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60Plus | Jahreszeiten | Januar, 2022
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Weihnachtserinnerungen

Gastbeitrag von Dr. Cyril Deicha

Unsere Grossmutter war eine fortschrittliche, hoch gebildete Frau, für uns quasi die «Bildungsministerin» in der Familie. Sie legte Wert darauf, dass wir keinen Aberglauben entwickeln, nicht mit «kindischen» Erklärungen vertröstet werden, aber auch gute Christen bleiben. Sie meinte, die Erwachsenen sollen die Kinder niemals anlügen, auch nicht zu Weihnachten. Wir wussten schon von Anfang an: «Christus ist wirklich in Bethlehem geboren, aber das genaue Datum ist nicht bekannt, den Weihnachtsmann gibt es nicht.» usw.

Sie hatte die russische Revolution überlebt und konnte uns auch Dramatisches aus ihrer Zeit erzählen. Für uns Kinder war es einfach spannend. Sachlich erklärte sie uns wie, neben offenen Christenverfolgungen, die sie in der Sowjetunion mit eigenen Augen erlebt hatte, es auch schlauere Methoden für die Entchristianisierung gab. Gerade in Zusammenhang mit Weihnachten wurde versucht das Volksbrauchtum anders zu deuten, durch Förderung von «alternativen Fakten», insbesondere durch Propagierung von angeblich alten Legenden des Volkes. Auch Aberglauben, Märchen, heidnische Traditionen und Schwurbelei wurden gefördert, kurzum alles was vom Christentum ablenken konnte.

Unter diesen Bedingung, waren wir dann frei, an allen Bräuchen teilzunehmen, und auch die anderen Konfessionen und Weltanschauungen kennenzulernen.

In unserer Familie war es somit klar, dass wir uns von Aberglauben und Heidentum hüten müssen. Unter diesen Bedingung, waren wir dann frei, an allen Bräuchen teilzunehmen, und auch die anderen Konfessionen und Weltanschauungen kennenzulernen. Es war auch hilfreich für uns, dass wir die Geburt Christi am 7. Januar in der orthodoxen Kirche feierten, wo generell im Kirchenraum weder Folklore noch Märchenfiguren Platz hatten.

Der doppelt brave Junge

«Am 25. Dezember oder am 7. Januar? Wann sollen Kinder Geschenke bekommen?» In unserer Familie war die Antwort pragmatisch: Wir feierten doppelt! Welches Glück zu wissen, dass wir auch zweimal ein Weihnachtsgeschenk bekommen. Ich glaube ich war ein braver Junge; man soll mir aber bitte nicht unterstellen, das sei nur wegen der doppelten Weihnachtsbescherung! Die Sache mit dem Kalender hat mich trotzdem beschäftigt und ich habe mich später immer wieder für die historischen Fakten, die mit den verschiedenen Bräuchen verbunden sind, interessiert.

Christliche Weihnachten

Das genaue Geburtsdatum von Jesus ist historisch nicht bekannt. Es wird auch niemals wissenschaftlich ermittelt werden können: es gab ja damals kein Standesamt! Erst im vierten Jahrhundert wurde der 25. Dezember als kirchlicher Feiertag festgelegt, als Reaktion auf einen heidnischen Staatsfeiertag, den der christenfeindliche Kaiser Aurelian einführen wollte. Dieses Datum hat sich dann allmählich in der gesamten Christenheit verbreitet. Der Kalender war der Julianische, der auch zur Geburt Christi schon gültig war und in einem Teil der orthodoxen Kirchen weiter konsequent verwendet wird.

Bürgerliches Neujahr

Als ich merkte, dass einige Kinder am 1. Januar beschert werden, hoffte ich natürlich auch, Geschenke zu bekommen. Als ich aber dann erfuhr, dass es für diese Kinder gar kein Weihnachten gibt, war ich wieder mit meinem Leben zufrieden. Ich wollte aber doch wissen, wer dieses Neujahrsfest erfunden hat, welches in der Sowjetunion und in der ganzen Welt das Weihnachtsfest verdrängen sollte. Ich entdeckte dass es in der Tat Gründe waren, die weder mit Politik noch Religion zu tun hatten, sondern nur mit Buchhaltung. Als der Nutzen eines einheitlichen Geschäftsjahres erkannt wurde, einigten sich die Geschäftsleute, um die Jahresrechnungen und Bilanzen am Tag des Hl. Silvesters abzuschliessen, was dann in die verschiedenen staatlichen Gesetzgebungen aufgenommen wurde. Daher ist der 1. Januar der bürgerliche Neujahrstag geworden. Das Kirchenjahr mit Beginn im Herbst wurde dabei nirgends geändert.

Warum feiern die einen am 7. Januar und die anderen am 25. Dezember?

Auch wenn man nicht das genaue Datum Christi Geburt kennt, ist die Frage berechtigt. Interessanterweise musste ich feststellen, dass das eigentlich nichts mit dem Glauben zu tun hat, sondern nur die Konsequenz einer vor fast 500 Jahren ungeschickt durchgeführten Kalenderreform ist. Im Jahr 1582 verordnete nämlich der Papst Gregor XIII. einen neuen Kalender (nach ihm «gregorianischer Kalender» genannt), der in allen katholischen Ländern einzuführen sei. Protestantische und orthodoxe Länder, die nicht dem Papst unterstellt waren, blieben logischerweise beim alten julianischen Kalender. Daher entstand eine Verschiebung um fast einen halben Monat. So ist nun der ursprüngliche 25. Dezember auf den 7. Januar verschoben worden, auch der Silvestertag wurde zum 13. Januar (heute in Appenzell gilt er als «alter Silvester»).

Der Kuchen und die Goldmünze

Erst vor kurzem habe ich einen griechischen Brauch entdeckt, der auch in Liechtenstein Fuss gefasst hat. Es ist ein Neujahrskuchen, «Vassilopita» genannt. Die Geschichte ist sehr interessant, denn sie erlaubt die christlichen Wurzeln andere Bräuche zu erklären, wie zum Beispiel den Dreikönigskuchen aus meiner Kindheit, den es in Liechtenstein auch noch nicht so lange gibt.

Der 1. Januar ist der Namenstag des heiligen Basilios (griechisch: «ajos Vassilios»). Darum heisst der Tageskuchen «Vassilopita». Darin versteckt man eine Goldmünze. Wer durch Zufall das Stück mit der Münze bekommt, ist der Gewinner. Dieses Spiel ist eine Erinnerung an den Heiligen Basilios, der wertvolle Gaben an die Armen im Brot versteckte, damit das Geschenk anonym bleibt und der Beschenkte nur Gott zu danken braucht.

Der Gewinner wird zum König gekrönt (sogar im republikanischen Frankreich).Er darf dann seine «Münze» (gewöhnlich eine kleine elegante Porzellanfigur) in galanter Weise heimlich einer Dame seiner Wahl zuschieben.

Den Dreikönigskuchen, den ich schon in meiner Kindheit in Frankreich gerne genossen habe, verstehe ich besser seitdem ich darin eine Weiterentwicklung des griechischen Vassilopita entdeckt habe. Die Prozedur ist die gleiche, nur nach französischer Manier differenziert. Der Gewinner wird zum König gekrönt (sogar im republikanischen Frankreich).Er darf dann seine «Münze» (gewöhnlich eine kleine elegante Porzellanfigur) in galanter Weise heimlich einer Dame seiner Wahl zuschieben. Die Auserwählte wird dann zur Königin ausgerufen.

Die Kronen, die das Spiel so interessant machen, haben nichts mit Frankreichs Politik zu tun. Sie haben vielmehr einen christlichen Hintergrund, der sogar zu Christi Geburt führt. Es geht nämlich um die Weisen aus dem Morgenland, die dem Jesuskind in Bethlehem drei Geschenke brachten. Sie wurden in der katholischen Tradition als «Heilige Drei Könige» bezeichnet, und 12 Tage nach Weihnachten gefeiert. Auch in der orthodoxen Tradition werden die Weisen aus dem Morgenland auf der Weihnachtsikone abgebildet.

In einigen orthodoxen Familien (auch in Liechtenstein) gibt es noch einen ähnlichen Weihnachtsbrauch mit den gleichen Wurzeln: Die Hausfrau bereitet für den 7. Januar ein rundes Brot oder Kuchen vor. Natürlich vergisst sie dabei nicht, eine Münze darin zu verstecken, wie es der Heilige Basilios vor 1600 Jahren vorgemacht hatte. Dann wird der Kuchen wie üblich an die Familie verteilt, und wer die Münze findet hat gewonnen.

Der süsse Scheit

In diesen Familien gibt es noch einen anderen Brauch: das Dekorieren mit Stroh, Eichenlaub und einem Scheit aus Eichenholz. Das ist eine Erinnerung an die Hirten von Bethlehem, die mit dem Holz ein Feuer angezündet und die Krippe mit Stroh weich gepolstert hatten. Auch in Frankreich war es früher üblich, mit einem grösseren Holzscheit (frz.: «une bûche») den Kamin anzufeuern, damit es in der Weihnachtsnacht schön warm bleibt. Aus diesem Brauch ist auch eine kulinarische Spezialität entstanden, eine Art Christstollen, «la bûche de Noël». Es ist eine süsse Patisserie aus Butter und Schokolade, die sehr realistisch den Holzscheit der Hirten zu Bethlehem nachbildet und als Dessert zu Weihnachten genossen wird.

Die drei Stammväter des Weihnachtsmannes

Weltweit kennt man ihn unter vielen Namen: Santa Claus,  Ajos Vassilis, Papa Noel , St. Nicolas, Weinachtsmann oder Väterchen Frost. Früher dachte ich der Bärtige mit Zipfelmütze hätte immer zu Weihnachten gehört. In Wirklichkeit sind aber diese Figuren nur durch Zufälle in die heutige Weihnachtstsfolklore hineingerutscht. Nach meinen persönlichen Nachforschungen kann man diese ganze Vielfalt auf drei Stammväter zurückführen, zwei historische christliche Figuren und einen heidnischen Archetyp. Historisch bekannt sind die zwei griechischen Heiligen Nikolaos und Vassilios, die in Kleinasien (der jetzigen Türkei) gelebt hatten. Eine reine Märchengestalt ist dagegen der dritte Stammvater, nämlich Väterchen Frost, ein Akteur der slawischen Mythologie.

Er starb am 6. Dezember 343 (sein genauer Geburtstag ist unbekannt). Die orthodoxe Kirche verehrt ihn als Heiligen schon seit dem 6. Jahrhundert, aber ohne ihn direkt mit Weihnachten zu verbinden.

Der Heilige Nikolaos (Nikolaus) war der Bischof von Myra in Lykien. Er starb am 6. Dezember 343 (sein genauer Geburtstag ist unbekannt). Die orthodoxe Kirche verehrt ihn als Heiligen schon seit dem 6. Jahrhundert, aber ohne ihn direkt mit Weihnachten zu verbinden. In der römischen Kirche wurde er erst später bekannt, als seine Reliquien nach Italien überführt wurden. Verschiedene Legenden wurden über sein Leben verbreitet, insbesondere, dass er einmal einer Familie heimlich durchs Fenster Geschenke warf. So wurde er zum Vorbild für die Kinderbescherung. Weil das Datum seiner Gedenkfeier nahe zum Advent ist, rutschte er ins weihnachtliche Brauchtum. Seinen gekürzten Namen kann man in verschiedenen Figuren wiederfinden wie dem amerikanischen Santa Claus oder den Appenzeller Sylvesterkläusen.

Der Heilige Vassilios (Basilius) war der Bischof von Cäsarea in Kappadokien. Er starb am 1. Januar 379 (sein Geburtstag ist auch hier unbekannt). Er wird von der katholischen sowie der orthodoxen Kirche als «Kirchenlehrer» geehrt. Auch hier besteht kein direkter Zusammenhang zu Weihnachten. Er soll anonyme Spenden in einem Brotlaib versteckt haben und daher wird der griechische Neujahrskuchen nach ihm benannt. Das Datum seiner Gedenkfeier und sein freundliches Gesicht mit langem schönen Bart haben ihn prädestiniert, ins Weihnachtsbrauchtum aufgenommen zu werden.

Väterchen Frost mit seinem Bart voller Eiszapfen, dem blauen Pelzmantel und dem Zauberstab ist gar kein Heiliger. Auf russisch nennt man ihn «Djed Moroz». Er ist einer der verschiedenen Gestalten der kalten winterlichen Mythologie. In Finnland trägt er als «Jule-Pukki» eine rote Zipfelmütze wie auch sein germanischer Genosse der «Weihnachtsmann». Den französischen Kollegen nennt man «Le Père Noël». Der amerikanische Santa Claus hat auch eine Zipfelmütze und einen Coca-Cola-roten Mantel. Ihn würde ich definitiv den Märchengestalten zuordnen und nicht zum heiligen Klaus, der nur der Namensgeber ist. Dasselbe gilt übrigens auch für die Sylvesterkläuse.

Kurzporträt Cyril Deicha

Jahrgang 1947, liechtensteinischer Staatsbürger russischer Abstammung. Er ist in Frankreich aufgewachsen und  war ab 1991 Physiklehrer am Liechtensteinischen Gymnasium. Als Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Konfessionen in Liechtenstein setzt er sich seit vielen Jahren ein, damit die Entwicklung der kulturellen Vielfalt zur Bereicherung der gesamten Gesellschaft beiträgt und die Grundwerte der liechtensteinischen Identität erhalten bleiben.