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60Plus | Porträt | Juni, 2026
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Schreibend zurück ins Leben

von Gabi Eberle

Selbstbestimmt, engagiert, lösungsorientiert, sich bietende Chancen ergreifen, durchziehen – Charakterzüge, die Doris Beck schon als Jugendliche ausmachten und ihr später, als es galt, Familie und Beruf zu vereinbaren, zugutekamen. Anfang der 1990er-Jahre stellte eine Vollzeit arbeitende Mutter gesellschaftlich noch die Ausnahme dar und würde heute wohl als «Role Model» (engl. für inspirierendes Vorbild) bezeichnet werden. Zeitsprung ins Jahr 2016: Sie lernt ihren Herzenspartner Christian kennen. Alle Puzzleteile fügten sich ineinander. Sein plötzlicher Tod vor sechs Jahren liess den Plan der gemeinsamen Zukunft jäh platzen. Ihr Lebenskonstrukt, sie selbst geriet ins Wanken. Zeitsprung ins Heute: Im März dieses Jahres erschien ihr zweiter Roman «Leben finden».

Wir treffen Doris Beck in ihrem Haus im ruhig gelegenen Ruggeller Langacker. Nebenan, wo früher das Elternhaus stand, ist sie als Nesthäkchen und gleichzeitig Nachzüglerin mit zwei Schwestern und einem Bruder grossgeworden. Durch das florierende Transportgeschäft ihres Vaters Eugen Büchel ging es lebendig zu und her, Chauffeure, Kunden gingen ein und aus. «Obwohl er täglich hinter dem Lenkrad eines Lkw sass, war es an Sonntagen die Regel, nach Kirchgang und Mittagessen Familienausfahrten mit dem Auto zu unternehmen», erinnert sie sich. Bereits als Kind zeichnete die heute 65-Jährige aus, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um Neues auszuprobieren. So radelte sie jeden Mittwochnachmittag von Ruggell nach Nendeln zum Tennis-Jugendtraining, war Mitglied im Turnverein und später der Ruggeller Narrenzunft-Garde.

Mit 19 nach London

«Bezeichnend ist für mich, dass oft neue Chancen meine ursprünglichen Pläne durchkreuzten», schmunzelt Doris Beck. So resultierte aus einer aufgrund mangelnder Platzkapazität zurückgezogenen Lehrstellenzusage eines Reisebüros nicht nur der erfolgreiche Abschluss einer Kaufmännischen Lehre bei der Liechtensteinischen Landesbank LLB, sondern daran anschliessend eine zweijährige Ausbildung zum Eidg. Dipl. Analytiker/Programmierung (Wirtschaftsinformatik). Dazu geführt hatte ein mit Bravour bestandener IT-Qualifikationstest. «Zur optimalen Vorbereitung verbrachte ich, gerade mal 19 Jahre alt, vier Monate in London, bezog dort ein Zimmer mit Frühstück. Alles Weitere hatte ich, damals noch ohne Handy, selbst zu organisieren. Eine erlebnisreiche Zeit!» Während der anschliessenden rund 6 Jahre bei der LLB übertrug man ihr Informatik- und Programmierungsaufgaben wie Projektleitungen.

Herausforderung Beruf und Familie

Nach einem Wechsel zum Verwaltungsbüro Foser dann der (Karriere-)Sprung zur LGT mit gerade mal 27. Von 1988 bis 2001 bekleidete Doris Beck IT-Führungspositionen, war in die Beratung der Unternehmensführung bei strategischen Vorhaben involviert, baute die Informatikorganisation mit auf, war für bis zu 30 Mitarbeitende verantwortlich.

Das Nachdiplomstudium Executive MBA-HSG in Business Engineering mit Abschluss im Jahr 2000, welches einen sechswöchigen Aufenthalt in Berkeley/Kalifornien beinhaltete, ein 100-Prozent-Job, die Töchter Jana und Laura, damals 8 und 6 – eine herausfordernde Zeit, die nur mit klarem Plan, durchdachter Organisation und einer Hausangestellten, die sich während der Woche auch um die Mädchen kümmerte, zu bewältigen war. «Für die Kinder gehörte das zur Normalität, genauso wie mein abendlicher, verlässlicher Telefonanruf. Später, während ihrer Ausbildungszeit, wurde unser Whatsapp-Kanal, neben gegenseitigen Besuchen und vielen Reisen, ein wichtiges Kommunikationsinstrument und ist es heute noch. Räumliche Distanzen sind für uns kein Hindernis, um sich nahezustehen.»

Von 2005 bis 2013 war sie Mitglied des liechtensteinischen Landtags, bis 2009 in Funktion als erste weibliche Fraktionssprecherin, 2005–2010 Leiterin der OSCE-Delegation Liechtensteins.

Der Schritt in die Selbstständigkeit mit Gründung der Financial Architectures AG 2001 kam, nach anfänglicher Durststrecke aufgrund der Terroranschläge vom 11. September in den USA, durch konstante Akquise und Durchhaltewillen in Schwung. Auftraggeber wie Bank Vontobel, Bank Julius Bär und Centrum Bank schätzten ihre Expertise als Projektleiterin bei teils über Jahre dauernden Grossprojekten. Von 2005 bis 2013 war sie Mitglied des liechtensteinischen Landtags, bis 2009 in Funktion als erste weibliche Fraktionssprecherin, 2005–2010 Leiterin der OSCE-Delegation Liechtensteins. Auch in dieser Zeit war eine klare Strukturierung der Woche unabdingbar: Der Montag war für Büro und Fraktionssitzungen reserviert, von Dienstag bis Donnerstag täglich nach Zürich, freitags wieder im Land. In diese Zeit fiel auch die Trennung vom Vater ihrer Kinder. Um mehr Luft zu gewinnen und sich gleichzeitig branchenmässig breiter aufzustellen, verlagerte Doris Beck ihre Tätigkeit in Richtung Strategieberatung, Verwaltungs- und Stiftungsratstätigkeiten.

Eines Geschenks beraubt

Als 2016 Christian – er lebte und arbeitete als selbstständiger Kommunikationsberater in Salzburg – in ihr Leben trat, sich peu à peu eine Beziehung entwickelte, hätte der Zeitpunkt nicht perfekter sein können. Alles lief rund, die Töchter hatten Studium und Ausbildung beendet, waren erwachsen und selbstständig. Das Paar genoss das Pendeln zwischen Land und Mozartstadt, Reisen, das Glück sich gefunden zu haben. Am 3. Februar 2020, einem gemeinsamen Wochenende in Salzburg, geriet Doris Becks Leben von jetzt auf gleich aus den Fugen. Ihr Lebenspartner starb an einem Herzinfarkt. Der Plan von der gemeinsamen Zukunft zerplatzte. Geprägt von Organisatorischem, der Nachlassregelung, coronabedingt unter erschwerten Umständen, «handelte ich die folgenden Monate im Funktionsmodus». Obwohl ihre Töchter von Berlin und Zürich nach Ruggell ins Homeoffice wechselten, war die Wucht der Trauer überwältigend. Ein «weiter wie bisher» gab es nicht. «Emotional erschöpft habe ich gefühlt lediglich existiert, ohne das Leben wirklich zu spüren.» Doris Beck begann, Tagebuch zu schreiben. Stundenlang. «Wenn mich das Tagesgeschäft nicht schlafen liess, riet mir Christian, einen Zettel zur Hand zu nehmen und meine Gedanken aufzuschreiben. Auf eine Fernsehdokumentation hin, die wir uns gemeinsam anschauten, bestellte ich damals das Buch von Doris Dörrie, «Leben, schreiben, atmen». Dies alles wurde jetzt relevant.

Obwohl in der glücklichen Lage, von guten Freundinnen und Familienmitgliedern getragen zu werden, wollte das Gefühl der inneren Leere nicht weichen.

Sein erster Todestag kam, der Corona-Winter, die dunkle Zeit. Obwohl in der glücklichen Lage, von guten Freundinnen und Familienmitgliedern getragen zu werden, wollte das Gefühl der inneren Leere nicht weichen. Ihr Hausarzt leitete die Überweisung an eine Psychotherapeutin in die Wege – die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt.

Suche nach Antworten

Es stellten sich ihr viele Sinnfragen. «Ich suchte nach einem Weg, weiterzuleben und gleichzeitig auf meine Weise, in meinem Tempo zu trauern.» Und sie brauchte Antworten. Bei der Online-Suche nach einem Philosophie-Fernstudium ploppte, Zufall oder Schicksal, dabei «Prosa schreiben» auf, worauf schlussendlich ihre Wahl fiel. «Meine mich begleitende Lektorin war von meinen mittlerweile 16 Tagebüchern begeistert – ein Schatz, wie sie meinte. Schien es mir erst unmöglich, diese persönlichen Notizen in einem Buch zu verarbeiten, sagte ich schlussendlich ja. Das regelbestimmte literarische Aufarbeiten des Inhalts zwang mich, Distanz einzunehmen. Im Rückblick hätte mir wohl nichts Besseres passieren können.»

Nach einem Aufbaustudium «autobiografisches Schreiben», einer weiteren Überarbeitung und dem Gesamtlektorat der 224 Seiten, ursprünglich für Familie und Freunde gedacht, liess Doris Beck, motiviert durch ihre Lektorin, das Manuskript diversen Verlagen zukommen. Kurz darauf meldete sich der Bucher Verlag, ein Jahr später kam «Gespräche mit Dir» auf den Markt, präsentiert am 21. Januar 2023 in Salzburg – wenige Tage bevor sich Christians Todestag zum dritten Mal jährte.

Im März dieses Jahres erschien ihr fiktiver Roman «Leben finden» – die Geschichte einer erfolgreichen Managerin, die nach dem plötzlichen Tod ihrer besten Freundin mit unerwarteten privaten und beruflichen Herausforderungen konfrontiert wird. «Hätte mir vor sieben Jahren jemand vorgeschlagen, ein Buch zu schreiben, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt.»

Es geht weiter

Auf der Reise mit ihren Töchtern nach Taiwan vergangenes Frühjahr «war Christian ‘dabei’. Mental ist seine Nähe, seine Präsenz stets spürbar.» Nach wie vor ist Doris Beck Technologie-affin, bekleidet mehrere VR-Mandate und engagiert sich als Assessorin bei einer Firma für Personalberatung in Zürich. «Die Möglichkeit, meine beruflichen Tätigkeiten inhaltlich und zeitlich frei auswählen zu können, das Reduzieren, war für mich ein längerer Lernprozess», lacht sie. Zum Start in den Tag gehört ein Morgenlauf mit ihrer Labrador-Mischlingshündin. Schreibstift und Laptop warten – die dritte Jahresklasse des Fernstudiums «systemisches Schreiben» fordert Übung. Der 65. Geburtstag im April dieses Jahres wurde mit Töchtern und Freunden in Berlin gefeiert. Sie hat ihre Stärke zurückgewonnen, begegnet offen und neugierig dem, was auf sie zukommt. Wie zuvor und doch anders.

Bücher/Lesungen

 

«Gespräche mit Dir»

Debütroman, autobiografisches Memoire,

2/2023, Bucher Verlag

«Leben finden»

Roman, 3/2026, Bucher Verlag

Die Bücher sind online und im liechtensteinischen Buchhandel erhältlich.

Lesungen bisher: Buchmesse Leipzig, deutsch-liechtensteinischer Freundeskreis in Wetzlar, Landesbibliothek (IG Wort), Literaturhaus Schaan (Buchpräsentation, organisiert von Omni Buchhandlung), Stadtbibliothek Dornbirn (Literaturcafé). Nächste Lesung: «Leben finden», 7. Juli 2026, Salzburg