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60Plus | Porträt | September, 2025
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Multitalent mit ungebrochenem Forschergeist

von Gabi Eberle

Er ist ein Mann mit wachem Geist, vielen Talenten und Begabungen, liebt die Abwechslung und Weiterentwicklung: Dipl. Ing. Hansjörg Nipp, ein «Hiltianer», während seiner aktiven Berufszeit über 30 Jahre für die Firma Hilti AG tätig, seit 2011 in Pension, hat sich über viele Jahre mit der Geschichte der Firma Contina AG und deren Produkte befasst. Daraus entstanden sind 2007 eine Ausstellung im Museum Mauren, 2017 das 187-seitige Buch «Curta, Carena & Co» sowie 2021 eine Sonderausstellung im Liechtensteinischen Landesmuseum zur Curta, der kleinsten mechanischen Rechenmaschine der Welt, die in grossen Stückzahlen gebaut wurde. Sein Motto: «Geht nicht gibt’s nicht». Interessiert ihn ein Gebiet, legt er los.

Aufgewachsen in Bendern, 1962 mit der Familie nach Eschen umgezogen, maturierte er in der Bregenzer Mehrerau. «Abt Kassian war damals als Ferienaushilfe in Bendern tätig und schnappte sich die besten Schüler fürs Klosterinternat – heute würde man es Akquise nennen», lacht Hansjörg Nipp. «Jedenfalls war es eine spannende, lehrreiche Zeit, die ich nicht missen möchte. Unsere Maturaklasse von damals trifft sich bis heute regelmässig, seit Corona auch virtuell.»

Seine Zielstrebigkeit zeigte sich schon damals: Noch während des anschliessenden Elektrotechnik-Studiums in Graz wurde geheiratet, gegen Ende hin mit dem Hausbau in Mauren begonnen und auch hinsichtlich seiner beruflichen Zukunft streckte er die Fühler aus, startete gleich nach der Promotion seine Karriere im Technischen Zentrum der Hilti AG, war später Leiter der Elektronik- und Messtechnik-Abteilung und die letzten 20 Jahre vor der Pension als Projektleiter unterschiedlicher Laserprodukte tätig. «Es blieb fortwährend spannend, lehrreich und herausfordernd, ganz meinem Naturell entsprechend.»

Von der Contina-Sonderausstellung in Mauren …

1946 gegründet von der Fürstlichen Familie von Liechtenstein, war die Contina AG Maurens erster Industriebetrieb. Produziert wurde dort unter dem Namen «Curta» die 1938 vom Wiener Curt Herzstark erfundene mechanische Taschenrechenmaschine. Bis zur Übernahme durch die Hilti AG 1965, die sich anschliessend auf die Curta-Fertigung beschränkte, stellte die Contina zusätzliche Produkte wie Plattenspieler, Objektive und Filmkameras und dem Markennamen Carena her. 1972 lief beim Hilti Werk 3 die letzte Curta vom Band – der elektronische Taschenrechner kam auf den Markt und löste damit den mechanischen Vorgänger ab. Das technische Wunderwerk ist bei Sammlern weltweit begehrt und wird, je nach Alter und Zubehör, zwischen CHF 800.– und 1200.– gehandelt. «Teilweise werden auf eBay jedoch astronomische Preise jenseits des realistischen Werts verlangt. Da gilt es, aufzupassen», weiss Hansjörg Nipp.

2006 kam die Gemeinde Mauren mit dem Wunsch auf ihn zu, eine Sonderausstellung zur Geschichte der Firma Contina und ihren Produkten zu realisieren. «Obwohl mich als Elektrotechniker die Curta zuvor nicht sonderlich interessierte, war der Reiz da, herauszufinden, was hinter dieser zylindrischen Maschine steckt.» Nach Konzepterstellung, umfangreicher Quellenrecherche, dem Zusammentragen von Dokumenten, Exponaten und diversem Anschauungsmaterial sowie mit tatkräftiger Unterstützung vieler ehemaliger Contina-Mitarbeiter konnte schlussendlich in den Räumlichkeiten der damaligen Kulturgütersammlung in Mauren von 2007 bis 2008 die Ausstellung – ein wertvoller Teil Liechtensteins früher Industriegeschichte – der Öffentlichkeit präsentiert werden.

… zum Buch «Curta, Carena & Co»

Der Grafiker und Hobbyfotograf Georg Jäger, der erst kürzlich verstorbene Historiker Peter Geiger und ehemalige Firmenmitarbeiter ermuntern ihn schliesslich, aus der losen Sammlung ein Buch über die Contina AG zu schreiben. Erneut machte sich Hansjörg Nipp an die Konzepterstellung, Recherche aus privaten und öffentlichen Quellen und die Produktbeschaffung. «Von der Idee bis zum Buch war es ein zeitintensiver und aufwendiger, aber spannender, lehrreicher Prozess. Beim Forschen im Schweizerischen Bundesarchiv zum Beispiel erfuhr ich vieles über die Geschichte Schweiz/Liechtenstein in den 50er-Jahren.» Zum Schreiben des ersten Teils zog er sich für zwei Wochen ins Südtirol zurück. 2017 konnte, mit Unterstützung der Liechtensteinischen Kulturstiftung, der Gemeinde Mauren und weiteren Sponsoren, das reich bebilderte 183-Seiten-Werk herausgegeben werden.

Da im Liechtensteinischen Landesmuseum bereits eine umfangreiche Curta-Sammlung lagerte, konnte 2021, als krönender Abschluss der Geschichte, dort eine Sonderausstellung realisiert werden, welche alle originalen Modelle der Entwicklungsgeschichte, das wirtschaftliche Umfeld, der Werdegang des Industriebetriebs und der Lebenslauf des Erfinders anhand von einzigartigen Objekten, Fotos, Filmen und Dokumenten zeigte. «Wir erhielten Leihgaben aus dem Nachlass Curt Herzstarks. Zudem vermachte dessen Biografin Christine Holub den Nachlass an historischen Curta-Rechenmaschinen, darunter viele exklusive Teile, dem Landesmuseum. Der in Wien lebende Curt Albert Herzstark, Sohn des Erfinders, stellte seinerseits wertvolle Fotoaufnahmen aus dem privaten Familienalbum zur Verfügung.»

Als ehemaliges Stiftungsratsmitglied legt Hansjörg Nipp Wert darauf, das sämtliches Material, welches mit Liechtensteins Industriegeschichte in Zusammenhang steht, dem Liechtensteinischen Landesmuseum zugeführt wird. Zudem stellt er fortlaufend Themenaktuelles digital und somit öffentlich zugänglich zur Verfügung, einzusehen u. a. beim deutschen Sammlerverein.

Amateurfunk, Astronomie, Orgelbau

Als langjähriger Funkamateur und Mitglied des Amateurfunkvereins Liechtenstein ist er, in Zusammenarbeit mit dem Amt für Bevölkerungsschutz, zurzeit in ein landesinternes Projekt «Krisenfunk» involviert – ein Notfallsystem, welches bei einem möglichen Ausfall der Telefonverbindungen aktiviert werden kann. Dann ist da noch die Astronomie, für die er sich bereits vor seiner Pension zu interessieren begann, als Mitglied der Astronomischen Gesellschaft Graubünden während zehn Jahren Führungen bei der Sternwarte Mirasteilas in Falera anbot und sogar eine eigene Beobachtungsstation auf dem Dach seines Hauses installiert hat. «Die Astronomie ist spannend, weil sie fundamentale Fragen nach dem Ursprung des Universums und unserer Existenz beantwortet. Kürzlich wurde ich, was mich sehr freute, von der Jugendinformation AHA zur Teilnahme an einem Podcast zum Thema Sterne eingeladen.»

Damit noch immer nicht genug der Interessen: Seit jeher vom Klang der mächtigen Kirchenorgeln und diesen Musikinstrumenten an sich fasziniert, besorgte sich der 74-Jährige kurzerhand Baupläne einer kleineren «Heimversion», eignete sich entsprechendes Knowhow an und ermunterte seinen Vater dazu, den Hauptteil der Konstruktion zu übernehmen. «Die Orgel ist tischgross und verfügt über 152 Pfeifen. Da ich selber das Klavierspiel nur sehr mässig beherrsche, habe ich ein Interface gebaut und kann mir nun Musik von meinem Computer direkt auf der Pfeifenorgel vorspielen lassen.»

Reiz der Herausforderung

Hansjörg Nipp, Vater von vier erwachsenen Töchtern und mittlerweile stolzer Grossvater, engagiert sich auch aktiv im Vorstand von Unterland Tourismus, tüftelt nach wie vor an neuer Elektronik und geniesst gemeinsam mit seiner Frau den Ruhestand – wobei dieses Wort, dessen Ursprung im französischen «retirer» für «sich zurückziehen» liegt, bei ihm wohl eher nach einer breiteren Auslegung ruft. Der Reiz der Herausforderung lockt immer wieder: «Ich wagte und wage nach wie vor Neues, eigne mir gerne zusätzliche Fähigkeiten an, probiere aus und schaue, was sich daraus ergibt. Das Gehirn will kognitiv gefordert werden …»

Gibt es etwas, das das Multitalent nicht kann? «Ich bin kein Philosoph», lacht er, «in die Berge geht’s mittlerweile kniebedingt nur noch per Lift und und das Gärtnern überlasse ich lieber anderen.»