von Mathias Ospelt

Im zweitletzten Beitrag dieser seit dem Frühling 2016 bestehenden und Ende Jahr beendeten Mundartreihe beschäftigen wir uns mit dem, was der Ur-Bevölkerung Liechtensteins am allerwichtigsten ist. Nein, nicht Gott, nicht Fürst und auch nicht Vaterland, sondern: die Familie! Die Sippe. Der Clan. Was wären wir alteingesessenen Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner ohne das Bewusstsein, über Generationen in einem Kreis, Entschuldigung!, in einem Stammbaumhaus aufgehoben zu sein, das uns mit einer astreinen Herkunft, einem bäumigen Traditionsbewusstsein, mit vielblättrigem Stolz und ganz nebenbei und oft genug mit einem Job in einem vorgewärmten Nest versorgt. Odr eppa net?
Wer kennt sie nicht? Die schönen alten Sprüche: «Wenn Du noch einen Vater hast, so halte, Kind, ihn hoch in Ehren.» und «Wenn Du noch eine Mutter hast, so danke Gott und sei zufrieden. Nicht allen auf dem Erdenrund ist dieses hohe Glück beschieden.»
Diese kolorierten und meist eingerahmten Blätter dienten seit dem 19. Jahrhundert in vielen Haushalten als beliebter Wandschmuck, der dem Jungvolk die Ehre vor den Erzeugern in Erinnerung bringen sollte. Interessant ist allerdings, dass die beiden Texte nicht gleichzeitig entstanden sind.
Beide Mahnungen prangten früher einmal als Bildunterschriften unter post-biedermeierlichen Malereien, wobei beide Elternteile je für sich unter einem Baum sassen – der Vater auf einem Stuhl am Arbeitstisch und die Mutter auf einer Bank –, während der Vater den stehenden Sohn mit erhobenem Zeigefinger verabschiedete und die Tochter mit einem kleinen Blumensträusschen in der Hand vor der Mutter kniete. Diese kolorierten und meist eingerahmten Blätter dienten seit dem 19. Jahrhundert in vielen Haushalten als beliebter Wandschmuck, der dem Jungvolk die Ehre vor den Erzeugern in Erinnerung bringen sollte. Interessant ist allerdings, dass die beiden Texte nicht gleichzeitig entstanden sind. Der Vater-Zweizeiler geht auf eine unbekannte Autorenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurück, der Mutter-Text ist aber Teil des Gedichts «Mutterliebe», das um 1860 von Friedrich Wilhelm Kaulisch (1827–1881) verfasst wurde (und später sogar vertont wurde). Auch in Liechtenstein hingen diese Bilder, bis vor wenigen Jahren sogar in der Ferienhütte der Familie des Autors dieses Beitrags.
Da ja, wie wir alle wissen, in Liechtenstein seit Urzeiten immer nur und ausschliesslich Dialekt gesprochen wurde (so lautet zumindest das entsprechende Narrativ), fragt man sich aber, ob die stubenwandschmückende Bevölkerung auch verstand, was damit gemeint wurde. «Vater»? «Mutter»? «Kind»? So hätt ma nia gseet, meldet sich sogleich die Dialektpolizei. Und so bemüht sich dieser Beitrag um etwas Klärung. Mit grossartiger Unterstützung durch Alexander Fricks Mundartbeitrag «Mundartliche Verwandtschaftsbezeichnungen in Liechtenstein», der im Juni 1974 im «Liechtensteiner Volksblatt» erschien (und 16 Jahre später in leicht überarbeiteter Form in seinem Buch «Die Mundarten von Liechtenstein» abgedruckt wurde).
Die Eltern
Beginnen wir am Anfang. Nicht bei Adam und Eva, sondern bei Vater und Mutter. Denen man aber hierzulande nur in sehr seltenen Fällen so sagt. Zur Benennung des Vaters schreibt Frick Mitte der 1970er-Jahre: «Vor einem halben Jahrhundert gab es in Schaan nur einige wenige Familien in denen der Vater eine andere Bezeichnung trug als Tätta. Diese Familien, in denen der Vater Papa hiess, waren in der Schule allen bekannt.» Mit anderen Worten: wer seinen Papi Papa nannte, wurde etwas schief angeschaut. Heutzutage ist es umgekehrt. Frick führt anschliessend Nebenformen des damals allgegenwärtigen Tättä für die verschiedenen Gemeinden des Landes auf: Dätte, Dätta, Ätte, Ätta und in Triesenberg Ätti. Diese Formen stammen von Mittelhochdeutsch atte ab, was «Vater» bzw. «der Alte» bedeutet. Papa, Papi, Paps etc. ist dem Französischen entlehnt und gilt seit dem 17. Jahrhundert als Kosewort. Es entstammt der kindlichen Lallsprache. Genauso wie Mamma, das ebenfalls seit dem 17. Jahrhundert aus Frankreich kommend den Weg in die deutsche Umgangssprache fand. Es muss aber davon ausgegangen, dass früher einmal auch Vatr und Muetr verwendet wurden. Heutzutage würde sich diese Verwendung allerdings etwas sehr veraltet anhören. Aber wer weiss? Irgendwann wird es wieder zum Trend und Vatr wird zum neuen Daddy.
Die Grosseltern
Die traditionelle Bezeichnung für die Grosseltern lautet hierzulande Eeni (Grossvater) und Aana (Grossmutter). Ebenfalls existiert Neni und Nana. Eeni hat sich aus dem Althochdeutschen ano und dem Mittelhochdeutschen an weiterentwickelt, während Aana aus dem Althochdeutschen ana und dem Mittelhochdeutschen ane entstammt. Beide Bezeichnungen sind also germanischen Ursprungs und das Stammwort an findet sich noch heute in Begriffen wie «Ahnherr» oder «Urahn» wieder. Hierzu eine interessante Bemerkung Fricks aus den 70er-Jahren: «Heute wollen offensichtlich noch junge Grossmütter, – es gibt jetzt schon vierzigjährige — von ihren Kindskindern nicht mit Ahna angeredet werden und so kommt es dann zu Ausdrücken wie Grossi, Ohma, Nonna und statt Ehni Grosspapa, Opa etc.»
Die Urgrosseltern
Hier zeigt sich wenig Veränderung. Urgrossvater und Urgrossmutter haben eher selten Probleme damit, Ureeni oder Uraana genannt zu werden. Nur noch selten hört man die sehr alten Bezeichnungen für die Ururgrosseltern Guggeeni und Guggaana. Hierzu ist aber zu bemerken, dass diese Benennung in den heutigen sprachsensiblen Zeiten mit Vorsicht zu geniessen ist, soll Gugg- laut Etymologie auf einen «dummen, läppischen Mensch» (Jutz) verweisen und sich auf «auf die kindische Einfalt altersschwacher Greise» (Idiotikon) beziehen.
Die Kinder
Der Begriff «Kind» geht im Gegensatz zu den Verwandtschaftsbezeichnungen germanischen und romanischen Ursprungs auf indogermanische Wurzeln zurück und hängt mit *g’en- zusammen, was «erzeugen, gebären» bedeutet. Im hiesigen Dialekt war aber zumindest früher die Bezeichnung Goof bzw. Gööfle weiter verbreitet. Diesem Begriff hängt heutzutage aber eine, wie es Frick ausdrückt, eher «abträgliche» Bedeutung an und wer Goof verwendet, erntet öfters empört-gerümpfte Nasen. «Zu Unrecht», schreibt Frick, erklärt aber leider nicht, was die ursprüngliche Bedeutung des Wortes war. Bei Saugoof ist das Naserümpfen allerdings gerechtfertigt.
Statt «Sohn» wird nach wie vor vorwiegend Buab (Knabe) verwendet. Allerdings hat inzwischen der «Schwiegersohn» den früheren Tochtermaa ersetzt. Und statt «Tochter» sagt man meistens Määtle, Maatle, Mootle, Meiti (Tbg.) wobei der Stamm auf das Mittelhochdeutsche meit (Mädchen) zurückgeht und das -le lediglich das Diminutiv bedeutet.
Die Enkelkinder
Laut Frick lässt sich die Bezeichnung «Enkel» bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts für die Gegend des heutigen Liechtensteins nachweisen. In der von Graf Karl Ludwig von Sulz (1572–1613) erstellten Erbordnung ist von «Kinder, Enichli, Urenichli u. s. w.» die Rede. Althochdeutsch Eninchli entwickelte sich später zu Eninkel/Enkel, was eine Verkleinerungsform von an (siehe oben: Eeni/Aana) ist. Oft ist auch die Rede von «Kindeskinder».
Anverwandte
Generell werden Anverwandte als die Eigna (Eigenen) bezeichnet. Vor allem am Triesenberg existiert auch der Begriff Vettermaa für einen männlichen Verwandten, der nicht Vater, Bruder oder Schwager ist. Der Begriff Vetter – und auch Base – wurde in Liechtenstein lange Zeit nicht im schriftsprachlichen Sinn verwendet, gemäss dem «Vetter» und «Base» Geschwisterkinder bedeuten, also Kusiin/Kusää und Kusiina. Diese aus dem Französischen stammenden Begriffe fanden laut Frick wohl deshalb Eingang in unsere Mundart, da es keinen speziellen Ausdruck für sie gab, sondern lediglich die Umschreibungen «er ischt a gschwöschterigs Kind zo mir» oder «sie ischt a gschwöschterigs Kind zo mir» (Tbg: gschwüschdrigs Chind). Unter Vetter in der Mundart verstand man den Bruder des Vaters oder der Mutter, also Schwager oder Onkel. «Onkel» und «Tante» sind ebenfalls Bezeichnungen, die erst spät in den Dialekt gefunden haben. Und statt «Neffe» und «Nichte» sagte man «Sohn des Bruders/der Schwester» oder «Tochter des Bruders/der Schwester».
Quellen:
Frick, Alexander: Die Mundarten von Liechtenstein. Bearbeitet von Eugen Gabriel. Vaduz 1990.
Frick, Alexander: Mundartliche Verwandtschaftsbezeichnungen in Liechtenstein.
Ein Beitrag zur Sprachforschung von Alexander Frick. In: Liechtensteiner Volksblatt, 22. Juni 1974.
Jutz, Leo: Vorarlbergisches Wörterbuch mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein. Wien 1960 bis 1965.
www.idiotikon.ch
