von Gabi Eberle

Erst nachdem sich die Tür hinter einem geschlossen hat, öffnet sich die nächste. Beim Durchlaufen eines mehrstufigen Systems von Sicherheitsschleusen, kameraüberwacht, überkommt einen, ohne das Gesetz gebrochen zu haben, ein beklemmendes Gefühl. Im Gespräch mit Michael Beck, seit 2016 Leiter des Liechtensteinischen Landesgefängnisses, löst es sich peu-à-peu auf. Er ist unbewaffnet. «So werden keine Begehrlichkeiten geweckt. Unsere Waffe ist psychologische Schulung und Menschenkenntnis.» Aufgrund hoher Insassendichte unterstützt der eidg. dipl. Fachexperte für Justiz und Strafvollzug an diesem Tag sein Team. 16 der insgesamt zwanzig 12-Quadratmeter-Zellen, 16 für Männer, 4 für Frauen, sind besetzt.
Vergitterte Fenster, verschlossene Türen. Bedrückend die Vorstellung, Tag und Nacht in einem 12-Quadratmeter-Raum mit Waschbecken, WC und Fernseher eingeschlossen zu sein. Sechs Mal wöchentlich besteht Duschmöglichkeit, zweimal täglich eine Stunde Hofgang oder Sportraum. Nichtsdestotrotz bleiben noch viele übrig, abgeschnitten vom Leben draussen. Michael Beck: «Die Ausweich- und Ausgleichsmomente sind rar. Der Insasse ist gefühlt komplett entmündigt und strafreglementiert, der Kontakt zum sozialen Umfeld auf ein Minimum reduziert. Hinzu kommt, dass sich in Haft Emotionen und Gefühle oftmals komprimierter zeigen.»
«Der Kontakt der Insassen zu ihrem sozialen Umfeld ist stark reduziert.»
Dauer der Inhaftierung deliktsabhängig
Bis 1990 wurden Gefangene noch in Zellen im Regierungsgebäude untergebracht, ab 1992 im neu gebauten Landesgefängnis, konzipiert als Untersuchungsgefängnis, organisatorisch der Landespolizei angegliedert. Vollzogen werden dort in der Regel nur Untersuchungshaft, Ersatzfreiheitsstrafen und Ausschaffungen. Da weder die Voraussetzungen noch Einrichtungen für längere Haftstrafen gegeben sind, werden Gerichtsurteile zu Freiheitsstrafen auf der Grundlage eines Staatsvertrages grundsätzlich in einer österreichischen Strafanstalt vollzogen. Michael Beck: «Die Dauer einer Inhaftierung hier in Vaduz ist deliktsabhängig und bewegt sich, je nach zeitlicher Anberaumung der Gerichtsverhandlung, zwischen sechs und zwölf Monaten.»
(Zu) gutes Leben in Liechtensteins Haftanstalt?
Mit Fachkollegen der International Police Association IPA besuchte der 61-Jährige über die Jahre Gefängnisse in Asien, Vietnam, Thailand, Nigeria, Benin, Senegal, Ghana u. v. m. «Gefängnisse sind sozusagen ein Spiegel der Gesellschaft. Werden Gefangene schlecht behandelt, wird möglicherweise auch mit den Bürgern nicht vorbildlich umgegangen.» Regelmässig und unangemeldet besucht ein Expertenausschuss des CPT (Europäisches Komitee zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe) Europas Haftanstalten, um die Bedingungen vor Ort wie auch die Behandlung von Gefangenen zu überprüfen. «Bisher haben wir, im europäischen Vergleich, jeweils gut abgeschnitten.» Was sagt Michael Beck in diesem Zusammenhang dazu, dass hierzulande nicht selten von «Kuschel-Knast» die Rede ist? «Solche Aussagen entsprechen nicht den Tatsachen. Ein Aufenthalt im Gefängnis ist auch bei uns weder Spass noch Urlaub. Gesunde Ernährung zum Beispiel hat nichts mit Luxus zu tun, sondern verhindert Mangelerscheinungen und beugt ärztlichen Interventionen vor.»
In der Regel sind Strafgefangene zur Arbeit verpflichtet, während Untersuchungshäftlinge dies freiwillig tun können. Wie verhält es sich in Vaduz? «Wir bieten den Insassen nach Möglichkeit an, handwerkliche Arbeiten auszuführen. Leider mangelt es aber oft an entsprechenden Auftraggebern. Prinzipiell ist es für Insassen sowie für Menschen im Allgemeinen von Vorteil, eine Aufgabe zu haben, welche als sinnhaft empfunden wird und Struktur in den Alltag bringt. Bei Strafgefangenen kann entlohnte Arbeit zudem zur Resozialisierung sowie zur Schuldentilgung beitragen.»

Gesamtverantwortung für Mitarbeitende und Insassen
Begonnen hat Michael Becks Gefängnis-Laufbahn mit einem Praktikum im Kantonalgefängnis Frauenfeld. «Ich durchlief dort alle Stationen – Insassenbetreuung, Buchhaltung, Einkauf –, erhielt einen umfassenden Einblick, war begeistert und bewarb mich kurz darauf um eine ausgeschriebene Stelle beim Landesgefängnis Vaduz.»
«Gefängnisse sind sozusagen ein Spiegel der Gesellschaft.»
Seinen dortigen Dienst trat er 1995 Dienst an, schloss 1999 eine zweieinhalb Jahre dauernde Grundausbildung ab. 2015 folgte eine Weiterbildung zum eidgenössisch diplomierten Fachexperten für Justiz und Strafvollzug (Abschlussarbeit zum Thema strategisches Grundlagenpapier zu einer möglichen Weiterentwicklung des LGF), ab 2016 die Leitung des Landesgefängnisses. Sein Aufgabengebiet umfasst unter anderem die Administration, Budgetierungen, das Mitentwickeln von strategischen Ausrichtungen des Dienstbetriebes, das Erstellen von Tages-, Dienst- und Vollzugsplänen, das Veranlassen von Rückholungen aus ausländischen Anstalten zum Entlassungsvollzug, Zustellungen aller Art sowie Spitaleinweisungen und das Aufbieten von Ärzten. Michael Beck steht dabei in stetem Kontakt mit Ämtern und Behörden.
«Prinzipiell ist es für Insassen sowie für Menschen im Allgemeinen von Vorteil, eine Aufgabe zu haben, welche als sinnhaft empfunden wird und Struktur in den Alltag bringt. Bei Strafgefangenen kann entlohnte Arbeit zudem zur Resozialisierung sowie zur Schuldentilgung beitragen.»
Zurzeit sind in Vaduz 6 Mitarbeitende in Logistik, Aufsicht und Betreuung tätig. Bei Neuanstellungen wird Wert auf abgeschlossene Berufslehre, tadelloses Leumundszeugnis und gute Umgangsformen gelegt. «Das Beherrschen mindestens einer Fremdsprache stellt eine zusätzliche Bedingung dar. Die Person muss zudem flexibel und belastbar sein.»
«Passende Rahmenbedingungen zu schaffen, welche im Alltag optimal unterstützen und fördern, sind ebenso zentral wie das tägliche morgendliche Team-Briefing.» Obwohl es glücklicherweise selten Aggressionen gegen Mitarbeitende oder zwischen den Insassen gibt, entstehen doch immer wieder gefährliche Situationen. «Deshalb sind regelmässige Kontrollen, darunter auch ärztliche, ab Tag eins des Eintritts, unabdingbar.»
Nicht ohne Grund. «Ein oftmals unterschätztes Problem liegt in der Beschaffung und dem missbräuchlichen Konsum von verschreibungspflichtigen Medikamenten wie beispielsweise Benzodiazepinen.» Hinzu komme, dass sich die Justiz auf psychisch erkrankte Häftlinge einstellen muss, was für die Beteiligten oftmals fordernd sei.
«Wir bieten den Insassen nach Möglichkeit an, handwerkliche Arbeiten auszuführen.»
Resilienz stärkende Psychohygiene
«Der Vollzug ist einerseits interessant, aber andererseits auch psychisch fordernd. Es gilt unter anderem, mit respektlosem Verhalten bis hin zu Drohungen umzugehen.» Regelmässige Teambesprechungen, Unterstützung durch die Mitarbeitenden der Landespolizei oder Weiterbildungen, beispielsweise zum Thema Resilienz, sind dabei hilfreich. «Aber auch das Miteinander, sich gegenseitig Auftrieb zu geben ist wesentlich. Die Probleme meines Teams sind auch die meinen.» Eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Ressource ist für Michael Beck sein Privatleben, die Familie und Freunde. Seit 1998 ist er verheiratet, aufgewachsen mit drei Geschwistern, gerne in der Natur oder auf Reisen und Mitbegründer des Unimog Club/Portalochsen Vaduz. Wert legt er auch auf Literatur, internationale Politik und darauf, eine eigene Meinung zu vertreten. Kürzlich feierte seine Mutter, selbst viel gereist, hat Ausbildungen und Diplome im Ausland erworben, ihren 89. Geburtstag. «Sie ist mein Vorbild, hat mich stets in allem unterstützt und gefördert. Ihr Motto ‘geht nicht gibt’s nicht’ ist zu meinem geworden.»
Die zwei Seiten der Weihnachtszeit
«Im November und Dezember kommt es traditionelle zu einer erhöhten Zahl an Einbrüchen», weiss Michael Beck. «Der Kriminaltourismus hat Hochkonjunktur, was sich in einer Zunahme der Diebstähle, Einbrüche und anderer Delikte zeigt.» Dem Gefängnispersonal fordert diese Tatsache neben einer erhöhten Arbeitsbelastung zudem emotional einiges ab, denn auch an den Insassen geht Weihnachten nicht spurlos vorbei – im Wissen, den 24. Dezember statt bei der Familie hinter Schloss und Riegel zu verbringen. «Bei uns im Gefängnis ist dies der einzige Tag im Jahr, an dem alle das vom LAK gelieferte, aufgewertete Mittagessen gemeinsam an einem schön gedeckten Tisch einnehmen können. Ein dekorierter Gemeinschaftsraum, der Weihnachtsbaum und das traditionelle Nikolaussäckchen werden sehr geschätzt.
Da sich der kulturelle und religiöse Hintergrund der Inhaftierten oft unterscheidet, wird, je nach Besetzung, ein katholischer oder ökumenischer Weihnachtsgottesdienst abgehalten. Wir sehen es als Teil unseres pädagogischen Auftrags, den Gefangenen zumindest an diesem Tag eine feierliche Atmosphäre zu bieten und ihnen ein Gefühl der Normalität zu vermitteln.»
Anm. der Redaktion: Michael Beck verzichtet aus Datenschutzgründen auf die Veröffentlichung privater Bilder. Wir bitten die Leserschaft um Verständnis.
