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60Plus | Gesundheit | September, 2026
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Stürze sind kein Schicksal – sicher auf den Beinen bleiben

von Prof. Dr. med. Lorenz Risch

Stürze sind mehr als ein Missgeschick. Im Alter können sie folgenschwere Ereignisse darstellen. Die gute Nachricht ist: Jede Seniorin und jeder Senior kann dazu beitragen, das eigene Sturzrisiko und mögliche Folgen zu vermindern.

Gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung stürzt beinahe jede vierte Person über 65 innerhalb eines Jahres mindestens einmal. Bei gebrechlichen und besonders gefährdeten Personen liegt die Häufigkeit wesentlich höher. In der Schweiz müssen jährlich rund 90‘000 Menschen über 65 nach einem Sturz medizinisch behandelt werden. Rund 1600 ältere Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen eines Sturzes. Das bedeutet im Durchschnitt mehr als vier pro Tag.

Ursachen

Ein Sturz entsteht selten allein durch eine Teppichkante. Meist trifft ein äusserer Anlass auf eine verminderte körperliche Reserve: weniger Muskelkraft, ein unsicheres Gleichgewicht, eingeschränktes Sehen, ein kurzer Blutdruckabfall oder die Wirkung eines Medikaments. Besonders gefährlich wird es, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen. Gerade darin liegt aber auch eine Chance: Viele Ursachen lassen sich erkennen und beeinflussen.

Gesundheitsbedingte Ursachen

Zu den wichtigsten körperlichen Ursachen gehören nachlassende Muskelmasse und -kraft, vor allem in Rumpf und Beinen, ein vermindertes Gleichgewicht, verlangsamte Reaktionen und ein unsicherer Gang. Auch Gelenkprobleme, eingeschränkte Beweglichkeit und Sehschwäche, etwa ungenügende Sehkorrektur, vermindertes Kontrast- oder räumliches Sehen, erhöhen das Risiko. Weitere mögliche Ursachen sind Schwindel, ein Blutdruckabfall beim Aufstehen, Herzrhythmusstörungen sowie neurologische Erkrankungen wie Parkinson, Folgen eines Schlaganfalls oder eine Polyneuropathie. Auch Demenz, Verwirrtheit, verminderte Aufmerksamkeit, Fussprobleme, ungeeignetes Schuhwerk sowie Harndrang und nächtliche Toilettengänge können zu Stürzen beitragen.

Gefahren in der Umgebung

Häufig spielt eine schlechte Beleuchtung, besonders nachts, eine Rolle. Lose Teppiche, Kabel und Türschwellen werden leicht zu Stolperfallen. Fehlende Handläufe oder Haltegriffe, nasse Böden, instabile Tritte, ungeeignete Leitern und glatte Sohlen erhöhen die Gefahr, ebenso wie Eis, Schnee und unebene Wege. Viele dieser Risiken lassen sich mit einfachen Anpassungen in der Wohnung vermindern.

Medikamente und Alkohol

Schlaf- und Beruhigungsmittel, insbesondere Benzodiazepine, sind bekannte Sturzrisiken. Auch eine zu starke Blutdrucksenkung, entwässernde Medikamente und gewisse starke Schmerzmittel können Stürze begünstigen. Besonders aufmerksam sollte man nach einer Neueinstellung, Dosiserhöhung oder neuen Kombination von Medikamenten sein. Alkohol verstärkt Müdigkeit und Gleichgewichtsstörungen und kann die Wirkung von Medikamenten verändern.

Situationsbedingte Ursachen

Typische Situationen sind hastiges Aufstehen, unachtsames Treppensteigen, der nächtliche Gang zur Toilette, das Tragen von Gegenständen oder Ablenkung (wie zum Beispiel Sprechen) beim Gehen. Manchmal überschätzen Menschen ihre Fähigkeiten. Nach einem Sturz kann aber auch übermässige Vorsicht problematisch werden. Wer sich aus Angst weniger bewegt, verliert Muskelkraft und Gleichgewicht und erhöht damit das Risiko eines weiteren Sturzes.

Sturzfolgen

Die Folgen reichen von Schürfungen, Wunden und Verstauchungen bis zu Knochenbrüchen an Hüfte, Handgelenk, Oberarm oder Wirbelsäule. Auch Kopfverletzungen und Hirnblutungen können auftreten. Besonders gefährlich können Kopfverletzungen bei Menschen sein, die blutverdünnende Medikamente einnehmen. Operationen, längere Bettlägerigkeit, Spitalaufenthalte und Rehabilitation können notwendig werden. Im schlimmsten Fall führen Verletzungen oder Komplikationen wie Lungenembolien und Infektionen zum Tod. Stürze haben jedoch nicht nur körperliche Folgen. Die Angst vor einem erneuten Sturz kann das Vertrauen in den eigenen Körper erschüttern. Spaziergänge und Freizeitaktivitäten werden gemieden. Damit nehmen Selbstständigkeit und Lebensqualität ab. Sozialer Rückzug und Einsamkeit können die Folge sein.

Nicht immer ist deshalb die Verletzung die schwerste Folge. Selbst nach einem glimpflich verlaufenden Sturz kann ein schädlicher Kreislauf aus Angst, Bewegungsvermeidung und zunehmender körperlicher Schwäche entstehen. Dadurch werden langfristig Mobilität, soziale Teilhabe und Selbstständigkeit gefährdet.

Wie kann man vorbeugen?

Am wirksamsten ist die Verbindung von Bewegungstraining, medizinischer Abklärung und einer sicheren Umgebung. Kraft und Gleichgewicht sollten idealerweise zwei- bis dreimal pro Woche trainiert werden. Spazierengehen ist wertvoll, ersetzt ein gezieltes Kraft- und Gleichgewichtstraining jedoch nicht vollständig.

Nach einem Sturz oder bei zunehmender Gangunsicherheit sollte die Hausärztin oder der Hausarzt nach behandelbaren Ursachen suchen. Dazu gehören je nach Situation eine Blutdruckmessung im Liegen und Stehen, die Beurteilung von Herzrhythmus, Sehen, Gang und Gleichgewicht. Auch die Knochengesundheit und sämtliche Medikamente, sowohl verschriebene als auch frei verkäufliche, sollten überprüft werden. Medikamente sollten dabei nicht eigenständig abgesetzt werden. Zu Hause helfen gute Beleuchtung, Nachtlichter, Haltegriffe, Handläufe und rutschfeste Matten. Stolperfallen sollten entfernt und häufig benötigte Gegenstände gut erreichbar aufbewahrt werden. Brille, Schuhe, Gehstock und Rollator müssen richtig angepasst und regelmässig kontrolliert werden. Ausreichend Eiweiss, Energie und Flüssigkeit in der Nahrung unterstützen den Erhalt der Muskulatur. In Liechtenstein bestehen verschiedene Angebote, die zur Sturzprävention beitragen (www.senioren-info.li). Besonders zu nennen sind die EverFit-Kurse der Rheumaliga Ostschweiz und Liechtenstein in Vaduz und Ruggell. Sie richten sich mit Übungen zu Kraft, Beweglichkeit, Koordination und Gleichgewicht gezielt auch an ältere Menschen. Der Liechtensteiner Seniorenbund bietet mit «Fitness 50+» weitere Bewegungsangebote für Seniorinnen und Senioren an. Dazu gehört derzeit in Balzers auch der Kurs «Mehr Sicherheit beim Gehen 50+». Nutzen Sie solche Angebote: Sie sind nicht nur sinnvoll, sondern machen auch Spass.

Weiterführende Informationen: www.seniorenbund.li/angebote/gesundheit-und-sport,
www.senioren-info.li/angebote/detail/everfit-kurs-fuer-jung-und-alt-in-vaduz/428,
www.senioren-info.li/angebote/detail/everfit-in-ruggell/324

Lorenz Risch ist Facharzt für Innere Medizin sowie für medizinische und chemische Labordiagnostik. Er arbeitet am Labor Dr. Risch und ist Leiter des Instituts für Labormedizin an der Privaten Universität im Fürstentum Liechtenstein und Professor für klinische Biochemie an der Universität Bern.