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60Plus | Porträt | Januar, 2022
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Greta Ming: «Schaan ist der beste Ort für mich»

Von Iris Ott

Greta Ming wurde 1938 als Margrit Ott in Schaan geboren. Sie hat nie woanders gelebt als in «ihrer» Gemeinde. Aufgewachsen im Tröxle, dann einige Jahre an der Zollstrasse im Elternhaus daheim, wohnt sie seit 1973 im eigenen Haus im Gapetsch. Greta Mings Ehemann verstarb leider sehr jung Anfang der 1980er-Jahre. Es folgte eine schwierige Zeit für die Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter. Zur Seite standen ihr dabei ihre grosse Familie. Jahre später kam mit ihren vier Enkelkindern sowie durch ihren langjährigen Lebenspartner wieder mehr Freude in ihr Leben.

Vor zehn Jahren musste Greta Ming allerdings den Tod ihres Partners als Schicksalsschlag hinnehmen und lebt seither alleine. Die 83-Jährige ist trotz allem dankbar, dass sie in ihrem Leben nie ernsthaft krank war und nach wie vor ein eigenständiges Leben führen kann.

Dreimal sei sie als Kind dem Tod entronnen, erzählt sie und hat bereits einige ihrer unzähligen Fotoalben herausgeholt. In ihrem Leben hat Greta Ming nicht nur viel Glück gehabt, sondern stets ein gutes Gespür dafür, was sie wie angehen oder eben doch lieber lassen soll. «Wenn etwas nicht so lief, wie ich es wollte, habe ich andere Wege gesucht – und meistens sind diese schlussendlich die besseren gewesen». Positiv denken und die Fünf auch mal gerade sein zu lassen, so umschreibt sie ihr Lebensmotto. «Es geht immer irgendwo wieder eine Türchen auf», ist sie als Optimistin überzeugt und ihr Leben lang gut damit gefahren.

Grossfamilie in schweren Zeiten

Greta Ming ist als viertjüngstes Kind mit zehn Geschwistern aufgewachsen. «Geld hatten wir keines, aber immer genügend zu essen, weil wir Schweine, Hasen und Hühner hatten sowie einen grossen Garten und Felder, die mit Gemüse bewirtschaftet wurden». Während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Familie einen Teil ihrer Erträge für das Allgemeinwohl abgeben: «Es waren ja fast alle Familien sehr arm, und einige hatten nicht einmal genügend zu essen». Weil die Familie Ott aber weder über ein Fuhrwerk noch über Pferde verfügte, stellte sich ein Bauer zur Verfügung, um die Ernte bei der Gemeinde oder dem Land abzugeben. Als Gegenleistung mussten die Kinder dafür beim Bauern auf dem Feld mithelfen, meistens bei der Kartoffelernte. «Da bin ich sehr gerne hingegangen, weil es zum Zvieri meistens einen Landjäger oder eine Wurst gab, was wir zuhause sehr selten bekamen». Rasch schiebt Greta Ming ein, dass sie trotz der Mitarbeit zuhause und bei dem Bauern immer ausreichend Zeit zum Spielen gehabt hätten. Ihre Spielkameraden waren hauptsächlich Buben aus der Nachbarschaft oder ihre jüngeren Brüder. «So habe ich mit denen Fussball gespielt, bin auf Bäume geklettert und herumgerannt – ich war die Schnellste und konnte auch am besten klettern».

Verpasster Ausflug und seine Folgen

Sie sei als Kind irgendwann die einzige der Familie gewesen, die frühmorgens regelmässig in die Messe gegangen sei, erzählt Greta Ming. Und als sie von einem dieser Kirchgänge nach Hause kam, sei niemand da gewesen. Lintschi, wie ihre Mutter von allen genannt wurde, sei mit allen Kindern mit dem Zug zum alljährlichen Ausflug an den Bodensee gefahren. Sie hätten Greta zwar noch gesucht, seien dann aber schliesslich ohne sie losgezogen. «Von diesem Tag an bin ich nicht mehr zur Kirche gegangen, um dieses wichtige Jahresereignis auch ja nicht mehr zu verpassen.» Den erneuten Gang zur Kirche findet Greta Ming über das Singen der für sie so schönen Lieder – sie tritt dem Schaaner Kirchenchor bei, wo sie während 24 Jahren mit viel Freude mitwirkte.

In die Schule ist Greta Ming nicht gerne gegangen. Besonders seit dem Tag, als ihr ihre Lehrerin Schwester Hilda klar zu verstehen gab, dass sie dumm sei. Als junges Mädchen glaubte Greta Ming das und entschied sich, dann eben möglichst gar nichts mehr zu lernen, da dies bei ihr ja ohnehin nichts nützen würde. Darüber, dass Greta Ming eine angeborene Schreib- und Leseschwäche hat, wurde damals leider noch nicht nachgedacht. «Heute bereue ich es, dass ich in der Schule nicht mehr lernen konnte. Aber Rechnen ist eh wichtiger fürs Leben und das konnte ich immer gut». Im Übrigen hat Greta Ming im Laufe ihres Lebens immer viel gelesen und besitzt über 100 Sachbücher, die sie auch, wie sie betont, alle gelesen hat.

Das Zeugnis im Fach Deutsch war dann auch nicht sonderlich gut, und Schwester Hilda meinte, wenn Greta öfters zum Gottesdienst gekommen wäre hätte die Deutschnote besser ausgesehen. Doch nebst Mithilfe zuhause in Haus und Garten, der Heimarbeit, mit der sich Mama Lintschi ein paar Franken dazu verdiente, der Schule und den Hausaufgaben war die frühmorgendliche Messe um 6.30 Uhr für Greta einfach zu viel (und dann war da ja auch noch der verpasste Ausflug).

Zu den Schulzeitenerinnerungen gehört auch jene, dass die Schule den Mädchen nicht erlaubte, in Hosen zum Unterricht zu kommen. Auch nicht in schneereichen Wintern oder bei eisiger Kälte.

Aus ihrer Schulzeit weiss die 83-Jährige auch zu berichten, dass damals alle Schulklassen an jede Beerdigung innerhalb der Gemeinde gehen mussten. «Die Gemeinde hatte viel weniger Einwohner und man kannte ja fast jeden». Zu den Schulzeitenerinnerungen gehört auch jene, dass die Schule den Mädchen nicht erlaubte, in Hosen zum Unterricht zu kommen. Auch nicht in schneereichen Wintern oder bei eisiger Kälte. Als eine von Gretas Schwestern beinahe an einer Lungenentzündung gestorben wäre, beschliesst Mama Lintschi, «Schwedenhosen» (eine Art Skihosen) zu nähen und schickt das Mädchen damit zur Schule. Prompt wird Greta wieder nach Hause geschickt, was Mama Lintschi veranlasst mit den Schulschwestern Tacheles zu reden – von da an gingen in der kalten Jahreszeit alle Mädchen der Familie Ott in Schwedenhosen zur Schule.

«Vielleicht wäre ich Friseurin geworden»

Mitte der 1950er-Jahre war es nicht üblich, dass Mädchen eine Berufsausbildung machten; sie mussten möglichst rasch Geld verdienen – und dann würden sie ja eh heiraten, so der Tenor. So war es auch bei Greta Ming: Sie arbeitete nach der Schule in der Berufskleiderfabrik und nach der Heirat im Alter von 20 Jahren und der Geburt ihrer Kinder half sie beim Gemischtwarenladen «Rheinberger» aus. Sie fand es immer wichtig, dass sie als Mutter zuhause war, wenn die Kinder von der Schule oder aus dem Kindergarten kamen. Mit dem Gedanken, dass Familien ihre Kinder ziemlich rasch nach der Geburt in ausserhäusliche Betreuung geben, kann sie sich nicht anfreunden. Es sei denn, dass dies aus wirtschaftlichen Gründen notwendig ist. «Die Erziehung sollte doch daheim stattfinden und nicht als Aufgabe der Lehrer angesehen werden», ist sie überzeugt. Gut findet sie, dass die Kinder heute mehr von den Vätern haben als früher. Als sie die ersten Kinderwagen schiebenden Väter gesehen hat, sei es für sie schon befremdlich gewesen, weil es dieses Bild lange einfach nicht gegeben habe.

Turnen, Singen und Minigolf

Greta Ming trat Ende der 1950er-Jahre in den Schaaner Turnverein ein. Hier war sie über 30 Jahre lang aktiv, erst als Turnerin, bald schon als Leiterin und später auch als Instruktorin bei den Kunstturnerinnen. Kunstturnen war damals noch nicht Teil des TV Schaan bzw. hat eine Turnerin aus Deutschland Greta Ming diese Disziplin vorgestellt und damit Greta Ming den Anschub gegeben, sich in diese Richtung ausbilden zu lassen. Zahlreiche Kurse und Trainings haben Greta Ming zu einer beliebten und fachlich sehr versierten Trainerin werden lassen.

Wie bereits erwähnt war die engagierte Frau während 24 Jahren im Kirchenchor und hat im Weiteren 36 Jahre bei Aufführungen der Operettenbühnen Vaduz und Balzers mitgewirkt. Wer Greta Ming kennt, weiss, wie viel ihr diese Bühnenauftritte bedeuteten. Dennoch hat sie sie sich vor einigen Jahren von den Bühnen verabschiedet – es gibt für alles seine Zeit.

Seit etwas mehr als 20 Jahren ist Greta Ming Mitglied beim Minigolfverein Vaduz. Trainierte sie vor einigen Jahren noch regelmässig, nimmt sie in den letzten Jahren ausschliesslich an den Wettkämpfen teil: «Jemand muss ja auch Letzter sein», sagt sie mit einem breiten Lachen im Gesicht.

Im Sommer trifft man Greta Ming sehr oft im Schwimmbad Mühleholz an. Dort schwimmt sie ihre Runden, und wenn danach noch Leute da sind, mit denen die rüstige Rentnerin plaudern kann, dauert der Schwimmbadbesuch auch schon mal den ganzen Tag.

Ab und an geht die Schaanerin ins Casino zum Spielen.

Ihr Wochenprogramm ist gut gefüllt: freitags ist «Zmörgala» und «Lädala» mit ihrer Tochter angesagt, mittwochs und manchmal sonntags trifft man Greta Ming im Seniorentreff an und einmal pro Woche besucht sie Verwandte, um einen Schwatz abzuhalten. Ab und an geht die Schaanerin ins Casino zum Spielen. Als Optimistin und Glückskind ist es kaum verwunderlich, dass Greta Ming schon öfters gewonnen hat – sei es im Casino, beim Lotto oder Bingo. Der grösste Gewinn und zugleich ihr grösster Wunsch für die Zukunft ist eine gute Gesundheit!

Epilog: Eine Schaanerin zu finden, die aus ihrem langen Leben erzählt, ist relativ einfach. Schwieriger wird es, wenn das Erzählte samt Fotos in einem Magazin abgedruckt wird. Nach einigen Absagen hat sich schlussendlich eine meiner lebensfrohen Tanten für dieses Porträt zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank für das Vertrauen und die zahlreichen Geschichten, die in diesem Text leider nicht alle Platz gefunden haben.