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60Plus | Fokus | September, 2026
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Sind ungenutzte Landschaften überflüssig?

Ein Plädoyer für ein Wildnisgebiet Samina-Galinatal
von Mario F. Broggi

Wildnis in Liechtenstein? Und dies in einem Kleinststaat von 160 km2 mit seinem dicht besiedelten Alpenrheintal? Tatsächlich gibt es ein wenig erschlossenes Tal, das sich zur Ausweisung eines Wildnisgebietes eignet – und das grenzüberschreitend mit Vorarlberg.

Wildnis als Gegenentwurf zur Zivilisation, zur traditionellen Kultur- und Gebrauchslandschaft, wird zunehmend positiv gesehen. «Natur Natur sein lassen» wird für den Erhalt der biologischen Vielfalt als sehr bedeutend eingestuft. Wildnis bietet Lebensraum für unzählige Tiere und Pflanzen, schützt wertvolle Naturressourcen, trägt zum Klimaschutz bei, ebenso zur Hochwasserprävention. Sie ist Quelle der Erholung, fördert Bildung und Forschung und unterstreicht unsere Verantwortung gegenüber künftigen Generationen. Die Kernbotschaft der Wildnis ist das Zulassen von natürlichen Prozessen und damit auch des Unvorhergesehenen.

Wildnisgebiete als eigenständige Schutzkategorie sind in Europa noch weniger bekannt. Das fand bisher in den Kernzonen der Nationalparke Anwendung. Für die Ausweisung eines Nationalparkes ist Liechtenstein zu klein. Aber als ein Wildnisgebiet wie zunehmend in Österreich und Deutschland eingerichtet, ist dieser Raum geeignet.

Ein schützenswertes Grossraumbiotop

Das liechtensteinische Saminatal wurde bereits im Europäischen Naturschutzjahr 1970 als alpines Schutzgebiet vorgeschlagen und 1977/1992 ins staatliche Naturschutzinventar aufgenommen. Auch im österreichischen Bundesland Vorarlberg 1988 wurde das untere Samina- und das angrenzende Galinatal als schützenswertes Grossraumbiotop bezeichnet. Bei einer länderübergreifenden Betrachtung ist hier von einer ausgeprägten Naturruhezone im Ostalpenraum auszugehen, ohne Siedlungen, übergeordnete Strassen und Infrastruktureinrichtungen, aber mit naturnaher Vegetation ausgestattet. Wir erleben dort die Kräfte der Natur mit dem Wildfluss Samina, dem Valorschbach und den weiteren seitlichen Wildbächen, die ihrerseits mächtige Schuttkegel wie die Zeiger- und Plankner Rüfe ausbilden.

Für den Schutz des Gebietes wurden Zwischenschritte unternommen. Im Liechtensteiner Anteil wurden 920 ha im Jahre 2000 als Waldreservate im Triesenberger und Plankner Garselli sowie am Zigerberg ausgewiesen.

Das Samina- und das Galinatal bilden somit eine «wilde Einheit», sind eine Kontrastlandschaft zum nutzungsintensiven Alpenrheintal und der Walgauer Talsohle. Im liechtensteinischen Teil gehen die letzten Holzschläge auf die Jahre 1925/26 zurück, also vor hundert Jahren. Für den Schutz des Gebietes wurden Zwischenschritte unternommen. Im Liechtensteiner Anteil wurden 920 ha im Jahre 2000 als Waldreservate im Triesenberger und Plankner Garselli sowie am Zigerberg ausgewiesen. Im Vorarlberger Anteil wurden zwei aufrechte Föhrenstände mit 525 ha als Natura2000-Gebiete ausgewiesen. Damit steht mehr als die Hälfte des vorgeschlagenen Wildnisgebietes bereits unter striktem Schutz. Der Untersuchungsraum macht seinerseits 2650 Hektar beidseits der Landesgrenzen aus.

In den letzten zehn Jahren wurden die Nutzungsgeschichte und die Naturwerte erhoben und in einer Naturmonografie dargestellt. Wir wissen jetzt, was hier «kreucht und fleucht». Wenig bekannt ist, dass die heutigen Rotwildpopulationen der Ostschweiz damals ihren letzten Rückzugsort im 19. Jh. im Saminatal hatten, was sich in den Nationalparkhirschen im Engadin genetisch nachweisen lässt.

Einen «Klecks» im Reinheft hat auch dieses Gebiet, genauer deren zwei. Oberhalb des Untersuchungsgebietes findet sich im Steg seit 1948 ein Wasserkraftwerk, welches sein Betriebswasser ins Alpenrheintal ableitet. Die heutige Restwasser-Dotation in der Samina ist nach ökologischen Erkenntnissen ungenügend. An der Landesgrenze im «Falleck» wurde 1906 eine Trinkwasserfassung für die Stadt Feldkirch erstellt. Im Gelände sind ein Stauwehr sowie die Zufahrstrasse mit Schrankenbetrieb sichtbar. Diese Eingriffe müssen auch im Wildnisgebiet akzeptiert werden.

Die Bausteine für das Projekt liegen vor

Man könnte meinen, mit dem Motto «Natur Natur sein lassen» gäbe es nach einer Unterschutzstellung nichts mehr zu tun. Es braucht aber ein Monitoring, um die weitere Entwicklung zu beobachten. Auch gilt es, den Besuch zu regeln und durch Ranger zu überwachen. Das Terrain mit den beidseits ausgeprägten Steillagen lädt allerdings nicht zum freien Betreten ein. Es gibt im Gebiet zwei markierte Wanderwege: im Gipfelbereich mit dem Fürstensteig und dem Wanderweg entlang der Samina. Für die Talwanderung nach Frastanz oder Feldkirch-Tisis sind mindestens fünf Stunden einzusetzen. Sie wird durch eindrückliche Bilder belohnt, ist aber anstrengend. Für die Information über Wildnis bietet sich das Berggasthaus Sücka mit einem Informationszentrum an. Die Zukunft dieses Hauses wird derzeit diskutiert. Auf der Suche nach neuen Modellen des Miteinanders von Schützen und Nützen könnten hier entsprechende Vorstellungen für die Wildnis wie für die Alpwirtschaft präsentiert werden. Für die Unterstützung des Schutzanliegens wurde die Samina-Stiftung eingerichtet (www.saminastiftung.li). Es fanden Abklärungen über die künftige Jagd, Fischerei und Alpwirtschaft statt. Konkrete Vorstellungen für das Gebiet werden im Herbst 2026 vorgestellt. Mit den UN- und EU-Zielen, 30 Prozent Schutzgebiete bis zum Jahr 2030 auszuweisen, sollten Wildnisgebiete eine Aufwertung erfahren.

Natur im Umbruch: Vergangenes verstehen, Zukunft gestalten

Wer mehr über «Rewilding» mit teilweisen Rückzug aus Seitentälern erfahren möchte, dem sei das Buch des Autors «Natur im Umbruch: Vergangenes verstehen, Zukunft gestalten» empfohlen. 2026, Haupt Verlag, Bern