
So stellt Hans Jörg Rheinberger in seinem aus drei Zyklen bestehenden, neuen Gedichtband fest. Der Molekularbiologe, Philosoph, Wissenschaftshistoriker, Schriftsteller und Poet lebt und arbeitet mit Unterbrüchen seit mehr als einem halben Jahrhundert in Berlin. Im Vaduzer Rheinbergerhaus erzählte der 79-Jährige aus seinem Leben. Die Wahl fiel bewusst auf diesen geschichtsträchtigen Ort. 1839 kam dort sein Urgrossonkel, der Liechtensteiner Komponist, Organist und Musikpädagoge Josef Gabriel Rheinberger, zur Welt (†1901).
Rückblende: Ende Oktober Flug von Berlin nach Wien, von dort mit der Eisenbahn über den Semmering nach Graz (Vortragsredner). Donnerstag, 30.10. weiter nach Liechtenstein. Freitag, 31.10. Termin bei der Akademie der Wissenschaften in Liechtenstein. Montag, 3.11. 60Plus-Interview. 4.11. abends Gespräch im Engländerbau im Rahmen der Ausstellung von Hanni Schierscher. Anschliessend zwei Tage im Landesarchiv, dann im Kunstmuseum. Freitag, 7.11. weiter nach Stuttgart (8.11. Vortragsredner). Am 9.11. zurück nach Berlin.
Das hört sich nach einem körperlich wie geistig fordernden Programm an.
Hans-Jörg Rheinberger: Solange man Lust und Freude am Tun hat, ist vieles möglich. Einzig mein täglicher Morgenlauf fehlt mir, wenn ich unterwegs bin.
Letztes Mal war ich in einem Self-check-In untergebracht. Man kommt an, Totenstille im Haus, keine Menschenseele da. Knöpfchen drücken, der Automat wirft den Zimmerschlüssel aus. Grauenhaft.
Wo steigst du während deiner Liechtenstein-Aufenthalte ab?
Je nachdem bei meinem Bruder im Roten Haus in Vaduz, meiner Schwester in Schaan oder im Hotel. Letztes Mal war ich in einem Self-check-In untergebracht. Man kommt an, Totenstille im Haus, keine Menschenseele da. Knöpfchen drücken, der Automat wirft den Zimmerschlüssel aus. Grauenhaft. Da hatte ich diesmal mit dem «Löwen» in Vaduz mehr Glück. Alte Gemäuer, behagliche Räumlichkeiten. Ein sehr schönes Haus.
Seit mehr als einem halben Jahrhundert lebst du, mit Unterbrüchen, in Berlin – Lichterfelde, Kreuzberg, später in Charlottenburg und Friedenau. Wo und wie wohnst du, gemeinsam mit deiner aus Holland stammenden Frau Ineke, eine Literaturwissenschaftlerin – heute?
Wir hatten das Glück, in den späten 90ern eine Altbauwohnung in Charlottenburg, meinem liebsten Bezirk, erwerben zu können. Die Immobilien waren damals noch bezahlbar, die Auswahl gross. Das Haus, noch vor dem 1. Weltkrieg gebaut, liegt an einer beidseitig von Bäumen umsäumten und breiten Trottoirs gesäumten Strasse. 3,5 Meter hohe, lichtreiche Räume, grosszügig geschnitten. Im dritten Stock, gegen Osten, kommt die Sonne schon früh. Da ich hauptsächlich zu Hause arbeite, ist komfortables Wohnen wichtig.
In den letzten Jahren hat mein Interesse an dieser Verflechtung in vielen Gesprächen und der Auseinandersetzung mit den Werken verschiedener Künstlerinnen und Künstler Ausdruck gefunden.
Im Oktober wurde dein Buch «In Touch – Begegnungen zwischen Kunst und Forschung» an der Frankfurter Buchmesse präsentiert (Original in Englisch), Anfang 2026 wird «Gaston Bachelard – Surrealismus und Nachkriegskunst», folgen. Wie gestaltete sich der Schreibprozess?
Die Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Kunst waren schon immer vielfältig – in unserer Zeit umso mehr, auch wenn dies oft nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. In den letzten Jahren hat mein Interesse an dieser Verflechtung in vielen Gesprächen und der Auseinandersetzung mit den Werken verschiedener Künstlerinnen und Künstler Ausdruck gefunden. «In Touch» ist das Ergebnis. Bei «Gaston Bachelard» haben sich Recherche und Schreibprozess über zehn Jahre erstreckt. Bachelard, ein französischer Wissenschaftsphilosoph, schrieb über die Entwicklung der Wissenschaften im 20. Jahrhundert und lebte von 1940 bis zu seinem Tod 1962 in Paris, wo er auch mit vielen Künstlerinnen und Künstlern im Austausch war. Im Laufe meiner Forschungen wuchs die Faszination an seiner Person, Arbeit, Biografie, seinem verwinkelten Werdegang zusehends.
Würdest du deinen eigenen auch so bezeichnen?
Ja, ohne Zweifel. Zu Beginn meines dritten Semesters in Biochemie an der Universität Tübingen exmatrikulierte ich mich und schrieb mich stattdessen in Philosophie ein. Nach Abschluss des Studiums und der Magisterarbeit, damals schon in Berlin, wandte ich mich im Zweitstudium erneut der Biologie und Chemie zu. Meine Diplomarbeit schrieb ich am Max-Plank-Institut für Molekulare Genetik in Berlin, bin dann zur Doktorarbeit und für weitere 15 Jahre dortgeblieben. Das Experimentieren, Forschen hat mich gefangen genommen. Dann klopfte die Philosophie wieder an die Tür. Schlussendlich entschied ich mich, nach so vielen Jahren «händischem Denken», für Wissenschaftsgeschichte. Bis die Anfrage vom damals neu gegründeten Max-Plank-Institut für Wissenschaftsgeschichte kam, war ich auf Wanderschaft – Lübeck und Salzburg.
Was bedeutet dir Anerkennung?
Als Teil der Wissenschaftlergemeinschaft und durch Publikationen in deren internationalen Fachorganen ist die eigene Arbeit – wenn sie nach Begutachtung angenommen wird – allein schon dadurch mit Anerkennung verbunden. Natürlich freut es einen, wenn das weitere Kreise zieht, aber man muss auch ohne leben können.
Du scheinst ein gesunder Mensch zu sein.
Glücklicherweise bin ich – bis auf eine Lungenentzündung im frühen Kindesalter, Blinddarm, den mir damals mein Vater, weil akut, im Vaduzer Spital herausoperiert hat (lacht), und Keuchhusten, also meist Atemwegserkrankungen – gut über die Runden gekommen. Alle Knochen sind noch ganz, obwohl Skifahren, meine grosse Leidenschaft, bereits mit 8 Jahren am Schlosshügel begann. Als Pfadfinder verbrachten wir die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr im Stall auf Pradamee. Lifts gab es damals nicht, und so hiess es «Pistenstampfen».

Bist du nahe am Wasser gebaut?
Nicht so sehr, eher am Berg. Die Frage nehme ich jetzt einmal wörtlich (lacht). Als Kinder verbrachten wir die Sommerferien stets in den Alpen. Meer und Strand bekam ich bis um die 20 nie zu Gesicht. Lange Zeit plagte mich, wo immer ich auch war, Heimweh nach den Bergen. Gefallen am Wasser fand ich erst später, im Zusammenhang mit Holland, der Heimat meiner Frau, wo wir nach wie vor jedes Jahr so zwei, drei Monate verbringen.
Was kommt dir in den Sinn, wenn du heute durch Vaduz gehst?
Merkwürdigerweise denkt man meistens an das, was nicht mehr da ist. Zwischen dem Hotel Engel und dem früheren Hotel Real stand zum Beispiel ein achteckiger Brunnen, der abends als Viehtränke diente. Vaduz endete nördlich beim Ebenholz, südlich bei der Au. Zwischen Vaduz und Triesen war ein Ried mit wunderbaren Blumen. Heute fällt auf, dass baulich wenig Kohärenz besteht, der Individualismus dominiert. Dadurch ändert sich auch das Lebensgefühl. Vaduz ist kein Dorf mehr, aber eben auch keine Stadt.
Um ein Jugendhaus zu bekommen, liessen wir uns vom Pfarrer – das war damals der Pfarrer Schnüriger – einen Empfehlungsbrief schreiben und überzeugten schlussendlich auch den Vorsteher. Nur leider kam das Haus nie zustande.
Deine Kindheits- und Jugenderinnerungen?
Wir lebten sozusagen in einem geschlossenen Universum. Man stellte nichts infrage. Im Religionsunterricht zum Beispiel mussten wir die Hölle zeichnen und die sieben Todsünden auswendig lernen. Später wurden wir dann etwas aufmüpfiger. Um ein Jugendhaus zu bekommen, liessen wir uns vom Pfarrer – das war damals der Pfarrer Schnüriger – einen Empfehlungsbrief schreiben und überzeugten schlussendlich auch den Vorsteher. Nur leider kam das Haus nie zustande. Die Sozialisierung nach aussen fand hauptsächlich über die Pfadfinder statt. Als Jugendliche organisierten wir Unterhaltungsabende im Rathaussaal, die «Tribüne der freien Meinung», verfassten Drehbücher (welche ich dem Landesarchiv überlassen habe), übten unter anderem Kritik am «stinkenden Malbunbach» und mussten anschliessend eine Zurechtweisung in der Zeitung über uns ergehen lassen. (lacht)
Deine Eltern, Rudolf und Brigitta, geb. Ludwig, waren Ärzte. Wie hast du deren Erziehung in Erinnerung?
Wir hatten Glück. Unsere Eltern waren extrem liberal, liessen uns freien Lauf. Es gab wenig, was strikt verboten war – z. B. die Schiffschaukel am Jahrmarkt. Daran hielt man sich. Grundsätzlich waren sie der Meinung, dass wir mit 20 unser Leben selbst in die Hand nehmen sollten, unterstützten uns aber auf allen Wegen, ob krumm oder gerade. Natürlich geriet man auch mal aneinander, wollte als Student der 60er-Jahre die Eltern in hitzigen Diskussionen politisch bekehren – wie anzunehmen, erfolglos.
Mehr als ein Viertel des Gesamtschaffens deines Urgrossonkels Josef Gabriel Rheinberger machte die Klaviermusik aus. Bist du des Tasteninstruments mächtig?
Ich hatte bereits früh Klavierunterricht, spielte an einem Schülerkonzert auch mal eines seiner frühen Stücke – «Die Jagd». Als Rover (Anm.: höchste Pfadfinder-Altersstufe) gründeten wir eine Band mit dem sinnigen Namen «Die Rovers», traten unter anderem im Waldhotel am Silvesterabend auf. Unser Repertoire umfasste 15 Stücke, reichte für eineinhalb Stunden, dann begannen wir wieder von vorne. (lacht) Während des Studiums war mir das Spielen nicht mehr möglich, ich nahm dann aber in den 80ern erneut einige Jahre Klavierunterricht. Später, als Direktor am Max-Plank-Institut, fand ich keine Zeit mehr, mich zu Hause in Berlin an den Flügel – ein wunderbarer Blüthner-Flügel aus dem späten 19. Jahrhundert – zu setzen..
Bei einer 60-Stunden-Woche nicht verwunderlich. War ein Auftrag vorgegeben, ein Ziel zu erreichen?
Nein. Wer an eines der rund 80 Max-Plank-Institute in Deutschland zum Direktor einer Abteilung berufen wird, bestimmt seine Agenda, den Inhalt der Forschung zu einhundert Prozent selbst. Man erhält einen garantierten Etat ohne Auflagen, was wunderbar ist, hat aber alle drei Jahre seine Arbeit, deren Ergebnisse und den künftig geplanten Verlauf einer international hochkarätig besetzten Kommission zu präsentieren. Der daraus resultierende Bericht ergeht anschliessend an den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft.
Während der vergangenen zehn Jahre hast du dich hauptsächlich dem Schreiben gewidmet.
Ja, das ist so, wobei ich auch während der Direktoratszeit meinen Vorhaben nachgegangen bin. Rund drei Monate im Jahr habe ich mich ausgeklinkt, was mir auch als Test diente: Lief nach meiner Rückkehr noch alles wie zuvor, hatte ich meine Sache gut gemacht. War etwas durcheinandergeraten, war zu überlegen, was besser zu machen war. Zu erwähnen ist, dass mein Team stets aus fantastischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bestand. Seit meiner Emeritierung 2014 steht mir am Institut glücklicherweise nach wie vor ein Büro zur Verfügung, wo ich, wenn in Berlin, meist einen Tag pro Woche verbringe. Der institutionelle Rückhalt hilft natürlich, auch beim Publizieren.
Neben den erlangten akademischen Graden wurde dir u. a. 2006 die Ehrendoktorwürde der ETH Zürich verliehen. So mancher würde Überlegenheit an den Tag legen. Bei dir ist stattdessen heitere Gelassenheit, Humor zu spüren.
(schmunzelt) Mein Humor ist eher hintergründig. Das hängt wohl damit zusammen, dass ich versuche, mir selbst gegenüber eine gesunde Distanz zu wahren, über die eigene Schulter schauen und manchmal auch über mich lachen zu können. Das macht das Leben insgesamt einfacher.
Am 12. Januar kommenden Jahres steht dein 80er an. Denkst du mehr über das Leben oder den Tod nach?
Über das Leben. Ich hatte nie das Bedürfnis, mir über den Tod Gedanken zu machen. Solange man das Gefühl hat, im Leben zu stehen, sollte man weitergehen. Was der Körper irgendwann macht oder nicht mehr macht, ist ja nicht programmierbar, ähnlich der eigenen Biografie. Unvorhergesehenes kommt unausweichlich auf einen zu. Das Spannende daran ist, wie man sich dann positioniert, welche Richtung man einschlägt. Den 80. Geburtstag begreife ich nicht als radikalen Einschnitt, werde nicht gross feiern, sondern ganz einfach mit meiner Frau essen gehen.
Hast du Pläne für 2026? Was bewegt dich?
Nach drei Büchern lege ich eine kleine Pause zur Reorientierung ein. Was mich bewegt, ist die weltpolitische Lage. 80 Jahre lebten wir in Europa in einer Zeit des Friedens, die Welt bewegte sich Richtung Liberalismus und Demokratie. Das Lebensgefühl ist nun ein anderes, die Ideologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts meldet sich zurück. Umgeben von Autokratien macht es geopolitisch den Anschein, als wären Amerika, Russland und China dabei, sich die Welt neu aufzuteilen. Auch in Europa sind vielerorts Populisten am Werk. Keine sehr fröhlichen Aussichten. Aber es kann ja auch anders kommen. Im eigenen Bereich eine Kleinigkeit dazu beizutragen, ist und bleibt wichtig.

Berufliche Laufbahn
1973 Abschluss Philosophiestudium (Magister Artium), 1982 Abschluss Biologiestudium (Promotion Dr. rer. nat.). 1987 Habilitation in Molekularbiologie. Lehr- und Forschungstätigkeit: TU und FU Berlin, Stanford University, Universitäten Lübeck und Salzburg, Johns Hopkins University Baltimore, Northwestern University, Evanston. 1997–2014 Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin.
