Chancenland Liechtenstein? Teil 2
von Marcus Büchel

Im letzten 60Plus2 wurde der Befund vorgetragen, wonach sich ein weltweit verbreitetes Phänomen bei uns im Land besonders ausgeprägt zeigt, nämlich die Abwanderung eines bedeutenden Teils der Bildungselite. Aufhorchen liess der Befund, dass ein Drittel bis zur Hälfte der Maturanden des Liechtensteinischen Gymnasiums ins Ausland gehen und nicht mehr zurückkommen. Wir wollen den Gründen dafür nachgehen.
Das Phänomen begleitet die gesamte Menschheitsgeschichte: Menschen zieht es «hinaus in die Welt», sei es aus Abenteuerlust, purer Neugier, dem Drang, Neues zu wagen. Gewinnsüchtige machten sich auf den Weg, ebenso wie nüchternere Charaktere, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Wieder andere waren der Vertrautheit überdrüssig und wollten einfach der Enge entfliehen. Auf der anderen Seite wurde gesellschaftlicher Druck ausgeübt: Familiäre Konflikte wirkten als Heimatvertreiber, ebenso wie politische und religiöse Gründe. Ganze Gruppen, die in ihrer Gesellschaft nicht mehr gelitten waren, wurden verstossen.
Vor allem war es über Jahrhunderte wirtschaftliche Not, die Massen vertrieb. Was auch immer die Gründe waren, zu allen Zeiten waren es vor allem junge Menschen, die ihre angestammte Heimat verliessen.
In Liechtenstein kam es im 19. bis in die 20er- und 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts zu regelrechten Auswanderungswellen. Vornehmlich wurden die USA, wie von Norbert Jansen 3 beschrieben, als Ziel ausgewählt. Es waren vor allem die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, die die Menschen dazu nötigten, ihrer Heimat den Rücken zuzukehren.4 Seit nahezu hundert Jahren gibt es keine wirtschaftliche Not mehr, die unsere Mitbürger aus unserem Land triebe. In unserem reichen Land, mit seiner Rechtsicherheit und den demokratischen Strukturen, gibt es kaum noch Push- oder Abstossungsfaktoren, die eine Auswanderung erzwängen.
Neugier und Bildungshunger waren seit jeher Antrieb, in fremde Lande aufzubrechen. In dieser Tradition dürfte heute meist der Wunsch nach einer höheren Ausbildung den Aufenthalt im Ausland begründen. Bis vor wenigen Jahren musste jeder Liechtensteiner ins Ausland, wollte er nach der Matura ein Studium ergreifen. Seit wir über eigene universitäre Einrichtungen im Inland verfügen, ist dieses Erfordernis nicht mehr absolut, denn zumindest ein Teil der Hochschüler kann im Inland studieren. Für die meisten Studienrichtungen ist nach wie vor der Besuch einer ausländischen Bildungsanstalt erforderlich.
Es sind aber auch junge Leute, die beruflich etwas Besonderes zu machen gedenken, die ins Ausland gehen, wofür es in Liechtenstein keine Möglichkeiten oder keinen Markt gibt, sei es in der Forschung, bei Unternehmungen mit speziellen Jobangeboten, im Mode- und Designbereich und dergleichen.
Beruf und Ausbildung sind das eine: Gerade junge Menschen werden von virulenten Grossstädten wie Zürich, Wien, München, Berlin, London oder New York angezogen, wenn sie grosse gesellschaftliche Vielfalt, bunte gesellschaftliche Szenen, die schier unerschöpflichen Möglichkeiten der Überschaubarkeit Liechtensteins bevorzugen. Dazu kommen all jene, die sich mit ihrem Lebensstil in der Anonymität des Grossstadtlebens besser aufgehoben fühlen. Nicht zuletzt führen Partnerwahl und Heirat zur Verlegung des Mittelpunkts der Lebensinteressen ins Ausland.
Abwanderung aus der Bildungselite
Zum Problem wird Auswanderung für eine Gesellschaft dann, wenn vor allem besonders dynamische und intelligente junge Menschen emigrieren und nicht mehr zurückkehren. Staaten, die kaum Anreiz für Zuwanderung bieten, erleiden einen schmerzhaften Verlust: Die weniger Tüchtigen, Alte, Kinder und Kranke bleiben zurück.
Wir haben in Liechtenstein die besondere Situation, dass Menschen nicht unbedingt ihren Wohnsitz verlegen müssen, wenn sie im Ausland eine Arbeitsstelle annehmen. Immerhin gibt es rund 2600 Wegpendler 5 aus Liechtenstein. Diese Gruppe wird statistisch erfasst. Nichts ist allerdings über jene Gruppe bekannt, für die wir uns in diesem Beitrag interessieren, also jene Landbewohner, die im Ausland wohnen und dort ihrer Arbeit nachgehen.
Aus einer internationalen Statistik 6 erfahren wir, dass Samoa, Palästina, Jamaika am meisten von der Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte (Brain-Drain) betroffen sind, am wenigsten dagegen – es verwundert nicht – Australien, Norwegen, Schweden. Auch die Schweiz, Österreich und Deutschland stehen gut da. Obwohl die Daten aus 175 Ländern berichtet werden, ist Liechtenstein nicht darunter. Wir wissen über unseren «Intelligenzabfluss» (Brain-Drain) in quantitativer Hinsicht nichts Genaues. Hier ist Handlungsbedarf auszumachen.
Sollte sich die eingangs erwähnte Beobachtung, dass ein Gutteil der liechtensteinischen Gymnasiasten nach der Matura dauerhaft im Ausland verbleibt, empirisch bestätigen, bestünde Grund, sich Gedanken zu machen, da das Land dann stetig eigenes «Humankapital» verliert und offenbar die Rückkehr für die eigenen Bürger (ebenso wie für die hier Aufgewachsenen) unattraktiver geworden ist.
Grenzgängerwesen kaschiert Verlustbilanz
Wie so oft, gibt es auch hierbei eine Besonderheit Liechtensteins zu beachten. Aufgrund unseres offenen Arbeitsmarktes kann jeder, sei er wenig bis höchstqualifiziert, durch einen Grenzgänger ersetzt werden. Durch das herausragende Lohnniveau – ein Deutscher verdoppelt seinen Nettolohn, wenn er auf der Gehaltsliste einer einheimischen Firma steht – ist der liechtensteinische Arbeitsmarkt für Fachkräfte aus der ganzen Welt 7 attraktiv. D. h., egal wie hoch der «Intelligenzabfluss» durch Abwanderung Einheimischer auch sein mag, für die Betriebe ergibt sich daraus kaum ein Problem. Der fehlende Leidensdruck mag auch eine Erklärung sein, warum dieses Phänomen kein Thema ist. Bequem zurücklehnen wird man sich dennoch nicht können. Denn je länger dieser Prozess dauert, in desto grösserem Ausmass werden die Einheimischen durch Ausländer ersetzt. Einen Beleg dafür, dass dieser Prozess tatsächlich stattfindet, kann man daran erkennen, dass immer mehr in Liechtenstein Wohnhafte nicht im Inland eine Arbeit finden, sondern wegpendeln: 2023 waren es 2567, 1998 erst 988. Das Grenzgängerwesen kaschiert die Verlustbilanz an eigenen Leuten.
Liechtenstein gehört aufgrund seiner dynamischen Wirtschaft und seinem Wohlstand zu den attraktivsten Ländern der Welt. Dennoch findet die zu erwartende Massenzuwanderung nicht statt. Die physische Migration in unser Land wird bekanntlich durch die restriktive Gewährung von Aufenthaltsbewilligungen radikal eingebremst. Dagegen ist unser Arbeitsmarkt offen. Die einheimischen Unternehmungen dürfen unter der Bedingung, er bleibt im Ausland wohnhaft, ohne Beschränkung jeden EWR-Bürger anstellen; darüber hinaus dürfen EWR-Bürger völlig frei in Liechtenstein ein Unternehmen gründen. Die Folge davon ist, dass praktisch gleich viele Arbeitsplätze vorhanden sind, wie das Land Einwohner hat. Daraus ergibt sich für Liechtenstein eine paradoxe Situation: Trotz des höchst attraktiven Arbeitsmarktes für Menschen aus ganz Europa (und der Welt) haben wir keine Massenzuwanderung und trotz der Abwanderung hochgebildeter Liechtensteiner gibt es keinen Mangel an Arbeitskräften jedweder Qualifikation. Denn jeder Liechtensteiner, der geht, kann problemlos durch einen Grenzgänger ersetzt werden. Bei uns kaschiert das Grenzgängerwesen die Verlustbilanz an eigenen Leuten.
Wieso bleiben Hochqualifizierte im Ausland?
Junge Menschen, die sich für ein Studium der Naturwissenschaften oder der Medizin entschieden haben, haben einen sehr langen Ausbildungsweg vor sich. Das typische Curriculum sieht so aus, dass nach dem Grundstudium häufig weitere akademische Ausbildungen angestrebt werden, die zum Doktorat führen; nach der Promotion werden die einen versuchen, eine befristete Stelle an einer Uni oder an einem Institut zu ergattern, um dort Forschung zu betreiben und sich weiter zu qualifizieren; andere werden versuchen, in der Privatwirtschaft Fuss zu fassen. Nicht anders schaut es bei den Medizinern aus. Sie benötigen nach dem Studium mindestens fünf Jahre bis zur Facharztausbildung. Nachdem diese Akademiker zehn Jahre in Ausbildung verbracht haben, benötigen sie einschlägige Stellen an Kliniken, Forschungsinstituten oder in der Privatwirtschaft, um Berufserfahrung zu sammeln und ihre Berufskarrieren aufzubauen. Naturgemäss sind derartige Stellen in Liechtenstein dünn gesät.
Was man von jenen, die es versucht haben, im Heimatland Fuss zu fassen oft zu hören bekommt, ist, dass sich das Interesse für den Liechtensteiner Bewerber bei den «Personalern» in Grenzen hält. Es ist kein Einzelfall, dass Bewerber mit einer automatisierten Antwort abgespeist werden; zum Gespräch werden sie erst gar nicht eingeladen. Was sind die Gründe dafür? Wiederum spielt der offene Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle: Die ausgeschriebene Stelle kann mit einem ganz spezifisch Qualifizierten besetzt werden, denn im riesigen Arbeitspool Europas wird sich gewiss so jemand finden.
Dazu kommt, dass es die Martin Hiltis und Gustav Ospelts nicht mehr gibt. Die alten Firmenchefs der Gründerjahre waren von einem Interesse geleitet, Liechtensteiner anzustellen, denn sie empfanden eine Fürsorgepflicht für ihre Landsleute. Ich erinnere mich, früher oft gehört zu haben, wenn ein Arbeitnehmer sich ungerecht behandelt fühlte oder eine Beschwerde hatte, dass der Betreffende «drohte» «beim Martin» vorzusprechen. Egal, ob dieser Arbeitnehmer den Hilti-Chef wirklich persönlich kannte, zumindest hatte er das Gefühl, von ihm wahrgenommen und gehört zu werden.
Einheimische an Einfluss verloren
Die Situation von dazumal hat sich radikal geändert. Durch die Internationalisierung sind die Liechtensteiner unter den obersten Chefs rar geworden, wobei sich die «Entliechten-
steinerung» durch alle Ebenen hindurchzieht, über die Personalchefs bis zu den «Personalrekrutierern». Dementsprechend hat das Gefühl, dem Land und seinen Bewohnern verpflichtet zu sein, abgenommen.
Liechtensteiner sind in den Betrieben zur Minderheit geworden, 70 % der Arbeitsplätze sind durch Ausländer besetzt8. Damit haben die Einheimischen an Einfluss verloren. Die auswärtigen Mitarbeiter bilden – das ist ein natürliches Phänomen – Netzwerke, seien es Netzwerke nach Landsmannschaften (Vorarlberger, Schweizer, Deutsche) oder nach Ausbildungsherkunft (die Absolventen einer bestimmten Universität). Diese Netzwerke, die mittlerweile grösser geworden sind als die entsprechenden liechtensteinischen, neigen dazu, in sich geschlossen zu bleiben, d. h. sie werden danach trachten, neue Mitarbeiter aus ihrem Netzwerk zu bekommen. Also haben Liechtensteiner schon rein statistisch schlechte Karten.9
Die beschriebenen Mechanismen haben zur Folge, dass Liechtensteiner Bewerber – und es betrifft vor allem Hochqualifizierte – obwohl geeignet, eine nur geringe Chance haben werden, in das «System», sprich in den Arbeitsmarkt hineinzukommen. Sie werden auf Nimmerwiedersehen im Ausland bleiben, wo sie sich mittlerweile durch Freundschaften, Partnerschaften und Familiengründung auch sozial etabliert haben. Akademikern mit ausländischer Staatsbürgerschaft, die in Liechtenstein aufgewachsen sind, aber zu wenige Jahre für eine Einbürgerung aufwiesen, wird die Rückkehr in das Land ihrer Kindheit und Jugend wegen des Entzugs ihrer Niederlassungsbewilligung praktisch verunmöglicht.
Im letzten Teil wollen wir uns mit einigen Besonderheiten des Arbeitsmarktes befassen, die dazu führen, dass die Einheimischen zur Minderheit wurden und Überlegungen anstellen, wie Gegensteuer gegeben werden könnte.

Frederick Bierreth
Meine Familie ist von München nach Liechtenstein umgezogen, als ich elf Jahre alt war. Mein Vater hatte einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Liechtenstein verbracht und sich hier sehr wohl und verbunden gefühlt. Ich selbst habe hauptsächlich meine Teenager-Jahre in Liechtenstein verbracht und meine Matura am Liechtensteinischen Gymnasium absolviert. Diese Jahre habe ich – wie wohl viele in diesem Alter – als intensiv erlebt. Es war für mich eine Zeit der Identitätsfindung. Anfangs wurde ich aufgrund meiner Sprache als Deutscher wahrgenommen und ich fühlte mich auch eher so. Erst als ich den liechtensteinischen Dialekt sprach und von meinem Umfeld zunehmend als Liechtensteiner gesehen wurde, begann ich mich teilweise auch mit Liechtenstein zu identifizieren. Interessanterweise wurde ich später während meines Studiums in der Schweiz wegen meines Dialekts als Liechtensteiner wahrgenommen. Ich habe Humanmedizin an der Universität Basel studiert und meine Facharztausbildung Anästhesie in der Schweiz absolviert. In Liechtenstein sind diese Ausbildungen nicht möglich.
Heute lebe ich mit meiner Frau und Kindern in Winterthur, wo meine Frau familiär verbunden und beruflich engagiert ist. Winterthur bietet kulturell und beruflich viele Möglichkeiten und ist nur 90 Minuten von Liechtenstein entfernt, wo ich meine Familie regelmässig besuche. Ein Umzug nach Liechtenstein kommt für mich aktuell aus mehreren Gründen nicht in Frage. Ich fühle mich in Winterthur sehr wohl und habe gute berufliche Perspektiven hier. Viele meiner liechtensteinischen Freunde leben selber aktuell nicht in Liechtenstein. Die liechtensteinische Staatsbürgerschaft habe ich nicht, da ich insgesamt nur acht Jahre im Land gelebt habe und somit die formalen Voraussetzungen nicht erfülle.
1 https://www.esrf.fr/home/news/general/content-news/general/first-nuclear-resonance-scattering-experiments-at-id14-towards-potential-anticancer-treatments.html
2 Dezember 2025, S. 22 – 25; https://www.60plus.li/2025/12/04/chancenland-liechtenstein/
3 Die Auswanderung in die USA wurde akribisch erforscht: Norbert Jansen: Nach Amerika! Geschichte der liechtensteinischen Auswanderer nach den USA. Verlag des Hist. Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, 1998. Die zwei Bände (Bd. zwei mit Pio Schurti als Coautor) sind eine Fundgrube für viele liechtensteinische Familien, da die Einzelschicksale der Liechtensteiner in der Fremde minutiös recherchiert und beschrieben werden.
4 Die Exilierung reicht indes viel weiter zurück: Arme, Randständinge, Besitz- und Rechtlose versuchte man über Jahrhunderte loszuwerden. Noch bis in die späten 80er war es selbstverständliche Praxis, psychisch Kranke dauerhaft in Schweizer Psychiatrien unterzubringen. Um diesen unmenschlichen Tatbestand zu beenden, war 1989 der Verein für Betreutes Wohnen gegründet worden.
5 Amt für Statistik: Statistisches Jahrbuch 2025, Kap. 3.1_02
6 Human flight and brain drain by country, around the world | TheGlobalEconomy.com https://share.google/MRJTrqabtWvjU29Ti: Australien (Rang 175), Norwegen (174), Schweden (173), CH (169), D (161), A (160)
7 Wobei der Satus als Grenzgänger für EWR-Bürger ohne Hindernisse zu erreichen ist, da diese das Recht haben, sich in Österreich und in der Schweiz Wohnsitz zu erhalten.
5 Amt für Statistik: Statistisches Jahrbuch 2025, Kap. 3.1_02
6 Human flight and brain drain by country, around the world | TheGlobalEconomy.com https://share.google/MRJTrqabtWvjU29Ti: Australien (Rang 175), Norwegen (174), Schweden (173), CH (169), D (161), A (160)
7 Wobei der Satus als Grenzgänger für EWR-Bürger ohne Hindernisse zu erreichen ist, da diese das Recht haben, sich in Österreich und in der Schweiz Wohnsitz zu erhalten.
