von Mathias Ospelt

Wir sind kein Volk von Entschuldigern. «Tut mir leid» zu sagen, fällt uns schwer. Reue ist etwas, das über die Wohlstandsjahre aus unseren bäuerlichen Genen geschwemmt wurde und nun viel eher als Charakterschwäche angesehen wird. Früher gab es für diese Art der Selbstbezichtigung noch den Beichtstuhl in der Kirche, aber dieser wurde durch die Social Media ersetzt, wo wir uns ohne Vaterunser und Lossprechung über Fremdschämen und Guilty Pleasures (ein reuiges Vergnügen bzw. ein schamvolles Laster) austauschen können. Aber wie entschuldigen wir uns im Dialekt, sollten wir dennoch einmal einen Reueanfall haben?
Mein Fehler war entstanden, da ich bei der Recherche im Internet «36 heb auf!» eingegeben hatte und Google hatte mir dann «32 heb auf!» ausgespuckt, da er vom Skat ausgegangen war.
Kürzlich ist es wieder einmal passiert. In meinem Mundartbeitrag über das «Jassen» (01/25) schrieb ich in der Eile des Abgabetermins vom Scherzspiel «32, heb uuf». Das war natürlich Quatsch! Und wie mich zwei aufmerksame Leser des 60Plus freundlich, aber bestimmt erinnerten, heisst dieses Spiel in unseren Breitengraden «36, heb uuf!», da unsere Spielkarten 36 Einzelkarten aufweisen. Mein Fehler war entstanden, da ich bei der Recherche im Internet «36 heb auf!» eingegeben hatte und Google hatte mir dann «32 heb auf!» ausgespuckt, da er vom Skat ausgegangen war. Und beim Skat gibt es nur 32 Karten …
Warum erwähne ich das? Ich habe damals den beiden Lesern geantwortet und ihnen meinen Lapsus erklärt. Beim Schreiben suchte ich eine Dialektvariante, die eine Art von Entschuldigung ausdrückt, aber nicht kniefallend, sondern erläuternd. Mehr als das inzwischen eingedeutschte «Sorry!» fiel mir aber nicht ein. Und das wollte ich nicht schreiben. So schrieb ich schliesslich «Mea culpa!», was zwar ebenfalls kein Mundartausdruck ist, aber immerhin hat er einen katholischen Hintergrund.
Äxgüsi und Pardon
Die folgenden Ausführungen beruhen für einmal weniger auf Sekundärliteratur wie sie u. a. Joseph Ospelt (Vaduzer Sprüche) oder Alexander Frick (Liechtensteiner Mundart allgemein) verfassten, sondern auf dem eigenen Sprachgebrauch und auf eigenen Beobachtungen. Interessanterweise finden sich weder bei Frick noch bei Ospelt Beschäftigungen mit diesem Thema. Auch Jutz (Vorarlbergisches Wörterbuch) hält sich hier vornehm zurück. Er erwähnt «exküse» und schreibt dazu: «formelhafter Ausdruck für ‹Entschuldigung! mit Erlaubnis› [damit ist wohl eine Situation gemeint wie das Verlassen eines dichtgedrängten öffentlichen Verkehrsmittels o. Ä.]» und er meint, dass dieser Ausdruck im Verschwinden begriffen ist (Ende 1960er-Jahre).
Was die Herkunft des Wortes betrifft, so notiert Jutz, dass das Wort «aus der Schweiz und durch die als Saisonarbeiter über den Sommer nach Frankreich, ins Elsass wandernden Maurer, Gipser usw.» im Vorarlberg eingeführt wurde. In Liechtenstein ist es natürlich ebenfalls bekannt und wird hier als deutschschweizerisches «Äxgüsi» verwendet. Aber auch hier ist ein langsames Ausdünnen feststellbar. Etwas salopp formuliert finden sich Alternativen wie «Darf i schnell?», «Mach (bittschön) Platz!», «Gang uf d Sitta!» oder Varianten wie «Zupf di!» oder «Hau‘s!».
Jutz erwähnt auch «Pardon». Dies allerding nur im Sinne von Verzeihung, also «do gitts kän Pardon!». «Die formelhafte Verwendung Pardon! als Entschuldigung», schreibt Jutz, «ist nicht üblich.» Dies gilt wohl auch für Liechtenstein. So wie «excusez» stammt auch «Pardon» aus dem Französischen.
«Tuat mer leid» hat auch eine etwas andere Bedeutung als «Verzeihung!». Es ist eher Ausdruck eines Bedauerns oder des Mitgefühls.
Leid tun
Die beiden in Liechtenstein wohl am häufigsten in diesem Zusammenhang benutzten Ausdrücke – «Entschuldigung/Tschuldigung» und «Tuat mer leid» – finden sich seltsamerweise nicht in Jutzens Wörterbuch, das ja auch Liechtenstein miteinschliesst sowie auch nicht in Liechtensteiner Wörterbüchern. Unter «leid» findet sich lediglich der hierzulande als «lääd» ausgesprochene Begriff für «hässlich» oder «übelgelaunt». Ausserdem gibt es auch «leidwärka» (Triesenberg: «leid wäärcha»), was dann ziemlich genau das Gegenteil bedeutet, was «Tuat mer leid» aussagen möchte: jemandem leidwerken bedeutet, jemandem böswillig Schaden zuzufügen. «Tuat mer leid» hat auch eine etwas andere Bedeutung als «Verzeihung!». Es ist eher Ausdruck eines Bedauerns oder des Mitgefühls. «Es tuat mer leid, dass i das gmacht ha» bzw. «Das tuat mer leid för eu!» In der Regel wird der Ausdruck ergänzt durch Adverbien wie «uhuara», «waansinnig» oder was man heutzutage immer öfter hört «voll»: «Es tuat mer voll leid!»
Newspeak
«Voll» ist zwar deutsch und im Sinne von «ganz» und «vollständig» schon lange in der deutschen Sprache verankert, die Bedeutungsänderung hin zu «sehr» und «in hohem Masse» ist aber neueren Datums und vor allem in der Jugendsprache üblich («das ist voll geil!»).
Mit Blick auf Begriffe, die im engen Zusammenhang mit «Entschuldigung!» stehen, dürfen folgende Anglizismen bzw. Amerikanismen nicht fehlen: Das bereits erwähnte «Sorry!», das inzwischen auch im Dialekt zum täglichen Wortschaft gehört und «Entschuldigung!» oder «Ich bedaure!» bedeutet, sowie der seit den 1920er-Jahren über US-Comics verbreitete Ausruf «Oops!», im Sinne von «Hoppla!». Nebenbei: Im «Züri-Släng» gibt es schon seit über vierzig Jahren den Ausdruck: «Sorry, Frau Schori, wäg dä Story vo vori!» (Entschuldigung, Frau Schori, für die Geschichte von gerade eben!)
Varianten
Für «Tuat mer leid» gibt es natürlich im allgemeinen Sprachgebrauch etliche Varianten, mit denen jeweils dasselbe oder etwas leicht anderes ausgedrückt werden soll. Als spontan zusammengestellte Beispiele könnten hier genannt werden:
«das hani echt/eerlig ned wella»
(je nach dem ergänzt durch ein «etz»)
«do hani etz echt/wörklig ned uufpasst»
«do bin i (tatsächlig) falsch glega»
«das nümm i/goot uf mini Kappa»
«i gib‘s zua, das ischt id Hosa»
«do hani en Seich gmacht/Mescht baut»
«das ischt min Fääler»
«do bin i schold/das ischt mini Schold»
Als häufiger Leser der Gerichtsberichte in unserer Landeszeitung ist mir schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass vor allem die letzten beiden Ausdrücke offensichtlich in Gerichtsverhandlungen kaum mehr vorkommen. Das Unrechtsempfinden, so scheint es, ist mit dem Erstarken der «eigenen Meinung» geschrumpft. Aber das nur nebenbei.
Antworten
Wie reagiert man nun aber, wenn sich jemand ehrlich für eine Tat oder ein Wort entschuldigt? Auch hier eine Reihe an möglichen Ausdrücken, die selbstverständlich ergänzt werden können:
«Passt scho!»
«Ischt scho guat!»
«Ka Sach!»
«Mach der kän Kopf!»
«Ischt scho i dr/ir Ordnig!»
«Loos guat si!»
Zum Abschluss dieser kleinen unvollständigen Betrachtung zum Thema Reue und Entschuldigen ein Gedicht von Edwin Nutt über all jene, die verlernt haben, sich hin und wieder in Selbstreflexion zu üben.
Di Uverschamta
S‘git Lüt dia kond si gär net schemma,
si sind vo Huus us uverschamt –
fascht jeder Tag lernscht neui kenna
wo us em glicha Soma schtammt.
För si gits gär kan Aschtandsregla,
dia sötten no för andri si –
si mögen selb än Dreck verliida
hend aber s‘Muul i allem dri,
Am beschta ischt, ma tuat si flücha
und goht em Irger us em Weg,
dia ka ma numma anderscht macha,
es wär o z‘schpoot för rechti Schleeg.
(in: Am Feeschter, Vaduz 1988)
