zurück
60Plus | Fokus | Juni, 2026
A A

Zukunft gelingt nur gemeinsam

Generationen im Dialog über Verantwortung, Gerechtigkeit und Zusammenhalt

Wie wollen wir im Jahr 2050 leben? Und vor allem: Wer trägt die Verantwortung dafür, dass dieses Leben für Jung und Alt gelingt? Diese Fragen gewinnen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und angesichts der zunehmenden Herausforderungen der Altersvorsorge, des Pflegebedarfs und des gesellschaftlichen Zusammenhalts deutlich an Brisanz. Was lange als Zukunftsthema galt, ist längst Gegenwart.

Mit diesen Fragestellungen beschäftigte sich die zweite Ausgabe von «Generationen im Dialog», welche am 28. Februar 2026 rund 70 Personen aus drei Altersgruppen im Rathaussaal Vaduz zusammenbrachte. Die Diskussion am Vormittag machte dabei vor allem eines deutlich: Die Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nur gemeinsam bewältigen – mit Erfahrung, Offenheit und der Bereitschaft zu Kompromissen zwischen den Generationen.

Regierungsrat Dr. Emanuel Schädler eröffnete die Veranstaltung mit dem Bild des japanischen Ise-Schreins. Ein Heiligtum, das seit Jahrhunderten alle 20 Jahre vollständig neu errichtet wird.

Schon der Auftakt setzte ein starkes Zeichen. Regierungsrat Dr. Emanuel Schädler eröffnete die Veranstaltung mit dem Bild des japanischen Ise-Schreins. Ein Heiligtum, das seit Jahrhunderten alle 20 Jahre vollständig neu errichtet wird. Nicht, weil es zerfällt, sondern damit Wissen, Handwerk und Verantwortung rechtzeitig an die nächste Generation weitergegeben werden.

«Der Schrein ist nicht ewiges Mittel», so Schädler, «er ist ewiges Miteinander.» Eine Metapher, die deutlich macht, dass nachhaltige Politik nicht auf Bewahrung des Status quo zielt, sondern auf die kontinuierliche Weitergabe von Verantwortung, Wissen und Gestaltungsspielräumen zwischen den Generationen – auch wenn diese Anpassungen und Reformen bedeuten. Ganz nach dem Tenor: Zukunft ist kein Besitz, sondern ein gemeinsamer Prozess.

Die vom Moderationsteam, Doris Quaderer und Michael Schädler, vorgetragenen kurzen, bewusst zugespitzten Zukunftsgeschichten machten deutlich, wie stark heutige Entscheidungen unser Morgen prägen. Mal düster, mal hoffnungsvoll zeigten die Zukunftsgeschichten, was geschieht, wenn Verantwortung weitergereicht wird oder wenn man sie einseitig ablädt. Schnell wurde klar: Generationengerechtigkeit bedeutet nicht, Lasten einfach zu verschieben. Sie verlangt Ausgleich.

In den anschliessenden Speed-Debatings (kurze Zweiergespräche) kamen die Teilnehmenden generationenübergreifend ins Gespräch. Es wurde offen und angeregt diskutiert: über die Kurzgeschichten, über Demografie, Altersvorsorge, Pflege, Arbeit und Familie. Ältere Teilnehmende brachten ihre Lebenserfahrung ein, erinnerten an Zeiten des Aufbaus und an den Wert von Solidarität innerhalb der Familie. Jüngere wiederum sprachen über steigende Lebenshaltungskosten, unsichere Perspektiven und die Zukunftsangst, am Ende für alles selbst aufkommen zu müssen. Gerade in diesen direkten Begegnungen zeigte sich, wie wichtig das Zuhören ist und wie schnell Verständnis wächst, wenn man sich offen und ehrlich austauscht.

Der inhaltliche Höhepunkt war die Fishbowl-Diskussion. Im Zentrum des Raumes debattierten Fachpersonen über die Weichenstellungen bis zum Jahr 2050: die Sicherung der AHV, den steigenden Pflegebedarf, den Fachkräftemangel und die Frage, wie Care-Arbeit besser anerkannt werden kann. Deutlich wurde dabei, dass ohne frühzeitige strukturelle Anpassungen erhebliche Belastungen auf die jüngeren und künftigen Generationen zukommen könnten.

Immer wieder meldeten sich auch Stimmen aus dem Publikum zu Wort oder brachten ihre Zustimmung durch das Anheben einer Karte zum Ausdruck. Es zeigte sich einmal mehr: Wir sind nicht nur Betroffene des demografischen Wandels, sondern wollen ihn aktiv mitgestalten.

Besonders klar wurde: Es braucht Kompromisse.

Die stabile Altersvorsorge, bezahlbare und qualitativ gute Pflege und eine hohe Lebensqualität lassen sich nur erhalten, wenn Reformen frühzeitig angegangen und Lasten transparent sowie fair zwischen den Generationen verteilt werden. Frühzeitiges Handeln, gegenseitige Rücksichtnahme, politische Ehrlichkeit sowie ein breiter gesellschaftlicher Dialog sind gefragt, um Reformen nachvollziehbar zu machen und die Bevölkerung bei wichtigen Entscheidungen zustimmend mitzunehmen.

Beim anschliessenden Apéro wurden die Gespräche lebhaft fortgesetzt. Der Generationendialog hat bestätigt: Wo Menschen einander begegnen und gemeinsam Lösungen diskutieren, entsteht Vertrauen und Verständnis.

Ein generationenübergreifender Dialog soll regelmässig weitergeführt werden und die gewonnenen Erkenntnisse in politische und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse einfliessen.

Ministerium für Gesellschaft und Justiz

Fakten auf einen Blick

Die folgenden Kennzahlen verdeutlichen die strukturellen Herausforderungen, vor denen Liechtenstein in den kommenden Jahrzehnten steht:

  • Demografie: Starkes Wachstum des Bevölkerungsanteils mit Alter 80+ bis 2050; heute müssen 100 Erwerbstätige 66 Nichterwerbstätige mittragen – bis 2050 steigt diese Zahl auf 84
  • AHV: solide Reserven, aber stark steigende Rentenauszahlungen
  • Care-Arbeit und Rente: hoher Anteil unbezahlter Arbeit (v.a. bei Frauen) führt zu Rentenlücken
  • Geburtenrate: rund 1,4 (anstatt der demografiestabilisierenden 2,1) Kinder pro Paar
  • Junge Generation: hoher Leistungsdruck und Sorgen über Klima, Lebenskosten, Altersvorsorge
  • Pflege und Fachkräfte: bis 2050 werden zusätzliche 180 Pflegeplätze und zusätzliche 900 Pflegekräfte benötigt, das Personal ist der Engpass
  • Arbeitsmarkt: demografische Reserven sind ausgeschöpft, Fachkräftemangel verschärft sich