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60Plus | Mundart | Dezember, 2023
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Weihnachtliche Prosa aus Liechtenstein

von Mathias Ospelt

Die Mundartbeiträge des «60Plus» dienen verschiedenen Zwecken. Im allerersten Beitrag, der im Frühjahr 2016 erschien, wurde die Grundidee dieser Rubrik folgendermassen festgehalten: «Dem Autor geht es darum, ein Bewusstsein für unsere Dialekte zu wecken oder zu pflegen, an die Schönheit und Einzigartigkeit mancher Begriffe zu erinnern, Vergessenes oder noch Unbekanntes zu präsentieren und auch darauf hinzuweisen, dass die Mundart gewissen Regeln folgt und nicht einfach ein Reden bedeutet, wie einem der Schnabel gewachsen ist.»

Dies bedeutet, dass in dieser Rubrik nicht nur alte und bereits vergessene Liechtensteiner Dialekt-Ausdrücke hervorgeholt und erklärt werden, sondern, dass auch hin und wieder geschriebene und damit lebendig gebliebene Mundart präsentiert wird. Dabei wird immer wieder gerne auf Publikationen verwiesen, die sich der Mundart im Besonderen widmen oder die den einen oder anderen interessanten Mundarttext enthalten. In der aktuellen Weihnachtsausgabe des «60plus» werden aufgrund dieser Prämisse zwei zusammengehörende Publikationen vorgestellt, die unter dem programmatischen Titel «Winter in Liechtenstein» in den Jahren 2003 (Band 1) und 2004 (Band 2) im Triesner van Eck Verlag erschienen. Als Herausgeber der beiden Sammelbände zeichnete Jens Dittmar verantwortlich.

Wer wissen möchte, wie die Geschichten enden, muss sich selbst um die entsprechende Lektüre bemühen. Zumindest Band 2 von «Winter in Liechtenstein» ist noch im Handel erhältlich.

Für einmal bestimmt die Prosa die Auswahl der Texte. Um ausreichend Anreiz zu schaffen, sich selbst in diese beiden schön gemachten und inhaltlich wertvollen Bücher zu vertiefen, werden Ausschnitte von zwei in Mundart verfassten Weihnachtsgeschichten von zwei namhaften Liechtensteiner Autoren gleichen Jahrgangs vorgestellt: Felix Marxer (1922–1997) und Edwin Nutt (1922–1991). Wer wissen möchte, wie die Geschichten enden, muss sich selbst um die entsprechende Lektüre bemühen. Zumindest Band 2 von «Winter in Liechtenstein» ist noch im Handel erhältlich. Band 1 ist leider bereits vergriffen, er findet sich aber sicherlich in der Landesbibliothek.

Felix Marxer: Semmikloos, Kreschkindle und Oschterhaas

«[…] Dr Semmikloos isch net jedas Joor i d‘Stoba n iha koo. Mengmol hät er no kloggat und gschällat vor dr Hustüar. D‘Mamma ischt denn ussi und hät met am gredt. Dr Semmikloos hät nochamol gschällat und ischt weder ganga. Und d‘Mamma ischt met am ana Sack voll War i d‘Stoba iha koo und hät gseet, er hei ko Zit gha zum Ihakoo. Dr Semmikloos müas höt Obat noch zo vilna Kin. Ma hät a n also meischtens no ghört, aber mir hettan a scho gärn gsäha, obwool i vo lutter Angst fascht i d‘Hosa brunzt ha.

Amol, waass i noch, ischt er ihakoo. Er hät an wiissa Bart und wiissi Oxbroma gha, und uf dr Nasa a diggi Brella. Und di Grössera hon nohär, mon er weder dossa gsi ischt, gmüarschalat: «Häscht a kennt?» Amol hon si gseet: «‘s ischt ‘s Jokoba Hansa Knächt gsi.» ‘s hät‘s o gee, dass dr Vatter net dahom gsi ischt, wenn dr Semmikloos koo ischt. Und di grössera Buaba hon denn nohär eppa gseet: «Semmikloos miggi mäggi hät Hosa n aa wia üsera Täti.» Di Klina hon net gmiarkt, was si drmet monan. Di Grössera hon dr Semmikloos scho kennt. D‘Hauptsach ischt gsi, dass er viil brocht hät.

Und ma hät gseet: «‘s Kreschkindle hät‘s brocht.» Aber nia hät ma‘s Kreschkindle gsäha. Es sei‘s Jesuskindle, hät ma n üs gseet.

Bim Kreschtkind ischt das ofaher gsi. Es ischt nia ihakoo. Am Sunntig vor Wienächta ischt d‘Mamma gi Schaa gi‘s Kreschkindle störa. Und am heiliga n Obat sin denn dia Gschenker under am Kreschbomm gläga. Und ma hät gseet: «‘s Kreschkindle hät‘s brocht.» Aber nia hät ma‘s Kreschkindle gsäha. Es sei‘s Jesuskindle, hät ma n üs gseet. Mir hon a Kreppile ghaa under am Kreschbomm, mo‘s dinna gläga n ischt. Aber so klina ha mer‘s Kreschindle albigs as a schöös Mätile vorgschtellt. […]»

Edwin Nutt: A Wiehnachtsgschecht

«Endlig isch es schtella worda i dr Schtoba; Kirza am Chreschtbomm sind scho a Wiili ahibrunna gse. Zmezed ir Deli ischt ‘s hölzig Rössli met em Waga gschtanda, und dr Bahhof vo dr elektrischa Isabah hät bim Kachelofa vergeba uf a letschta Zog gwartet, wo noch uf da Gleis unterem Tesch parat gse wär.

Der met uzelliga rota Blüata öbersäit Wiehnachtskaktus hät all noch di schtrahlenda Kinderooga vor em gha, wo am heiliga Obed i dia viila Liachter gschtunet hend und met hella Frööda uf dia Schpelzüg losgschtörmet sind, wos Chreschtkind broocht gha hät. Ma ischt fascht ‘s Leba numma secher gse, a so isches zua und her ganga, und bsunders dr Kaktus ufem Feschtersims hät Angscht um sis schöö Blüatakleid gha. Aber es ischt alls guat ganga, bis denn dia Buaba und Mätla all rüabiger worda sind. Da Buaba sind vor Müadi d‘Ooga wia zuakheit, drum hend si o dr Zog numma in Bahhof und o‘s Rössli met em Waga numma unter Dach broocht. No d‘Mätla hend ihri schöna Poppakind net us da Arma loo und sind metna gi schloofa.

I dr Schtoba hät‘s no gschmeckt vo Lebzelta, Mandarina und Fiiga, vo verbrenntem Kirzawachs und vo Tannanoodla. ‹Schier vo Sinna könnt ma i dera Schtoba ko›, hät denn dr Kaktus zom Chreschtbomm gseet. O dr Chreschtbomm hät agfanga schwätza und dr Kaktus gfröget, wia er zmezed im Winter und denn grad uf Wiehnachta dermaassa i Bluascht ko sei.  ‹Wenn net zmüad bischt›, hät dr Kaktus gseet, ‹Verzell i dir a schöni und ziemlig langi Gschecht, wo si jetz vor bald zwätausig Johr zuatreet hät.› ‹Also verzell›, hät dr Chreschtbomm gseet, und scho hät dr Kaktus agfanga: […]»

 

Glossar

 

Semmikloos: auch: Samikloos (Sankt Nikolaus)

wiissi Oxbroma: weisse Augenbrauen

mo / mon er: wo / wo er (Unterland)

si hon gmüarschalat: von mürschelen (undeutlich reden, nuscheln)

‘s Jokoba Hansa Knächt: der Knecht der Familie der Jokoba Hansa (Marxer, Nendeln)

Täti: Vater (auch: Tätta)

‘s Kreschkindle störa: Weihnachtseinkäufe machen

Deli: eigentlich der Raum oder der Boden des Raumes über dem Wohnzimmer, hier ist vermutlich einfach der Boden des Wohnzimmers gemeint

Wiehnachtskaktus: Schlumbergera (Weihnachtskaktus), aus der Familie der Kakteengewächse

Lebzelta: Lebkuchen

 

Zur Schreibweise

Die Schreibweise wurde so übernommen, wie sie in den beiden Originaltexten verwendet wurde. Allerdings ist auffallend, dass Marxer und Nutt unterschiedliche, aber jeder für sich konsequent verfolgte Regeln anwendeten. Nutt orientiert sich dabei näher an der deutschen Schriftsprache, indem er u. a. schreibt: Chreschtkind oder die in der Standardsprache üblichen drei Arten der Vokaldehnung benutzt: Beispiele: Wiile, Bahhof, ziemlig. Marxer wiederum bleibt so nahe am Dialekt wie möglich, indem er u. a. schreibt: Kreschkin. Für die Vokaldehnung benutzt er ausschliesslich Doppelvokale. Beispiele: Oschterhaas, wiiss, Samikloos. Ebenfalls auffallend ist das von Marxer benutzte Verbindungs-n zwischen dem Endvokal eines Wortes und dem Anfangsvokal des Folgewortes , was die Aussprache erleichtert wie z. B. in er ischt i d‘Stoba n iha koo. Nutt verwendet dies nicht. Schliesslich hält sich Marxer bei der Schreibung von st/scht mehrheitlich an die von Eugen Dieth in seinem Leitfaden zur Verschriftlichung schweizerdeutscher Dialekte vorgeschlagene Schreibweise: Am Wortanfang steht St, ansonsten wird scht geschrieben. So schreibt Marxer Stoba und fascht, während Nutt durchgehend scht schreibt: schtella und Angscht.

 

Literatur

Jutz, Leo: Vorarlbergisches Wörterbuch mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein. Wien 1955 bis 1965.
Winter in Liechtenstein [Band 1]. Herausgegeben von Jens Dittmar. Triesen 2003.