von Mathias Ospelt

Letztes Jahr erschien das praktische Handbuch «Sprichwörter von hier & anderswo» von Laura Hilti und Cornelia Wolf. Darin sind in unzähligen Listen unzählige Sprichwörter, teils im Dialekt, teils in Schriftsprache, versammelt und geben einen Eindruck von der Gedankenwelt unserer Vorfahren und wie man auf fast jedes Problem, jedes Ereignis, jedes Glücksgefühl und jeden Schicksalsschlag eine entsprechende Antwort wusste. Neben diesen Redensarten gab es aber noch eine ganze Reihe anderer verbaler Möglichkeiten, die sich im Alltag als nützlich erwiesen: Bauernregeln, Sprüche und sogar Lieder. Und von ganz bestimmten Bauernregeln ist diesem Beitrag die Rede.
«Heilig und kwöss» – heilig und gewiss – sagte früher einmal der Kindermund als Beteuerung der Wahrheit einer Mitteilung oder eines Versprechens. Heutzutage würde es vermutlich «Eerlig, hoi!», «Stimmt, im Fall!» oder Neudeutsch «wallah!» oder «No cap!» heissen. Erwachsene brauchten solche Rückversicherungen selbstverständlich nicht, denn sie konnten sich auf Sätze verlassen, die schon seit Jahrhunderten in Stein gemeisselt schienen. Wie zum Beispiel Bauernregeln. Ähnlich wie die beliebten Sprichwörter wurden sie ebenfalls häufig in der Schriftsprache ausgedrückt – vermutlich, um sie glaubwürdiger bzw. universeller erscheinen zu lassen –, doch mischten sich immer wieder Dialektversatzstücke in die klugen Reden.
Bauernregeln
Die schon mehrfach in dieser Mundartreihe zitierten altehrwürdigen, schon längst verstorbenen Dr. Albert Schädler (1848–1922) und Joseph Ospelt (1881–1962) kümmerten sich neben ihren politischen Mandaten auch um Sprache und Brauchtum ihrer Heimat Liechtenstein. U. a. taten sie dies in Beiträgen im «Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein». So veröffentlichte Albert Schädler 1916 ebendort das Standartwerk «Liechtensteinische Volksbräuche und Volkssagen»(wozu er auch Bauernregeln zählte) und ein Jahr später (1917) erschien in der gleichen Publikationsreihe Joseph Ospelts «Vaduzer Sprüche».
obsi und nidsi
Ospelt beginnt bei der Auflistung seiner gesammelten Bauernregeln mit dem Neuen Jahr: «Geht das neue Jahr im übersichgehenden Monde [obsigend] herein, so gehe im neuen Jahre das Wasser in die Höhe, d. h. es gebe Überschwemmungsgefahr. Wenn aber das neue Jahr untersichgehenden Monde [nidsigend] antritt, dann grabe das Wasser, d. h. der Rhein vertiefe sich.» «obsigend» (von «ob», also oberhalb oder oben, siehe der Kanton Obwalden) bezeichnet im alemannischen Dialekt den Zeitraum im Verlauf eines Monats, in dem der Mond steigt, und «nidsigend» (von «nid», also unterhalb oder unten, siehe der Kanton Nidwalden) bezeichnet die Phase, in der er fällt. «obsi» entstammt aus «ob-sich» und bedeutet aufwärts und «nidsi» stammt aus «nid-sich» und bedeutet abwärts.
Ergänzt werden beide Ausdrücke durch das Partizip «gend» (gehend), womit wir bei aufwärtsgehend («obsigend»), also steigend sind (in den Bauernkalendern als Mondschiffchen symbolisiert), und bei abwärtsgehend («nidsigend»), fallend (Mondsichel).
schwiina
Im Weiteren schreibt Ospelt: «Ist der Mond zu Neujahr im Wachsen und schon ziemlich voll, so gibt es ein gutes Jahr; wenn er dagegen beim Jahreswechsel schon stark im Abnehmen [schwiina] ist, bedeutet das ein schlechtes Jahr.» Allerdings betraf dies ausschliesslich die Landwirtschaft und nicht etwa die Volkswirtschaft! Bei einem abnehmenden Mond sprach man vor noch nicht allzu langer Zeit vom «schwiiniga Moo».
Laut Alexander Frick, einem weiteren Dialekt- und Brauchtumsforscher, sollten in dieser Zeit die Reben nicht geschnitten werden, die Schweine sollten nicht geschlachtet werden und manch ein Friseur schwört heute noch darauf, bei diesem Mondstand keine Haare zu schneiden. «schwiina» stammt vom Mittelhochdeutschen «swîna», was Abnehmen an Masse oder Gewicht bedeutete. Hierzu gehörte auch «s Schwiini», der gefürchtete Muskel-, Blut- und Knochenschwund bei Mensch und auch bei Tier. Ospelt zitiert in diesem Zusammenhang folgendes Gebet: «Fleisch Du tust [schwiina], und das [Schwiina] soll von nun an zum Wachsen kommen. – Blut Du tust [schwiina], und das [Schwiina] soll von nun an zum Wachsen kommen. – Mark Du tust [schwiina], und das [Schwiina] soll von nun an zum Wachsen kommen. – Bein Du tust [schwiina], und das [Schwiina] soll von nun an zum Wachsen kommen.»
Abgeschlossen wird das Gebet mit fünf Vaterunser und dem Glaubensbekenntnis. Frick führt noch ein weiteres, etwas sonderbares Mittel gegen «s Schwiina» auf: «Man spiesste in der Fronfastenwoche eine Kröte auf, dörrte sie an der Sonne und hängte sie dem Leidenden in einem Leinensäckchen um den Hals.» Ja, die gute alte Zeit!
Der Begriff «schwiina» tauchte aber auch noch in anderen Zusammenhängen auf. So konnte z. B. Holz «schwiinen», wenn im Holzboden Fugen entstanden. Dann war der Boden «gschwuuna». Vorräte konnten «schwiinen», wenn der Verbrauch an Lebensmitteln stark zugenommen hatte und wenn man in früheren Zeiten am Ende der Fasnacht feststellen musste, dass man pleite war, so hatte der Geldsäckel «s Schwiini» gehabt. Irgendwann wurde das Wort «schwiina» – zumindest in der Schriftsprache und später auch im Dialekt – von «schwinden» verdrängt.
Nöü und Wedel
Weitere Regeln, den Mond betreffend, lauten, dass es, wenn es zur Zeit des Neumondes («Nöü») im Mai («Maianöü») in den Bergen schneit, es dann im Sommer bei jedem Neumond («alli Nöü») schneit. Im «Nöü» soll zudem nicht gesät werden, da sonst die Früchte ungleich reif werden. Im ersten und letzten Viertel des Neumonds soll überhaupt nicht gesät werden, wenn, dann nur im «Wedl». «Wed(e)l», deutsch auch Wadel, ist die Phase des abnehmenden Mondes. Martin Luther nannte diese Phase auch «altes Licht». Und die Zeit des zunehmenden Mondes nannte er «junges Licht».
Ospelt führt auch die Regel auf, dass ein Schweinewurf, also die Geburt von Ferkeln durch eine Sau, zu Grunde geht, wenn er bei Mondwechsel («im Moobroch»), also beim Wechsel der Mondphasen, geschieht.
Die Veränderungen des Monds fanden schliesslich auch Eingang in den Volksmund. Zumindest in Vaduz ist der Spruch des David Boss (s Dovitlis) nach wie vor bestens bekannt:
O du liaba guata Moo,
hets mis Wiifass o asoo,
wärs wia du alawiil voll,
o wia wärs mir denn so wool!
Quellen: Frick, Alexander: Die Mundarten von Liechtenstein. Bearbeitet von Eugen Gabriel. Vaduz 1990. Jutz, Leo: Vorarlbergisches Wörterbuch mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein. Wien 1961. Ospelt, Joseph: Vaduzer Sprüche. In: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein. 17. Band, Vaduz 1917. Schädler, Albert: Liechtensteinische Volksbräuche und Volkssagen.
In: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein. 16. Band, Vaduz 1916.
