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60Plus | Interview | März, 2026
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Multigenerationale Kunstschule Liechtenstein

von Gabi Eberle

Verlockend vielfältig ist das Angebot an kreativer Bildung, Kursen und Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im gelben Haus an der Churerstrasse in Nendeln mit seinen Werkstätten und Ateliers. «Man muss kein Künstler sein, um die Kunstschule zu besuchen. Als Zugang zu gestalterischen Prozessen reichen Offenheit, Neugierde und die Freude am Tun», sagt Sebastian Frommelt, seit August 2025 Direktor der 1993 gegründeten Kunstschule Liechtenstein. Aus einem künstlerisch-kreativen Elternhaus stammend, bringt der 58-jährige Schaaner neben fachlicher Qualifikation und persönlichen Kompetenzen das Gespür für Menschen, Prozesse und Entwicklungen mit.

*Du besitzt die liechtensteinische und französische Staatsbürgerschaft, Sebastian. Dein Vater ist der Maler und Grafiker Martin Frommelt, mit 92 Jahren nach wie vor täglich in seinem Atelier anzutreffen, deine Mutter Anne «Artemis» Demanet (85), Textilkünstlerin, Liedtexterin und Sängerin. Da steckt wohl so einiges an Talent in deinen Genen.

Sebastian Frommelt: Das mag wohl so sein (lacht). Jedenfalls konnte ich enorm profitieren. Als ich ein kleiner Junge war, hat mein Vater in einem alten, leerstehenden Haus in Balzers ehrenamtlich eine Kindermalschule aufgebaut. Jeden Freitag nach Schulschluss konnten wir dort alle Zimmer belegen, grossformatig auf Papierbahnen, an den Wänden angebracht, malen. Teils frei, teils brachte er uns spielerisch, zum Beispiel anhand eines Löwenzahnblattes, das Skalieren, Anpassen an veränderte Massstäbe bei und hat uns gelehrt, die Form zu begreifen, richtig hinzusehen und dort, wo unser Interesse hinging, auch Kunstgeschichte vermittelt.

Als ich später den Vorkurs antrat, war für mich räumliches Vorstellungsvermögen logisch, da ich bereits im Kindesalter lernte, Räume perspektivisch abzubilden, und dies durch stetes Üben verinnerlichte. Mein musikalisches Interesse rührt von meiner Mutter her. Sie hat mir erste Gitarrengriffe beigebracht und mich später zum Klavierunterricht animiert. Seit rund 15 Jahren bin ich Mitglied der Liechtensteiner Band «The Lamperts». Mit guten Musikern zusammenzuarbeiten, ist Freude pur und ersetzt jeden Therapeuten … (lacht)

Bis letzten Sommer warst du als Studienleiter für Kultur und Gesellschaft bei der Stiftung Erwachsenenbildung Liechtenstein tätig. Was hat dich zum Wechsel bewogen?

Mein Arbeitspensum betrug dort 50 Prozent, was als eigenverantwortlicher Bereichsleiter auch Abend- und Wochenendtermine beinhaltete und sehr viel Flexibilität erforderte. Zudem führte ich parallel meine unternehmerische Tätigkeit als Auftragsproduzent weiter. Dieses «Hybridmodell» war, bei aller Freude am Tun, auf lange Sicht nicht zu stemmen. Ich bin sehr froh über die Möglichkeit, nun den Fokus zu 100 % in die Arbeit hier an der Kunstschule legen und all meine Erfahrungen einbringen zu können.

Wie hat sich dein Einstieg an derKunstschule gestaltet?

Von grossem Vorteil war, dass mein Vorgänger Martin Walch und ich uns seit vielen Jahren persönlich kennen, gegenseitig schätzen und bei Themen die Kunstschule betreffend im Grundsatz ähnliche Betrachtungsweisen und Ansichten vertreten. Für die Übergabe war das Zeitfenster von vier Wochen – zwei davon fielen glücklicherweise in die Schulferien – perfekt. Durch die tatkräftige Unterstützung von Cornelia Biedermann (Unterrichtsplanung/Administration) und Brigitte Frick (Finanzen/Personal) hätte mein Start, obwohl hinsichtlich Umfang als auch Inhalt des Aufgabengebietes durchaus herausfordernd, nicht besser sein können. Ihre langjährige Erfahrung war und ist Gold wert, die Zusammenarbeit innerhalb des Teams ist hervorragend. Der positive «Spirit» ist motivierend, ich lerne stetig Neues dazu und schätze es sehr, auch mit den Besucherinnen und Besuchern der Kunstschule im täglichen Austausch zu sein.

Was ist in eurem Angebot enthalten? Wer kann kommen?

Als öffentliche Institution hat die Kunstschule Liechtenstein den Auftrag, jedem und jeder den niederschwelligen Zugang zu gestalterischen Prozessen zu ermöglichen. Das neue Werbeplakat, wo es heisst «Offen für Kreatives? Komm rein!» ist Programm. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Künstler auszubilden, sondern individuelle Kreativität, schöpferische Wahrnehmung und gestalterische Ausdrucksfähigkeit zu fördern. Dass sich dabei auch Künstlerpersönlichkeiten herausbilden, ist für uns natürlich sehr erfreulich.

Das Angebot ist vielgestaltig und reicht von Tages- und Kinderklassen über Einzel- und Schnupperworkshops bis zu regelmässig wiederkehrenden Kursen in Zeichnen, Malen, Modellieren, Bildhauerei, Drucktechniken, Textiles Gestalten, Szenografie, Fotografie, digitale Bild- und Videobearbeitung und vieles mehr. Diese finden jeweils in speziell dafür ausgestatteten Ateliers und Werkstätten statt. Bei den Freizeitkursen geht es darum, dass möglichst viele unterschiedliche Techniken kennengelernt und ausprobiert werden können und damit einhergehend das Fördern von Fantasie, Experimentierfreude und divergentem Denken. Nicht zu vergessen ist der soziale Aspekt – die Geselligkeit, das Gemeinschaftliche, der Austausch untereinander. Wir bieten diese Erfahrung auch für Schulklassen an, die im Rahmen unserer Schulkooperationen zu uns kommen und zum Beispiel für einige Tage intensiv in die Welt des Siebdrucks eintauchen. Diese Angebote bestehen auch für Firmen oder Organisationen. Die Tür der Kunstschule steht allen Altersgruppen offen – vom Zweijährigen bis zum Senior!

Und da gibt es noch den Gestalterischen Vorkurs, der in der Öffentlichkeit recht bekannt ist und hohe Reputation geniesst. Was ist darunter zu verstehen?

Der Gestalterische Vorkurs an der Kunstschule ist eine von Swiss Design Schools anerkannte, einjährige Vollzeitausbildung, die sich für alle eignet, die ein Jahr intensiv in das Thema Kunst und Gestaltung eintauchen möchten, um sich eine berufliche Orientierung oder vertiefte Kenntnisse zu verschaffen. Der Vorkurs dient als Vorbereitung auf eine gestalterische Berufsausbildung oder ein Studium an einer Hochschule für Gestaltung und Kunst im In- und Ausland – ein Grundlagenangebot und qualitativer Gradmesser für eine Ausbildung im künstlerisch-gestalterischen Bereich. Ich selbst habe vor meinem Studium an der Filmakademie in Wien den Vorkurs in Zürich absolviert.

«Sehr wichtig ist uns, dass alle in einer beruflichen Praxis eingebunden sind.»

Wie viele Lehrpersonen geben an der Kunstschule ihr Wissen und ihre Erfahrung weiter?

Bei uns sind zurzeit 28 Fachlehrerinnen und -lehrer aus der näheren als auch weiteren Region tätig – eine Mischung aus Künstlern, Designern, Pädagogen und Dozenten für spezielle Gestaltungstechniken. Diese Kombination zielt darauf ab, sowohl technisches Können als auch kreativen Ausdruck zu vermitteln. Sehr wichtig ist uns, dass alle in einer beruflichen Praxis eingebunden sind.

Als «Neuer» sollte man tunlichst nicht gleich alles umkrempeln, aber bestimmt hast du Ideen bzw. Ziele, die du in naher oder weiterer Zukunft umsetzen möchtest.

Wir möchten verstärkt Menschen dazu animieren, Vertrauen und Mut zu schöpfen, sich auf Gestaltung und Kunst einzulassen, mögliche Hemmungen oder Schwellenangst zu überwinden und den ersten Schritt in die erfüllende Welt des Gestaltens zu wagen. Durch die Eigendynamik des Handelns verwandelt sich Unsicherheit in Erfahrung.

Weiters ist es mir ein Anliegen, die Kurse zu möglichst familienfreundlichen Konditionen anzubieten, um einem breiten Publikum Zugang zu unserem Angebot zu ermöglichen.

Ein langfristiges Ziel, das wir uns als Schule gesetzt haben, ist die Entwicklung einer schulischen Berufsausbildung im Bereich Gestaltung und Kommunikation, die direkt an den Vorkurs anknüpft. Das Profil dieser Ausbildung wird auf die Bedürfnisse von Wirtschaft und Gesellschaft in unserer Region abgestimmt werden. Es ist noch nichts spruchreif; wir stehen noch am Anfang der Gespräche mit den zu involvierenden Institutionen und Organisationen. Generell ist es im Hinblick auf die derzeit rasanten Entwicklungen auch für die Kunstschule essenziell, zukunftsorientiert bzw. langfristig zu denken und planen.

«Für die ältere, nicht mehr im Arbeitsprozess stehende Generation ist Weiterbildung nicht mehr verpflichtend, sondern freiwillig.»

Zunehmend nutzen auch Seniorinnen und Senioren kreative Weiterbildungsangebote. Studien zeigen, dass künstlerische Aktivitäten im Alter die kognitiven Fähigkeiten fördern, Stress reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden steigern. Wie viele 60plus-er besuchen zurzeit die Kunstschule Liechtenstein?

Die Tendenz ist erfreulicherweise auch bei uns steigend. Zurzeit sind es rund 30 Personen 60plus, die unser Angebot nutzen. Die Zahl ist aufgrund der hohen Dichte an Konkurrenzangeboten im Freizeitbereich stetig in Bewegung. Für die ältere, nicht mehr im Arbeitsprozess stehende Generation ist Weiterbildung nicht mehr verpflichtend, sondern freiwillig. Es steht Zeit zur Verfügung, alte Interessen oder Leidenschaften wieder aufzugreifen oder neue Fähigkeiten zu erlernen – je nach Gusto und finanziellen Möglichkeiten.

Gibt es Kurse oder Workshops, welche speziell auf 60plus ausgerichtet sind?

Unser gesamtes Angebot ist altersunabhängig. Die ältere Generation nutzt dieselben Werkstätten bzw. Kurse wie die jüngere: dreidimensionales Gestalten oder klassisches Malen, Zeichnen, Holz- oder Linolschnitt, Siebdruck, Photoshop und, und, und – je nachdem, wo man sich, im eigenen Tempo und ohne Druck, einbringen möchte. Bestes Beispiel ist unser «Maskottchen» Josef Schädler, der seit Jahren mit Begeisterung die wöchentliche Tagesklasse besucht. Diese wird speziell von Seniorinnen und Senioren geschätzt und als willkommenes Angebot genutzt, um in geselligem Rahmen die Vielfalt an gestalterischen Möglichkeiten auszuprobieren.

Was möchtest du jenen der älteren Generation, die mit einem Kunstschulbesuch liebäugeln, ans Herz legen?

Man muss kein Künstler, keine Künstlerin sein, um zu uns zu kommen. Offenheit für kreative Prozesse und neue Erfahrungen reicht, ins Tun und Machen kommt man von selbst. Neben dem kreativen Aspekt sind der Austausch mit Gleichgesinnten und das Knüpfen von Kontakten positive, wertvolle «Nebeneffekte». Ich kann jedem und jeder einen unverbindlichen Schnuppertag empfehlen – eine gute Möglichkeit, sich umzuschauen, auszuprobieren, nachzuspüren. Neugierde ist eine zentrale, altersunabhängige Persönlichkeitseigenschaft, die lebenslanges Lernen fördert, kognitives Alter positiv beeinflusst und die Lebensqualität steigert – sozusagen ein «Jungbrunnen», den es lohnt, auszuschöpfen!

*Du-Form wg. langjähriger Bekanntschaft