von Gabi Eberle

Während des Gesprächs mit DDr. med. Walther Tabarelli, seit 2016 Chefarzt Chirurgie am Landesspital Liechtenstein, klingelt zwischendurch das Telefon, klopft es zweimal an der Tür zu seinem Büro. Eine Kollegin möchte nur rasch Hallo sagen, ein kurzes Fachgespräch mit einem weiteren Kollegen zu einem bevorstehenden Eingriff. Der herzliche, wertschätzende Umgang innerhalb des Ärzteteams und der Mitarbeitenden, die positive Atmosphäre, ist auch später auf dem Weg durch die Gänge, nach unten zum OP-Bereich, spürbar. Ebenso wie die Leidenschaft des 55-jährigen Facharztes für seinen Beruf, «in dessen Zentrum der Mensch steht». Er nimmt einen mit in die faszinierende Welt der Chirurgie – ein Zusammenspiel aus Handwerk, Wissenschaft und Menschlichkeit, das sich stetig weiterentwickelt.
Herr Tabarelli, wo und wie sind Sie aufgewachsen? Ihre familiäre Herkunft?
Walther Tabarelli: Geboren bin ich in Innsbruck, aufgewachsen in Vaduz und später in Schaan, wo ich heute auch Bürger bin. Kindergarten und Primarschule absolvierte ich in Vaduz, die Gymnasiumzeit verbrachte ich in Vorarlberg.
Mein Vater ist Jurist und war über 20 Jahre der österreichische Honorargenaralkonsul Österreichs in Liechtenstein, meine um sieben Jahre ältere Schwester Marion Frick-Tabarelli ist ebenfalls Juristin. Sie leitet den Rechtsdienst der liechtensteinischen Regierung. Meine Mutter Ingeborg Tabarelli ist der zentrale Pfeiler der Familie und hat neben der herausfordernden Tätigkeit als Hausfrau und Mutter auch soziale Projekte im Land gefördert – herauspicken möchte ich hier ihre jahrelange ehrenamtliche Tätigkeit bei Essen auf Rädern.
Ich hatte das Glück, wohlbehütet in einem beschaulichen, liebevollen Zuhause aufwachsen zu dürfen. Meine Eltern sind mit 86 und 84 Jahren nach wie vor gesund und munter. In unserer Familie stand, unabhängig der Berufsstände, immer der Mensch, dessen Wohlergehen im Zentrum, was mich nachhaltig geprägt hat. Ein weiterer Glücksfall: Seit über 21 Jahren bin ich mit Dominique verheiratet, die mir vier wunderbare Söhne – die jüngsten sind Zwillinge – geschenkt hat, auf die ich sehr stolz bin. Sie ist als Oberärztin Innere Medizin/Akutgeriatrie ebenfalls hier im Landesspital tätig und hat eine eigene Praxis für orthomolekulare Medizin.
Wie kam es zur Wahl des Medizinstudiums? Hat sich die Liebe zum Skalpell bereits als Kind mit dem Sezieren von Fröschen abgezeichnet?
(lacht) Nein, das war bei mir nicht der Fall. Ich denke, dass meine familiäre Prägung über alle Generationen, Menschen helfend zur Seite zu stehen, die Grundlage bildete. Der Beruf des Arztes bzw. Chirurgen vereint handwerkliche Fähigkeiten, birgt, klinisches Wissen mit technischem Können zu verbinden – stets mit dem Ziel, das Leben der Patienten positiv zu verändern. Eine lustige Anekdote am Rande: Bekannte meiner Eltern waren zu Besuch bei uns zu Hause. Die Ehegattin des Besuchs inspizierte mein Zimmer und meinte im Anschluss: «Ach, der wird Arzt. Das Zimmer schaut fürchterlich aus, aber der Verbandskasten ist perfekt gepackt.» Sie sollte recht behalten. (lacht)

Welche Studien- und Ausbildungsstationen haben Sie durchlaufen?
Zum Medizinstudium führte mich der Weg nach Innsbruck. Der Dissertation zum Thema Infektiöse Komplikationen nach Herz- und Lungentransplantationen folgte die Facharztausbildung für Allgemein- und Viszeralchirurgie an der Uniklinik Innsbruck. Dort hat mich Professor Raimund Margreiter nachhaltig geprägt – eine Koryphäe auf dem Gebiet der Transplantationschirurgie. Er hat 60 Jahre seines Lebens ausschliesslich der Chirurgie gewidmet, Bücher geschrieben – in seinem letzten habe auch ich ein Kapitel gewidmet bekommen –, zudem war auch begeisterter Bergsteiger. Später folgte die Zusatzausbildung als Gefässchirurg und Notarzt am Landesspital Feldkirch, anschliessend die Tätigkeit als Oberarzt am Landesspital Bludenz. Dort lag das Hauptaugenmerk auf der Hernienchirurgie – also der Behandlung von Bauchbrüchen – sowie der minimalinvasiven Chirurgie, im Fachjargon Knopflochchirurgie bzw. laparoskopische Chirurgie genannt.
Die minimalinvasive Chirurgie ist heute ein Standardverfahren in der modernen Medizin.
Ja, das ist so. Hiess es früher «grosse Schnitte, grosse Chirurgen», gelten heute kleine Schnitte als der Goldstandard. Bei der minimalinvasiven Chirurgie, die wir hier am Landesspital anwenden, erfolgen Eingriffe durch 5 Millimeter kleine Hautschnitte. Ein schonendes Operationsverfahren, bei dem durch spezielle Instrumente und Kamerasysteme gesundes Gewebe geschont wird, was beim Patienten zu weniger Schmerzen, schnellerer Genesung und besserer kosmetischer Ergebnisse führt. Weitere wichtige Errungenschaften, die wir bei uns eingeführt haben, sind z. B. die Färbetechnik Indocyaningrün-Fluoreszenzangiographie – ein innovatives Verfahren, welches besonders in der minimalinvasiven Chirurgie zur Anwendung kommt, um die Durchblutung von Gewebe in Echtzeit sichtbar zu machen. Oder das Transplantieren von Ersatzhaut bei Hautdefekten, wofür wir zertifiziert sind.
Chirurgie leitet sich ab vom lateinischen Begriff «chirurgia», wörtlich übersetzt «Handarbeit» oder «Handwerk». Verfügen Sie nach wie vor über eine ruhige Hand?
Ich denke schon (lacht, streckt die rechte aus). Funktioniert alles noch einwandfrei.
Erfordern minimalinvasive Operationen besondere Präzision?
Präzision ist immer erforderlich. Bei den klassischen Operationsmethoden mit grossen Schnitten können wir Bewegungen über die ganze Hand ausführen, wohingegen die minimalinvasive im Prinzip lediglich vor, zurück, links, rechts, oben und unten erlaubt. Der nächste Schritt ist die Roboterchirurgie, welche nicht die Aufgabe hat, uns zu ersetzen, sondern mit noch ausgefeilteren OP-Methoden und präziserer Schnittführung zu unterstützen. Die Menschen, ich meine damit das OP-Team und die Operateure, werden weiterhin im OP nicht durch Geräte ersetzbar sein.
Die häufigsten vergessenen Objekte bei bis zu 68 Prozent der Operierten sind Schaumstoffe, Bauchtücher und Kompressen. Eine schaurige Vorstellung . . .
Es ist erstaunlich, was alles im Bauchraum vergessen werden kann. Während meiner bisherigen chirurgischen Tätigkeit über rund 25 Jahre ist mir jedoch kein derartiger Fall in meinem direkten Umfeld bekannt geworden, was u. a. auf die sehr hohen Qualitätsstandards zurückzuführen ist, die auch wir hier im Haus an den Tag legen.
Als kleines Beispiel: Jede einzelne Kompresse, jedes einzelne Instrument wir am OP-Tisch gezählt – sowohl vor als auch nach Abschluss des Eingriffs.
In andere Fachbereiche Einsicht nehmen zu dürfen, macht mir sehr grosse Freude, fördert die Zusammenarbeit und das gute Auskommen untereinander.
Wie schaut Ihr Arbeitsalltag aus?
Der Tag beginnt mit der interdisziplinären Morgenbesprechung mit unseren Kollegen der Orthopädie und Inneren Medizin, gefolgt von der Visite auf unserer Intermediate Care Unit, kurz ICU, und der Abteilung. Am Montag ist mein Sprechstundentag, da bin ich immer komplett ausgebucht. An jedem Donnerstag von 8 bis zirka 16 Uhr stehe ich fix im OP. Über die Woche kommt das regelmässige Assistieren der jungen Assistenzärzte hinzu oder es bitten mich Kollegen, z. B. aus der plastischen Chirurgie oder Gynäkologie, um Zusammenarbeit, was ich sehr gerne mache. Zum Teil arbeiten wir auch an zwei Tischen gleichzeitig. In andere Fachbereiche Einsicht nehmen zu dürfen, macht mir sehr grosse Freude, fördert die Zusammenarbeit und das gute Auskommen untereinander. Hinzu kommen die Nachtdienste und die damit verbundenen Notfalloperationen sowie die Lehre, die uns sehr wichtig ist. Ansonsten nehmen die Administration und Abrechnung einen Grossteil unserer Zeit in Anspruch, wie überall an den deutschsprachigen Kliniken.
Gab es schon Situationen, wo Sie selbst als Chefarzt angestanden sind?
Kritische Situationen kamen und kommen selbstverständlich in einem operativen Fach mit Notfalleingriffen vor. Dass ich nicht mehr weitergewusst habe, bisher Gott sei Dank nicht (klopft auf Holz). Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dass ich einerseits sehr gute Lehrer gehabt habe, andererseits Demut, dass ich noch keinen einzigen Patienten auf dem OP-Tisch verloren habe.
Meine Vision war, das Landesspital zu einem Akutspital mit Hybridmodell weiterzuentwickeln, das sowohl ein Chefarzt- als auch ein Belegarztsystem integriert, um eine hohe Versorgungsqualität zu gewährleisten.
Wie hat sich seit Ihrer Berufung zum Chefarzt des Landesspitals Liechtenstein im Jahr 2016 der Bereich der medizinischen Versorgung am LLS verändert bzw. entwickelt?
Mit dieser ehrenvollen Aufgabe betraut zu werden, hat mich sehr gefreut. Allerdings wusste ich damals noch nicht, worauf ich mich einlasse (lacht). Es gab weder Fach-, Ober- noch Assistenzärzte. Ich war Solist im 24-Stunden-Dienst. Meine Vision war, das Landesspital zu einem Akutspital mit Hybridmodell weiterzuentwickeln, das sowohl ein Chefarzt- als auch ein Belegarztsystem integriert, um eine hohe Versorgungsqualität zu gewährleisten. In Gemeinschaftsleistung ist uns dieser Aufbau sukzessive gelungen, worauf wir sehr stolz sind. Nachdem Spitalleitung, dessen Mitglied ich damals war, und Stiftungsrat grünes Licht gegeben hatten, folgte der Aufbau der Orthopädie und Chirurgie als weitere fixe Standbeine neben Notfall und Medizin. Zusätzlich wurden die Bereiche minimalinvasive Chirurgie und Hernienchirurgie weiterentwickelt und zwischenzeitlich mit dem Gütesiegel der Deutschen Gesellschaft zertifiziert.
Haben sich in den vergangenen zehn Jahren auch die Patienten verändert?
Im Notfall sind die Zahlen deckungsgleich mit der Alterspyramide, wohingegen das Patientengut im stationären Bereich etwas älter geworden ist. 26 Prozent gehören zur Gruppe 60plus. Bei den viszeralchirurgischen Eingriffen sind 30 Prozent der Patienten über 75 Jahre alt. Dabei handelt es sich häufig um Gallenblasenoperationen, Hernien, Bauchwandbrüche, Darmverschlüsse oder Darmkrebsoperationen und in der Orthopädie Hüftfrakturen oder Schenkelhalsbrüche sowie Frakturen der oberen Extremitäten.
Ein Problem stellt die Multimorbidität dar, sprich, dass mehrere Erkrankungen gleichzeitig vorhanden sind, der Patient eine Vielzahl von Medikamenten oder auch Blutverdünnern gleichzeitig einnimmt, was einen zeitnahen Eingriff oft verunmöglicht.
Es ist von grosser Wichtigkeit, dass wir uns dem demografischen Wandel entsprechend wappnen. Dabei steht ein ganzheitlicher Therapieansatz im Mittelpunkt. Wir sind keine Einzelkämpfer, sondern im Verbund tätig, arbeiten eng mit den Hausärzten sowie den verschiedenen Fachdisziplinen – Orthopäden, Internisten, Radiologie und externen Anbietern wie Spitex, LAK, Familienhilfe, Apotheken und unserem vertikalen Kooperationspartner, dem Kantonsspital Graubünden KSGR – zusammen. Sowohl in der Phase vor der Operation als auch danach muss für den Patienten eine optimale Betreuung, sprich Anschlusslösung gefunden werden und gewährleistet sein. Hier im Haus besteht zum Beispiel die Möglichkeit einer Verlegung auf die Akutgeriatrie-Station. Das Angebot wird sehr gut angenommen – auch von den Angehörigen, die oftmals mit der Situation belastet sind.
Mittlerweile haben bereits zwei liechtensteinische Assistenzärzte einen Teil ihrer Ausbildung hier am Landesspital absolviert, zwei weitere sind vorgesehen. Das bedeutet auch eine grosse Bereicherung für unser Team.
Auch eine konstante Aus- und Weiterbildung der Fachärzte ist wohl ein essenzieller Pfeiler des Gesundheitssystems, um eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung sicherzustellen.
Unbedingt. Es freut mich extrem, dass wir es geschafft haben, die Ausbildungsermächtigung der SIWF Schweizerisches Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung zu erhalten – seit 2023 auf Stufe B2, d. h. für zwei Jahre. Mittlerweile haben bereits zwei liechtensteinische Assistenzärzte einen Teil ihrer Ausbildung hier am Landesspital absolviert, zwei weitere sind vorgesehen. Das bedeutet auch eine grosse Bereicherung für unser Team. Diese jungen Menschen kommen später vielleicht als Fachärzte zu uns zurück, womit sich der Kreis wieder schliesst. Gerne erwähnen möchte ich an dieser Stelle, zugegebenermassen mit Stolz, dass es uns erstmalig in der Geschichte des Landesspitals gelungen ist, kürzlich eine junge Assistenzärztin nach Amerika zu entsenden. Dort konnte sie einen sehr spannenden Fall einer hier im Haus durchgeführten Operation per Videopräsentation vorstellen – für uns natürlich ein Highlight. Ein weiteres ist für mich der «Davos Course GI Gastrointestinal Surgery Workshop» – ein mehrtägiger internationaler Fortbildungskurs für Viszeral- und robotische Chirurgie, wo jährlich während einer Woche im April rund 400 junge Assistenzärztinnen und -ärzte aus aller Welt ausgebildet werden und ich als Gastdozent teilnehmen darf.
Ein Chefarzt hat medizinische, organisatorische und wirtschaftliche Verantwortung, Fürsorge für Patienten wie Personal zu tragen, zu führen. Gelingt Ihnen das?
Wie es ausschaut, funktioniert es ganz gut, worüber ich sehr glücklich bin (lacht). Wir haben hier am Landesspital eine sehr geringe Fluktuation; Assistenzärzte, die wieder zurückkommen und uns im Team unterstützen. Ich würde mich selbst als sehr freundschaftlichen Chef bezeichnen. Die Gabe, Menschen auf sanfte Art zu führen, ist einem wohl ein wenig in die Wiege gelegt worden. Interessanterweise war ich schon früh in Führungsaufgaben involviert – ob als Klassensprecher, Patrouillenführer bei den Pfadfindern oder in der Studentenverbindung. Als Chef hat man viele Hüte auf, muss Seelsorger, Finanzexperte, Freund, Vertrauter und natürlich ein guter Operateur sein. Glücklicherweise bringt mich nur ganz wenig aus der Ruhe. Bei uns im OP wird niemand laut, denn ich bin der Meinung, wer laut wird, ist der Belastung im OP nicht gewachsen. Dementsprechend herrscht bei mir ein ruhiger, sachlicher, angenehmer Umgangston – höflich, bestimmt, direkt. Letztendlich geht es aber nicht um meine Person, sondern darum, dass unsere Patienten bestmöglich versorgt und betreut sind.

Vita
Studium der Medizin an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck; Promotion zum Dr. med. (2004); Doktoratsstudium der Medizinischen Wissenschaften an der Privaten Universität im Fürstentum Liechtenstein (UFL), Promotion zum Dr. scient. med. (2010); Facharzt für Allgemeinchirurgie (2010), Notarzt (2010); Additivfacharzt für Gefässchirurgie (2012); Ausbildungsberechtigung der FMH für Chirurgie (2019); Oberarzt am Landeskrankenhaus Bludenz (2013); Mitglied der Spitalleitung des Liechtensteinischen Landesspitals (bis Februar 2020); Chefarzt Chirurgie am Liechtensteinischen Landesspital (seit 2016). Mitglied des medizinisch-wissenschaftlichen Beirats der UFL seit 2022, Mitglied des zivilen Führungsstabs Unterland (FOG) im Bereich Gesundheitswesen seit 2025
