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60Plus | Porträt | März, 2024
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Kalabrien, Mailand, Liechtenstein – eine bewegte Lebensreise

von Gabi Eberle

Seine Geschichte begann in Davoli, einem kleinen Dorf in der Provinz Catanzaro, Kalabrien. 1946 als Ältester von vier Brüdern und einer Schwester geboren, ist Giuseppe Battaglia der 14. Oktober 1968 bis heute in Erinnerung geblieben. Ohne ein Wort Deutsch zu verstehen, kam er als Gastarbeiter nach Liechtenstein, hauste mit 12 Männern in einer Baubaracke. Der Stundenlohn für harte Arbeit betrug CHF 4.70. Offenheit, Durchhaltewille und glückliche Fügungen liessen ihn trotz Heimweh im Land bleiben.

«Liechtenstein ist meine zweite Heimat; ich bin hier integriert, habe Familie, Freunde, viele gute Kontakte, aber im Herzen immer Italiener geblieben», lacht der heute 77-Jährige. Die Härte des Lebens bekam er schon mit 16 zu spüren, als sein Vater beschloss, er müsse sein Brot nun selbst verdienen. «Für den Schulbesuch war kein Geld da. Freunde der Familie, die bereits in Mailand lebten, verbrachten Weihnachten in Davoli. Kurzerhand wurde ich mit ihnen mitgeschickt. Von zu Hause weg zu müssen, brach mir fast das Herz.» Sein Wunsch, Automechaniker zu werden, liess sich zu dieser Zeit nicht erfüllen. Giuseppe fand eine Lehrstelle als Lackierer. «Mangels Aufträgen konnte mein Chef mich anschliessend nicht weiter beschäftigen. Ich ging zurück nach Kalabrien, dann zwei Jahre nach Rom, danach wieder nach Mailand zu meiner alten Firma, wo es zwischenzeitlich Arbeit gab.»

Von heute auf morgen in Liechtenstein

In dieser Zeit waren Giuseppes Vater und Bruder Gennaro als Gastarbeiter in Liechtenstein tätig. Ab 1945, während des Nachkriegsbooms, erlebte das Land einen rasanten Wandel vom Agrar- zum Industrie- und Dienstleistungsstaat, war auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Die ersten Saisonniers kamen aus Italien – 1970 waren es 83 Prozent der insgesamt 699, die meisten davon Kalabrier. «Eines Tages telegrafierte mein Vater, es gebe dort Arbeit als Maler für mich. Ich müsse aber sofort kommen, sonst sei die Stelle weg. So liess ich in Mailand alles stehen und liegen.» Zwar verdiente er als Hilfsarbeiter bei Roman Gassner etwas mehr als zuvor, «doch die Verhältnisse waren schlimm. Der Geruch in der Baubaracke, wo wir für CHF 30.- pro Monat hausten, war kaum auszuhalten. Ich konnte kein Deutsch, habe monatelang mit niemandem gesprochen. Der Kontakt zur Familie in Kalabrien war nur per Brief möglich.»

Neue Möglichkeiten und Perspektiven

Nach drei Monaten Baubaracke hatte er genug: «Wir konnten eine Dachwohnung in einem alten Haus in Vaduz beziehen, bezahlten nun zwar CHF 60.–, aber das war es wert. Gegenüber war das Hotel Schlössle und ab und zu gönnten wir uns Schnitzel-Pommes-Frites mit Salat. Ich konnte nach wie vor kein Deutsch und so schrieb ich mir diese Worte auf einen Zettel, den ich einfach der Serviertochter hinhielt», erinnert er sich lachend. In dieser Zeit lernte er auch seine spätere Ehefrau Magdalena, die ursprünglich aus Slowenien stammt und im Café Wolf arbeitete, kennen. «Damals war Leben in Vaduz. Wir trafen uns beim Tanzen im Hotel Engel und ich war sofort Feuer und Flamme für sie.»

Giuseppe lernte nach und nach die deutsche Sprache, konnte sich ein Auto kaufen – es ging aufwärts. Bei einer Fahrt von Eschen nach Nendeln nahm er einen Kollegen mit, der ihn mit Bruno Hoop zusammenbrachte. «Er fragte, wie es damals üblich war ‹Was bist du für einer? Welchen Beruf hast du? Wo arbeitest du?› Er brauche dringend einen Lackierer und ich könne anderntags bei ihm anfangen. Und so stand ich schon am nächsten Morgen bei ihm in der Firma. Teilweise arbeiteten wir 10, 12 Stunden pro Tag, aber mit Einsatz und Freude. Ich wurde wertgeschätzt, bekam Verantwortung, verdiente nach und nach besser und erhielt über ihn dann die Jahresbewilligung. Leider ging die Firma drei Jahre später Konkurs. Glücklicherweise bekam ich gleich bei seinem Bruder Willi, ein Kaffeemaschinenhersteller, eine Anstellung. Er wollte mich schon zuvor immer wieder abwerben.»

Mittlerweile 26 Jahre alt und bereits Vater einer Tochter, wechselte Giuseppe zur PAV ins Materiallager, nach 15 Jahren dann zur LGT als Hauswart-Stellvertreter. «Ich besuchte eine Schule in Zürich, um mich mit der Maschinenwartung etc. vertraut zu machen. Es waren gute Jahre dort – auch meine Frau hat 30 Jahre für die LGT gearbeitet.» Trotzdem entschied er sich mit 60 für die Frühpension, folgte aber dem Rat seines Vaters, nie mit dem Arbeiten aufzuhören, denn dann werde man alt. So ist Giuseppe bis heute als Hauswart für Privatpersonen und -haushalte tätig. Freunde und Bekannte beschreiben den sportlichen Rentner als zuverlässig, hilfsbereit, mit grossem Herzen und einen, der nur schwer Nein sagen könne, was seine Frau lachend bestätigt.

Entscheid zu bleiben nicht leichtgefallen

Im Laufe der Jahre vergrösserte sich die Familie, nach der ersten Tochter Marianna (1973) kamen Patrizia (1976) und Natascha (1982) zur Welt, die alle drei zweisprachig aufgewachsen sind. Mehr Platz wurde gebraucht. Vom ersten gemeinsamen möblierten Zimmer in Mauren zogen sie in eine schöne Wohnung in Mauren, waren dann 21 Jahre an der Widagass in Gamprin zu Hause und fühlen sich nun schon 25 Jahre im eigenen Haus, ebenfalls in Gamprin, sehr wohl. Inzwischen sind Magdalena und Giuseppe stolze Grosseltern von vier Enkelkindern. War für ihn klar, in Liechtenstein zu bleiben? «Oh nein, anfangs und auch später wollte ich immer wieder zurück in meine Heimat Kalabrien, wo wir jedes Jahr zwei, drei Wochen Urlaub machten. Es gab deswegen viele Diskussionen – auch als die Kinder schon da waren. Doch irgendwann gab ich mich dann geschlagen und musste einsehen, dass eine Rückkehr nach Italien keinen Sinn machen würde.»

Eines Tages hörte er von einem Chor der italienischen Mission, der sein Probelokal in der katholischen Kirche in Buchs hatte. «Schon während meiner Zeit in der Fabrik in Mailand habe ich den ganzen Tag gesungen», lacht Giuseppe. «Nach dem Probenbesuch samstagabends – rund 50 Personen, ganze Familien, sangen gemeinsam – blieb ich als Tenor dann während 13 Jahren aktives Mitglied. Es war eine Freude, dort zu singen. Auch meine Frau und die beiden jüngeren Mädchen waren Teil der singenden Gemeinschaft. Später schlossen wir uns auch dem Liechtensteiner Trachtenchor an, waren dort 12 Jahre dabei.» Nach Auflösung des Chors in Buchs gründeten Giuseppe und einige Kollegen kurzerhand ihren eigenen Chor namens «Tanto pe’ cantà». «Unser Probelokal ist seit Kurzem im Altersheim in Vaduz, und: Wir singen demnächst in Mauren im Centro Italiano! Dies kam durch eine Bekanntschaft mit Beny Dürr von der Midlife Dixieland Jazzband zustande. Sie spielen dieses Jahr zehn Konzerte zum Thema Italia und möchten uns bei zwei, drei Konzerten dabeihaben. Wir freuen uns sehr über diese Möglichkeit!»

Positiv eingestellt das Leben geniessen

Giuseppe Battaglia achtet auf seine nach wie vor gute Gesundheit, besucht seit über 20 Jahren während der Wintermonate das Fitnesscenter und die Sauna. Gute Gene hat der der Kalabrese jedenfalls geerbt – seine Mutter wurde 100 Jahre alt! Dazu kommt sein Humor und vielleicht kommt ja auch sein italienisches Temperament ab und zu zum Vorschein … «Ja, das kann vorkommen», lacht Magdalena. «Ich verziehe mich dann einfach in den oberen Stock und lasse ihn machen!» Mittlerweile besitzt die Familie ein eigenes Haus in Giuseppes Heimatort Davoli, unweit des Meeres, wo sie seit einigen Jahren die Sommermonate verbringen. Der gute Kontakt zur grossen Verwandtschaft in Kalabrien besteht nach wie vor. «Ich bin ein positiver Mensch. Für mich sind alle Schwestern und Brüder, egal aus welchem Land sie kommen oder welcher Religion sie angehören.» In diesem Jahr erfüllt Giuseppe seiner Frau ihren Herzenswunsch: Auf der Fahrt Richtung Heimat geht es zuerst nach Sardinien. «Am 8. Juni geht’s los. Wir werden alle Inseln dort besuchen und freuen uns schon sehr darauf!»