von Mathias Ospelt

Im Mundart-Beitrag des letzten 60Plus (4/2025) standen Redewendungen und Bauernregeln im Zentrum, die sich um den Mond in auf- und absteigender Form drehten. Doch es ist ja nicht nur Frau Luna allein, die vom Himmelszelt auf uns herunterstrahlt, auf unseren Alltag und unsere Gemütsverfassung wirkt – ob wir das wollen oder nicht – und uns zuweilen zum Träumen oder Wachliegen bringt. So geht es im heutigen Beitrag um Sternbilder, denen ein Einfluss auf das bäuerliche Tagewerk und auch auf den Charakter nachgesagt wird. Doch nicht nur die Gestirne wirken auf Mensch und Natur ein, sondern auch bestimmte Tage wie zum Beispiel die Fronfasten.
Wenn es um die Sternbilder geht, die – je nachdem, wie sehr man daran glaubt – einen grundsätzlich unbestreitbaren Einfluss auf alles Leben haben und somit auch Eingang in die Bauernregeln fanden, wird sowohl bei Joseph Ospelt («Vaduzer Sprüche») als auch bei Albert Schädler («Liechtensteinische Volksbräuche und Volkssagen») die Periode des Sternzeichens des Schützen (23.11. bis 21.12.) am meisten genannt. In dieser Zeit soll man keine Kartoffeln stecken, da dies nur hoch empor gewachsenes Kraut ergibt, aber keine grossen Knollen. Andererseits soll es von Vorteil sein, im «Schützen» Hanf oder Flachs anzupflanzen. Was Kinder betrifft, die im Zeichen des «Kschötz» (siehe Jutz) geboren werden, so heisst es von ihnen, dass sie sehr voreilig sind. Daher wurden laut Jutz Leute, die überstürzt handeln, ebenfalls «Kschötz» (Geschütz) genannt.
Im Weiteren soll man im «Skorpion» (24.10. bis 22.11.) kein Heu mähen, da das Vieh das «Skorpionhöö» nicht frisst. Ebenso soll man im Zeichen des Skorpions, des Krebses (22.6. bis 22.7.) und des Widders (21.3. bis 20.4.) nicht säen, sondern diese Arbeit soll mit Vorteil im Zeichen der Jungfrau (24.8. bis 22.9.) und der Waage (23.9. bis 23.10.) erledigt werden. In der «Woog» soll man auch das Schmalz aussieden. Im «Löü» (Löwe, 23.7. bis 23.8.) und im «Nöü» (Neumond) soll die Schafschur stattfinden, Haare die im «Widder» beschnitten werden, werden gekräuselt. Und von Kindern, die im «Stier» geboren werden, heisst es: «stier gebora blibt an ox» (Ospelt).

Quatember
Es sind aber nicht nur die Sterne, die auf Mensch und Natur einwirken, sondern auch Tage, die einer religiösen Haltung unterstellt waren, wie zum Beispiel die Quatember bzw. die Fronfasten – oder wie sie auch genannt werden: die Fraufasten. Quatember leitet sich von mlat. quatempora ab (vier Zeiten, lat. quatuor tempora) und bezieht sich auf die vierteljährlich gebotenen Fastenzeiten jeweils von Mittwoch bis Freitag. Wann diese Fasten stattfinden, kann regional verschieden sein. Jutz schreibt, dass sie vor dem zweiten Sonntag der Passionszeit (Reminiscere: «gedenke!»), vor dem Dreifaltigkeitssonntag (Trinitatis, Sonntag nach Pfingsten), nach der Kreuzerhöhung (14. September) und zu St. Luzia (13. Dezember) durchgeführt wurden. Also ein Mix an Lostagen und an zeitlich variablen Feiertagen, der u. a. in Österreich den Kindern mit folgendem Merkspruch beigebracht wurde: «Asche, Pfingsten, Kreuz, Luzei, die Woch‘ danach Quatember sei». Adulf Peter Goop schreibt in seinem Buch «Brauchtum in Liechtenstein», dass diese Fastendaten zumindest in Liechtenstein geändert wurden. Laut ihm finden sie in der ersten Fastenwoche, in der Woche VOR Pfingsten, in der Woche VOR dem Betsonntag (dritter Sonntag im September) und in der ersten Adventswoche statt.
Fronfasten
Die Bedeutung des Begriffes «Fronfasten», der gleichbedeutend ist mit Quatember, erläuterte Alexander Frick in einer seiner Mundartkolumnen, die im «Liechtensteiner Volksblatt» erschienen. Unter dem Titel «s’Fraufaschta Kind – d’Fraufaschta Wocha» schrieb er am 13. Oktober 1981: «Wir alle kennen noch die Wörter frona, Frontäg, Fronarbeit. Bis vor einigen Jahrzehnten noch hatte jeder Bürger beim Gemeindewerk bestimmte Frontage zu leisten, für die er kein Entgelt bekam (z. B. Tennilesetza). […] Wenn früher ein Nachbar oder ein Arbeitskollege sein Haus baute oder ein sogenannter Abbrändler [Jutz: einer, dessen Haus abgebrannt ist] sein Haus wieder aufbaute, hat man ihm gfronet, d. h. man hat ihm ohne jedes Entgelt für einige Zeit auf der Baustelle gearbeitet.»
Dass Frick in diesem Zusammenhang von «Fraufaschta» schreibt, hängt damit zusammen, dass in manchen Regionen statt «Fron-» das Präfix «Frau-» verwendet wird. Toni Banzer schreibt in einem namenkundlichen Beitrag zum Gampriner Flurnamen «Frauhofer», der am 3. Oktober 1995 im «Liechtensteiner Vaterland» erschien: «Genau gleich wie bei unserem Flurnamen Frauhofer wurde übrigens auch Fronfasten in manchen Mundarten zu Fraufasten umgedeutet.» Der Flurname «Frauhofer» lautete also früher einmal «Fronhofer». Und da der althochdeutsche Begriff «frô» einst «Herr» bzw. «Herrschaft» bedeutete, geht dieser Flurname auf einen ursprünglichen Herrschaftshof zurück. Mit dieser Deutung erklärt sich auch der Name des hohen christlichen Feiertags «Fronleichnam»: Corpus Christi, der Leib des Herrn, oder wie wir im Dialekt sagen «üser Herrgottstag». Da die Quatember-Fastentage oft auch Termine für Amtshandlungen und sich vierteljährlich wiederholende Verrichtungen für die Dienst- oder Landesherren bedeuteten, führte dies über kurz oder lang zum Begriff «Fronfasten».
Den Fronfasten kam im Übrigen eine hohe Bedeutung zu und es wurde äusserst streng auf deren Einhaltung geachtet. Der Beginn der Fronfasten wurde denn auch in den alten «Prattigen» (auch «Praktiken»), also Hauskalendern wie dem «Hundertjährigen Kalender», wie die Sonn- und Feiertage rotgedruckt vermerkt.
Froofaschtakinder
Eine Besonderheit im Zusammenhang mit den Fronfasten sind Kinder, die an einem dieser Fastentage – und dabei besonders an einem Mittwoch – geboren wurden. Ihnen wird nachgesagt, dass sie «mehr» sehen als andere Leute, d. h. sie können übernatürliche Sachen, z. B. Geister wie das «Nachtvolk», sehen.
Generell galten die Tage der Fronfasten als besonders gefährlich, da sich in diesen Tagen die Geister am unruhigsten und aufsässigsten zeigten. Da gilt es also aufgepasst! Hiervon erzählt auch eine Sage, die sich in Otto Segers «Sagen aus Liechtenstein» findet:
Erlösung durch einen Wunsch
Unter dem alten Mesnerhaus in Triesenberg war in den Fronfastenwochen ein Geist zu sehen. Eines Abends begegnete er einem Manne und nieste gerade. «G’sundheit!» rief ihm der Mann zu, und der Geist antwortete: «Das nützt mi nüt!».
In einer anderen Nacht kam es zu einer neuen Begegnung. «Hälf dr Gott!» war jetzt der Wunsch, und dreimal blieb er gleich. «Jetz häscht mi erlöst!» rief dankend die Gestalt, und nie mehr war sie zu sehen.
Quellen: Goop, Adulf Peter: Brauchtum in Liechtenstein. Vaduz 1986. Jutz, Leo: Vorarlbergisches Wörterbuch mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein. Wien 1961. Liechtensteiner Vaterland und Liechtensteiner Volksblatt. Ospelt, Joseph: Vaduzer Sprüche. In: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein. 17. Band, Vaduz 1917. Schädler, Albert: Liechtensteinische Volksbräuche und Volkssagen. In: Jahrbuch des historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein. 16. Band, Vaduz 1916. Seger, Otto: Sagen aus Liechtenstein, Vaduz 1966
