Teil 3: Die Talentschmieden von Mathias Ospelt

Die Serie über das Amateurtheater beschäftigt sich in mehreren Teilen mit den Anfängen zu Ende des 19. Jahrhunderts, dem weiteren Verlauf im 20. Jahrhundert sowie dem heutigen Stand des Laientheaters in Liechtenstein. Nachdem es im ersten Teil (2/2025) um die ersten Theatergründungen ging und im zweiten Teil (3/2025) um die Tradition der Freilichtaufführungen, stehen in diesem Beitrag exemplarisch zwei Gemeinden im Fokus, deren Theatergruppen nicht nur zu Reden gaben, sondern auch echte Talenteschmieden waren: Schellenberg und Triesenberg.
War in Liechtenstein die Laientheaterlawine ab der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts einmal losgetreten, so gab es kein Halten mehr. Neben Schüler- und Pfadfindertheater und jährlichen Theateraufführungen von Fussballclubs und Feuerwehren zwecks Aufpolieren der Vereinskassen, taten sich besonders Operettenveranstaltungen (später auch Musicals) und Darbietungen von Jungmannschaften als sehr ernsthaft betriebene und ernstzunehmende Angebote für eine kulturell interessierte Bevölkerung hervor. Bezüglich der Operette begründeten die Gemeinden Vaduz (1940) und Balzers (1946/ab 1998 auch Musical) entsprechende Vereinsbühnen, die abwechselnd die Freundinnen und Freunde der meist heiteren «kleinen Oper» mit einem Mix aus Amateuren und Profis erfreuten. Ähnlich ambitioniert betraten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auch einzelne Jungmannschaften die Bretter, die nicht nur das Fürstentum, sondern auch die Welt bedeuteten.
Die Jungmannschaften
Wie bereits im ersten Teil der Beschäftigung mit dem Amateurtheater in Liechtenstein beschrieben, entdeckte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Landeskirche die Theaterbühne als publikumswirksames Sprachrohr ihrer religiösen und moralischen Vorstellungen. Da es Mädchen und Frauen zu Beginn untersagt war, sich als Bühnendarstellerinnen zu präsentieren, rekrutierten sich die Schauspieler vor allem aus den Reihen der Jungmannschaften bzw. Jünglingsvereinen, also auf Pfarreiebene organisierte Vereinigungen für schulentlassene und unverheiratete Männer. Für Mädchen und unverheiratete Frauen gab es später auch die Marianischen Kongregationen. In den 1960er-Jahren lösten sich die meisten Jungfrauenkongregationen und Jungmannschaften im Land auf (mit Ausnahme der Balzner Sektion) und schlossen sich in gemischtgeschlechtlichen Jugendgruppen zusammen.
Samina und Schulhaussaal
1936 stiegen am Triesenberg erstmals Schauspieler der dortigen Jungmannschaft in die Schauspielschuhe. Unter der Regie von Kaplan Georg Klausener führten sie im Saal des Gasthauses «Samina» den Dreiakter «Des Räubers Umkehr» von Heinrich Houben auf.
«Was die Jungmannschaft von Triesenberg hiebei leistet, bedarf öffentlicher Anerkennung. Das Geleistete geht weit über den Rahmen dessen hinaus, was man sich bisher in Triesenberg gewohnt war. Die einzelnen Rollen werden vortrefflich gespielt. Besonders, wer wieder einmal seine Lachmuskeln in Tätigkeit setzen will, findet hier eine gute Gelegenheit.»
(Volksblatt, 5.1.1937)
Zwei Jahre später kam es aber, wie es in der sehr aufschlussreich gestalteten Dokumentation «Ds Theaterläba am Bärg» (2023) heisst, zu «Unstimmigkeiten». Kaplan Klausener wollte sich an neuen Stücken versuchen, womit er aber wenig Freunde fand. So schwebte ihm das Stück «In acht Tagen um die Welt» vor. «Allerdings hätte dies sieben oder acht verschiedene Szenarien benötigt, was arbeitsmässig und auch finanziell nicht zu machen war.» Auch sein Alternativvorschlag, «Der Fremdenlegionär», scheiterte am Veto seiner Darsteller, da keiner von ihnen je in einer Fremdenlegion gewesen war. So fiel das Dorftheater 1939 aus. Obwohl interessanterweise ein Jahr zuvor die «Konkurrenz», die Freiwillige Feuerwehr Triesenberg, das Stück «Die Fremdenlegionäre» aufgeführt hatte. Ein Zufall? Ein Jahr später verliess Kaplan Klausener jedenfalls den Bärg und Johann Beck (ds Schmida Johann) übernahm nicht nur die Regie der Theatergruppe, sondern prägte in den folgenden 12 Jahren die Triesenberger Theaterlandschaft ganz erheblich.
Weiter nördlich war ebenfalls einiges los. Wie der Historiker Jürgen Schremser in seiner ausgezeichneten Arbeit «Was wird hier gespielt? Zwei Exkurse zum ‹Volkstheater› in Liechtenstein» schreibt, fanden im Schellenberg im Schulhaussaal ebenfalls schon vor dem Zweiten Weltkrieg Volksstücke unter der Regie des damaligen Pfarrers statt. Diese Aufführungen eines katholischen Erbauungstheaters dürften aber in der grossen Masse an Produktionen der «big player» Mauren, Schaan, Vaduz und Balzers zumindest einmal in der Berichterstattung untergegangen sein. Erst ab 1948 machte sich die Theatergruppe der örtlichen Jungmannschaft, die von Lehrer Georg Näscher geleitet und zu der bei Bedarf auch Darstellerinnen beigezogen wurde, in der «Theaterkritik» einen Namen. So erschien 1951 folgender Bericht:
«Als Besucher des Theaters in Schellenberg, «Der Dornenkranz einer Mutter», war ich ganz überrascht über die ausgezeichnete Leistung der Spieler. […] Die Hauptdarstellerin, die Mutter, lebt sich mit dem Geschick einer bewährten Spielerin mit grossem Einfühlungsvermögen in das ganze Geschehen des Stückes hinein. Auch die übrigen Hauptspieler verstehen es meisterhaft, den Besucher zu begeistern. Man sieht sofort, hier steckt viel Arbeit und Mühe des Spielleiters sowohl wie auch der Spieler selbst dahinter.»
(Volksblatt, 29.12.1951)
Zu dieser Zeit kam mit Daniel Lins ein neuer, theaterbegeisterter Pfarrer nach Schellenberg, der, wie sich das damalige Mitglied der Jungmannschaft, Hermann Hassler in einem Interview mit Schremser erinnerte, «neuen Schwung» hineinbrachte. Dieser Schwung wurde verstärkt, als Mitte der Fünfziger Jahre der Maurer Lehrer Paul Kaiser von Georg Näscher übernahm. Mit ihm wurde nun stärker an der Technik des Theaters gearbeitet: nicht mehr nur der nach wie vor moralisch-didaktische Inhalt ist entscheidend, sondern auch die Form des Gebotenen. Im «Volksblatt» vom 29.12.1956 wurde es so beschrieben: «Volkstheater der Gegenwart».
Traditionell und zeitgenössisch
In der Silvesterausgabe des «Volksblatts» vom 31.12.1963 findet sich eine höchst interessante Gegenüberstellung zweier Laientheaterproduktionen, die aufzeigt, in welche Richtungen sich das Amateurtheater ab den 1960er-Jahren in Liechtenstein bewegte: die eine Bühne setzte weiterhin auf den traditionellen, durchaus erfolgreichen Weg, die andere Bühne wagte zeitgenössische, experimentelle Schritte und fand damit ebenfalls sein Publikum. Also im Grunde: win – win. Doch lesen wir selbst. Unter dem Titel «Theaterabend in Triesenberg» schrieb der damals frisch erkorene verantwortliche Redaktor Walter Bruno Wohlwend u. a.:
«Die Schauspielgruppe der Jungmannschaft Triesenberg setzte auch dieses Jahr die Tradition der Volks-Schauspiele fort und bleibt da mit dem althergebrachten Stil der Laienbühnen in unseren Gemeinden treu. So gut man den Trend anderer Bühnen zu neuen, modernen Spielformen begrüssen und unterstützen soll, so gut rechtfertigt sich gerade für die Gemeinde Triesenberg die Beibehaltung eines sogenannten Heimatstils, umso mehr als gerade mit der diesjährigen Aufführung des Volks-Schauspieles «Der Verschollene» von Jakob Muff, eine sorgfältige Auswahl getroffen wurde. […] Wir werden nicht mit einer neuen, für uns oft fremden Mentalität konfrontiert, weshalb uns das Schauspiel wesentlich unmittelbarer fesselt- und die Bezeichnung «Schnulze» von vorneherein nicht verdient.»
(Volksblatt, 31.12.1963)
Leicht anders tönte es in dem Beitrag «Mut zu Neuem» von Norbert Haas, der auf derselben Seite über den Theaterabend der Jungmannschaft Schellenberg berichtete:
«Etwas missgestimmt […] folgten [wir] der Einladung der Jungmannschaft Schellenberg zu einem Theaterabend ohne grosse Namen, ohne den Anspruch auf Perfektion und ohne prunkvollen Rahmen. Und wir waren, um es vorweg zu verraten: skeptisch, neugierig, überrascht, befriedigt.
Skeptisch deshalb, weil wir Redeübungen, Gehversuche, Silberförstertheatralik auf der Bühne und seichte Rührung und Tränen von derselben erwarteten. Wir wurden enttäuscht. Angenehmst enttäuscht! Neugierig, weil wir die graphisch raffinieren Plakate und Theaterzettel, die neusachlichen Kleinschreibeinserate gesehen hatten und gespannt waren, ob die Schellenberger auch das halten würden, was sie da versprachen. Sie lösten ihr Versprechen ein, und deshalb waren wir überrascht. Unsere Befriedigung schliesslich hat gute Gründe: Vor allem zeigte die Jungmannschaft Schellenberg jugendlichen Mut. […]»
(Volksblatt, 31.12.1963)
Im Folgejahr begeisterte die Triesenberger Jungmannschaft mit einer bewegenden Aufführung der «Hexe von Triesenberg» nah und fern. Schellenberg zog 1965 nach mit Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter».
Neue Wege
Protagonisten des «neuen Theaters» am Schellenberg trafen bald einmal auf Akteure der Vaduzer «(Tri)Bühne der freien Meinung», dem Unterhaltungsabend der Vaduzer Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Daraus entstand das Kabarett «Kaktus», das schliesslich den Weg zum «Theater am Kirchplatz» öffnete. Jahre später war aber auch die Theaterbühne am Triesenberg Geburtsort für manches Talent, das schliesslich die Theaterlandschaft Liechtensteins bereicherte. Genannt seien hier der Musiker Marco Schädler, der in Theaterproduktionen der Jugendgruppe «Häx» nicht nur auftrat, sondern auch Programme schrieb, später Mitglied der Kabarettgruppe «Das LiGa» und Mitgründer des «Schlösslekellers» wurde. Und nicht vergessen Andy Konrad, der unter anderem beim FC-Theater seine ersten Bühnen-Sporen verdiente, bevor er später als ausgebildeter Schauspieler das Kleintheater «K-Bum» im Malbun eröffnete. U. a. trat er dort mit dem allzu früh verstorbenen Schauspieler Leander Marxer auf, der ebenfalls dem Laientheater (Mauren) entstammte. (Wird fortgesetzt)
Quellen: Ds Theaterläba am Bärg. Verein Ahnenforschung und Familienchronik Triesenberg (Hrsg.). Triesenberg 2023. (Diese lesenswerte Dokumentation kann bei der Gemeinde Triesenberg für CHF 15.- bezogen werden). Heimelige Zeiten Nr. 10, Volks- und heimatkundliche Zeitschrift der Walsergemeinde Triesenberg, «Liechtensteiner Volksblatt». Schremser, Jürgen: Was wird hier gespielt? Zwei Exkurse zum Volkstheater in Liechtenstein. In: volkstheater. Volkstheater in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Zürich 2000.
