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60Plus | Fokus | Dezember, 2025
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Chancenland Liechtenstein?

von Marcus Büchel

Migration – oder um es mit einem weniger aufgeladenen Begriff auszudrücken – die Verlegung des Wohnsitzes in ein anderes Land, ist ein natürliches und verbreitetes Phänomen. Angesichts der Zunahme der Mobilität der Bevölkerung wollen wir uns in diesem Beitrag mit dem Phänomen der Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen befassen.

Die Überprüfung der Hypothese fand in der Gemütlichkeit eines Geburtstagsessens statt. Die Hypothese lautete: Ich stelle fest, dass auffällig viele, gut ausgebildete junge Liechtensteiner, vornehmlich Akademiker, nach dem Studium im Ausland bleiben und nicht mehr wiederkommen. Mein «Göttibuab» widersprach, mein Sohn neigte zur Zustimmung, beide Männer um die 40. Sogleich wurde die Probe aufs Exempel gemacht. Der Göttibuab ging seine ehemalige Klasse am LG durch und gelangte erstaunt zum Schluss, dass gut die Hälfe nicht mehr im Land wohnte, die meisten von ihnen wohl dauerhaft. Je länger die Diskussion, die sich daran anschloss, dauerte, desto mehr gleichaltrige Kollegen fielen den beiden ein, die gleichfalls ausgewandert waren. Angesichts dieser Feststellung gewann das Gespräch an Heftigkeit, denn die Suche nach Antworten auf die Frage, warum so viele Gleichaltrige nicht mehr zurückkommen, liess keinen der Diskutanten unberührt.

In unzähligen Gesprächen mit jungen Leuten, die auf Heimatbesuch waren, habe ich immer wieder dasselbe gehört: Es waren vor allem hoch ausgebildete Naturwissenschaftler wie Biologen, Physiker Chemiker, aber auch Ärzte und Psychologen – jedoch keine Juristen –, die berichteten, nach der Matura während ihres Studiums zwar noch den Wohnsitz bei den Eltern beibehalten, sich danach aber im Ausland dauerhaft niedergelassen zu haben.

Dieselbe Beobachtung machte ich bei den Senioren, der Altersgruppe mit erwachsenen Kindern. Immer wieder bekommt man ähnliche Geschichten zu hören: Ihre Kinder seien zum Studium, weniger häufig wegen eines Jobs, ins Ausland gegangen. In der Regel wurde dies in den Familien zunächst als vorübergehende Lebensphase angesehen. Mit der Dauer des Wegseins kamen bei den Eltern Zweifel auf. Wenn die Kinder dann Partnerschaften eingegangen waren, das Studium abgeschlossen hatten und sich anschickten, in Zürich, Wien, Berlin oder New York sich beruflich zu etablieren oder bereits Enkel da waren, musste die von vielen Eltern gehegte Wunschvorstellung der Rückkehr ihrer Nachkommen nach Liechtenstein abgelegt werden. Die Frage, warum gerade junge hochqualifizierte Akademiker abwandern, erregte meine Neugier.

Verlust von «Humankapital»

Sollte sich das oben Geschilderte als Phänomen erweisen, welches nicht nur ein paar Einzelschicksale umfasst, vielmehr um ein häufiges, also systemisches, müsste man konstatieren, dass wir von einer Talentabwanderung bzw. Abwanderung von «Humankapital» (Brain drain) betroffen wären. Die hohe  «Fallzahl»1 spricht dafür, dass diese in persönlichen Gesprächen vorgebrachten Geschichten für eine häufigen Typus von Lebensverläufen in unserem Land stehen. In diesem Fall wäre man zu Recht besorgt und sollte der Sache auf den Grund gehen.

Man kann die Abwanderung Hochgebildeter aus unserem Land als Problem ansehen oder nicht. Das hängt von verschiedenen Vornahmen ab, die wir in der Folge diskutieren wollen.

Wenn wir von Abwanderung aus Liechtenstein sprechen, gilt es zuerst, einen entscheidenden Unterschied zwischen einem Kleinstaat wie Liechtenstein und grösseren Ländern zu beachten: Wenn die Tochter aus einer Feldkircher/Buchser Familie nach Wien/Zürich zieht und dann ihren Lebensmittelpunkt in dieser Stadt einrichtet, befinden sie selbst und ihre Herkunftsfamilie sich immer noch im selben Land. Bei uns bedeutet Wegzug an einen Studienort oder eine entferntere Stadt zwangsläufig mehr, nämlich das Verlassen des eigenen Landes, ja häufig die Aufgabe der ursprünglichen Heimat.

Die jungen Leute, die weggezogen sind, befinden sich in einem anderen politisch-gesellschaftlich-kulturellem System als ihre Herkunftsfamilien.

Es macht einen Unterschied, ob man den Wohnsitz im Inland verlegt oder über Grenzen «migriert». Der Wegzug in ein anderes Land stellt eine einschneidendere Zäsur dar; diese wirkt sich nicht nur in emotionaler Hinsicht stärker aus. Die jungen Leute, die weggezogen sind, befinden sich in einem anderen politisch-gesellschaftlich-kulturellem System als ihre Herkunftsfamilien. Im Speziellen werden sie im Ausland, sofern Liechtensteiner Bürger, kein Wahlrecht haben.

Migration?

«Migration» ist ein unscharfer Begriff. Heute wird er aus ideologischen Gründen so extrem weit gefasst, dass «100 % der Weltbevölkerung einen Migrationshintergrund aufweisen»2. Die Aussage ist banal, da niemand zwangsläufig dort lebt, wo seine Vorfahren seit undenklichen Zeiten lebten.

Es macht keinen Sinn, allen Menschen einen Migrationshintergrund anzuhängen. Weder werden die Angehörigen in Nendeln ihren in Basel oder Berlin lebenden Sohn als «Migrant» bezeichnen noch werden das die Basler oder die Berliner selbst tun. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird man unter Migration eine Ortsbewegung über lange Distanzen, verbunden mit der Überwindung von Landes- oder kontinentalen Grenzen, verstehen, die darauf abzielt, in einem «fremden» Land Aufenthalt zu erlangen. Wir wollen das Thema deshalb nicht unter dem Begriff Migration, sondern unter der neutralen Bezeichnung «Abwanderung» behandeln.

Haben die Nationalstaaten ausgedient?

«Für die Identität des Einzelnen spielen Ortsbindungen oft keine bedeutende Rolle mehr.»³ Das ist eine Behauptung, die seit den ersten Dezennien des 21. Jahrhunderts im «Westen» zunehmend auf Akzeptanz stösst. «Der neue Mensch steht weder rechts noch links, er geht.» Das heutzutage grassierende Bild des Menschen als eines prinzipiell heimatlosen, auf ewiger Wanderschaft sich befindlichen Wesens, ahnte der Schweizer Schriftsteller Herbert Meier bereits Ende der 70er-Jahre voraus. Man könnte dazu neigen, dieser Ansicht zuzustimmen ob der von mir eingangs geschilderter Beobachtungen. Zweifel sind jedoch angebracht. Die Bindung an Orte ist wohl eine nicht ablegbare Komponente einer sehr langen Periode der menschlichen Entwicklungsgeschichte. In diesem Lichte erscheint die Behauptung des zunehmenden Verlusts der Ortsbindung, eine derzeit stark dominierende Erzählung im Westen, mehr als ideologischer Grundpfeiler soziologischer Globalisierungstheoretiker als empirisch begründet. Warum sollten sich Menschen denn überhaupt von A nach B bewegen, wenn sie an dem neuen Raum, in welchem sie sich zu etablieren gedenken, nicht vom Interesse geleitet wären, diesen gestalten und darin wirken zu wollen? Ohne Bindung ginge das wohl nicht. Jedenfalls würde der neue (völlig) ortsungebundene Mensch4, wenn denn dieses Menschenbild zutreffend sein sollte, das Ende von Nationalstaaten bedeuten, denn diese wären ohne relativ territorialtreue, an das Staatsgebiet gebundene Bürger nicht existenzfähig.

Obwohl er sich selbst zu den liberalen Denkern zählt, übt Paul Collier, Ökonomieprofessor und Direktor des Centre for the Study of African Economics an der Universität Oxford, grundlegende Kritik an der «vorherrschenden Meinung liberaler Denker, dass die westlichen Gesellschaften sich auf eine postnationale Zukunft vorbereiten sollten.»5

Wenn man von der Überzeugung/Ideologie geleitet wird, die absolute Mobilität sei unausweichlich mit der angestrebten schrankenlosen Globalisierung verbunden, dann wären Nationalstaaten ein Auslaufmodell. Damit würden Bindung an und Verpflichtung für ein bestimmtes Territorium obsolet. Die Nation hätte somit als identitätsstiftendes Merkmal ausgedient.

Klaus von Dohnanyi, der eine linke Position einnimmt, geht von den nationalen Besonderheiten aus und sieht es als Notwendigkeit an, dass die Staaten aus ihrem nationalen Interesse heraus handeln.

Die Idee eines universellen Weltbürgertums wird meist als Vision linker oder liberaler Positionen aufgefasst, wohingegen der Nationalstaat eher als «rechte» Ideologie angesehen wird. Das trifft allerdings nicht zu. Klaus von Dohnanyi, der eine linke Position einnimmt, geht von den nationalen Besonderheiten aus und sieht es als Notwendigkeit an, dass die Staaten aus ihrem nationalen Interesse heraus handeln. Er entwickelt eine dem Mainstream gegenläufige Überlegung, wonach die weltweit zu beobachtende Re-Nationalisierung der Politik «auch eine demokratische Reaktion auf Globalisierung, Internationalisierung und Europäisierung darstellt.»6

Bindung an das Land

Ohne Bindung gäbe es wenig und vor allem nur unzuverlässige Motivation, sich über seine egoistischen Bedürfnisse hinaus für ein territoriales Gebilde zu engagieren. Die Bindung an das Land sowie die damit zusammenhängende Bildung einer nationalen Identität ist für den Kleinstaat besonders wichtig. Ein Kleinstaat ist an sich ein labileres Gebilde als ein Grossstaat; von nur bindungslosen Temporärbewohnern bevölkert, wäre er existenzunfähig und würde sich auflösen.

Wer der Ideologie der totalen Mobilität anhängt und die Bindung an das Land für bedeutungslos hält, wird der Ansicht sein, die von hier Abgewanderten könnten ohne Probleme durch Zuwanderer von wo auch immer ersetzt werden.

Ich vertrete die Auffassung, dass die Identifikation der Bevölkerung mit dem Land existenziell ist und die hier Sozialisierten eine besondere Bindung erworben haben. Deshalb ist die übermässige Abwanderung junger, fähiger Liechtensteiner, ebenso wie der hier Aufgewachsenen ohne liechtensteinische Staatsbürgerschaft als Problem anzusehen, vor allem dann, wenn diese jungen Leute ihrer Heimat endgültig den Rücken zukehren. Es besteht die Notwendigkeit, Gegensteuer zu geben.

In der nächsten Folge werden wir uns mit den Ursachen befassen, die zur Abwanderung gerade von intelligenten, gut ausgebildeten Mitbürgern führen. Es werden Anreize zum Wegziehen und Rückkehrmotive unter die Lupe genommen. Wir werden sehen, wie Gustav Ospelt mit den Pull- und Push-Faktoren in Zusammenhang steht und Beispiele bringen, wie man Gegensteuer geben kann.

1 Der guten Ordnung halber sei festgehalten, dass es sich nicht um nach wissenschaftlich-systematischen Regeln erhobene Daten handelt.

2 Rudolf Stichweh: Migration und die Strukturbildung menschlicher Sozialsysteme. S. 23. In C. Ammer,
J. Kärger (HG.): Migration. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig: 2019.

3 Stichweh, S. 31

4 Herbert Meier: «Der neue Mensch steht weder rechts noch links, er geht». (Flamberg Verlag, Zürich:1969)

5 Paul Collier: Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen. Siedler Verlag, München: 2014 (S. 10)

6 Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen. Orientierung für deutschen und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche. Siedler Verlag, München: 2022