von Gabi Eberle

Die Worte, die bei einem Abdankungsgottesdienst in der Kirche oder einer Verabschiedung am Grab gesprochen werden, sind für Angehörige und alle, die dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen, Teil des Abschiedsprozesses, ein Zurückblicken auf dessen Lebensgeschichte und Persönlichkeit. Ein sensibles Thema. In Eschen gibt es zwei, die es verstehen, den Menschen, der die Erde verlassen hat, in ihren Reden ehrlich, feinfühlig und durchaus auch mal humorvoll abzubilden: Der katholische Pfarrer Christian Vosshenrich und die freie Trauerrednerin Evi Gstöhl.
Damals von der Kirche geprägt, haben Trauerreden ihren Ursprung in der Spätantike. Erst nur für höhergestellte Persönlichkeiten und deren Familien üblich, wurde die sogenannte «Leichenpredigt» nach der Reformation in den Kirchen eingeführt, später vom Bürgertum übernommen und als Grabrede gehalten. Im Laufe der Zeit haben sich Trauerreden gewandelt: von einer formalen, von kirchlichen und gesellschaftlichen Konventionen geprägten Ansprache hin zu einer persönlichen, individuellen Form.
Lebensgeschichte würdigen
Für Christian Vosshenrich – Studium der Theologie und Philosophie in Frankreich und Rom, 2002 in Triesenberg zum Priester geweiht, seit 2010 katholischer Pfarrer in Eschen – ist es von grosser Bedeutung, dass sich die Trauerrede intensiv mit der ganz persönlichen Lebensgeschichte der verstorbenen Person auseinandersetzt und diese würdigt, ohne sie in irgendeinem Sinne zu vereinnahmen. «Ich bin immer wieder berührt, wie unterschiedlich die Gaben sind, mit der Menschen beschenkt werden und ihre eigenen Wege gehen. Johannes Paull II: hat einmal gesagt: ‹Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt›. Insofern sollte sich eine Trauerrede auf das Wesentliche konzentrieren und dieses nachklingen lassen. Das gelingt aus meiner Erfahrung nur, wenn man sich eher kurz hält.»
«Es gibt durchaus Angehörige, die einen detaillierten Lebenslauf wünschen und manchmal haben auch Verstorbene ihren eigenen Lebenslauf im Vorfeld selber geschrieben.»
Der 52-Jährige legt viel Wert auf ein vertieftes Gespräch mit den Angehörigen, um aus erster Quelle zu erfahren, wo er «Trostanker» setzen kann und auch, um dem Geheimnis des Lebens des Verstorbenen auf die Spur zu kommen. «Es gibt durchaus Angehörige, die einen detaillierten Lebenslauf wünschen und manchmal haben auch Verstorbene ihren eigenen Lebenslauf im Vorfeld selber geschrieben. Die Tendenz geht aber eher in die Richtung, dass man auf besondere Lebensstationen und -ereignisse eingeht und die Werte herausstellt, die das Leben eines Menschen intensiv geprägt haben.»
Ehrlichkeit und Emotionen
Wie ehrlich darf eine Rede sein, z. B. bei Suizid? «Ich versuche immer, die Angehörigen zu ermutigen, ehrlich und offen mit einer schweren Erkrankung (und nichts anderes ist ja eine Depression und damit auch ein Suizid) umzugehen und auch alle oft enormen Kraftanstrengungen sowie Höhen und Tiefen im Leben eines Menschen zu thematisieren. Das kann sehr befreiend wirken und im Trauerprozess hilfreich sein.»
In der Vergangenheit wirkten Trauerreden oft formelhaft und unpersönlich und hielten die emotionale Nähe eher auf Distanz. «Da haben sich die Bedürfnisse ganz eindeutig verändert. Neben dem religiösen Trost durch unseren christlichen Glauben wünschen sich viele Angehörige auch eine persönliche Würdigung unter – manchmal auch musikalischer -Berücksichtigung des Lebensweges des Menschen, um Trost zu erfahren. Es kann auch schon mal vorkommen, dass ich mit den Angehörigen während eines Gottesdienstes ein Tränchen vergiesse, was menschlich ist und oft sogar als tröstend erfahren wird.»

Wert- und urteilsfrei verabschieden
Ursprünglich Primarlehrerin, später bei der Hospizbewegung und von 2010 bis 2016 als Ritualleiterin und Gestalterin konfessionsunabhängiger, individueller Verabschiedungen beim Vorarlberger Verein Abschied in Würde engagiert, ist Evi Gstöhl heute selbstständig in diesem Bereich tätig. Was macht für die 69-Jährige eine stimmige Trauerrede aus? «Sie soll ehrlich und respektvoll sein, den Verstorbenen als Ganzes zeigen. Dabei geht es für mich nicht um das Aufzählen von Daten, den klassischen Lebenslauf, sondern das würdige Abbilden eines Lebens.»
Das Formulieren einer Trauerrede folgt einem Prozess, an dessen Anfang das Erstgespräch mit den Hinterbliebenen steht. «In der Vorbereitung verbringe ich bei den Angehörigen so viel Zeit wie gewünscht bzw. es braucht, höre zu, mache Notizen. So hat jeder die Möglichkeit, aus seiner Sicht zu erzählen, wie er den Verstorbenen, von dem ich mir zu Anfang ein Bild zeigen lasse, erlebt hat. Das Entzünden einer Kerze umrahmt das Zusammenkommen mit Wärme und Licht.» Allen Emotionen wird Raum gelassen. Wie geht sie mit den eigenen um? «Jeder Abschied, jedes Schicksal berührt mich. Es kommt auch vor, dass die Gespräche in meinen Träumen nachklingen. Kraft und Überwindung verlangt es mir ab, am Rednerpult oder Grab zu sprechen, wenn mir der Verstorbene persönlich nahestand.»
«Mir ist wichtig, den Verstorbenen offen und ehrlich darzustellen und allen Emotionen Raum zu lassen. Jeder hat es verdient, respektvoll, urteils- und wertfrei verabschiedet zu werden, unter welchen Umständen er auch immer gestorben ist.»
Auf den Augenblick verlassen
Wann ein Text, an dem sie über die Zeit immer wieder feilt, schlussendlich stimmig ist, weiss ihr Gefühl. Die Länge sollte sich in Grenzen halten, «damit die Zuhörenden nicht müde und unaufmerksam werden.» Tabus gibt es für Evi Gstöhl, die in ihre Reden oft Zitate oder Textstellen aus passender Literatur einfliessen lässt, ebenso wenig wie Lug und Trug, Beschönigungen oder Verherrlichung. «Mir ist wichtig, den Verstorbenen offen und ehrlich darzustellen und allen Emotionen Raum zu lassen. Jeder hat es verdient, respektvoll, urteils- und wertfrei verabschiedet zu werden, unter welchen Umständen er auch immer gestorben ist. Schlussendlich verlasse ich mich auf den Augenblick. Wichtig ist mir, dass am Ende kein Platz für Spekulationen bleibt. Die Angehörigen sollen gute Erinnerungen mitnehmen – im Sinne einer Brücke zur Vergangenheit und als Hilfe bei der Verarbeitung des Verlusts. Denn: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können (Jean Paul).»
