herausforderungen für die Sozialsysteme, Pflege, Medizin. Was hat sich aus Ihrer Sicht im Laufe der Zeit, seit Sie in diesem Bereich tätig sind, verändert?
Innerhalb der letzten zwanzig Jahre haben sich die die Alters- und Pflegeheime hier im Land deutlich weiterentwickelt. Alle sind modernisiert worden, weisen heute einen hohen Standard auf und bieten für die Senioren im Bedarfsfall Übergangs- oder Ferienzimmer. Vieles ist flexibler. Auch im Pflegebereich haben sich die Strukturen verändert, wurden ausgebaut. Es gibt nutzbare Möglichkeiten wie z. B. die Spitex, 24-Stunden-Hilfe, wodurch die älteren Menschen zu Hause auch medizinisch besser versorgt sind und länger dortbleiben können.
Die Folge dieser Entwicklung ist, dass sich das Eintrittsalter in eine Langzeitpflegeeinrichtung insgesamt nach oben verschoben hat. In den LAK-Häusern liegt das Durchschnittsalter derzeit bei 82 Jahren. In den vergangenen Jahren hat sich dieses jedoch wieder leicht nach unten entwickelt. Der Grund dafür ist die steigende Zahl jüngerer pflegebedürftiger Personen in unserer stationären Langzeitpflege sowie in der sozialpsychiatrischen Abteilung.
Diese Veränderung führt zu einem vielfältigeren und komplexeren Krankheitsbild, das wiederum mit einem erhöhten Pflegebedarf verbunden ist. Mit diesen Veränderungen gilt es umzugehen und sich den Bedürfnissen anzupassen.
