von Gabi Eberle
«Alle reden vom Glück. Nicht wenige aber werden unglücklich, nur weil sie glauben, immer glücklich sein zu müssen», sagt Wilhelm Schmid. 2006 erschien sein Buch «Die Fülle des Lebens. 100 Fragmente des Glücks». Am 4. Juni 2026 war der 72-jährige deutsche Philosoph, Sachbuchautor und Publizist mit Schwerpunkt Lebenskunst zu Gast im Hagenhaus in Nendeln. «Nachfragen erlaubt», den Titel des von Alexa Ritter begleiteten Abends, nahm das Publikum wörtlich.
Weil das Glücksstreben eine uralte Sehnsucht des Menschen ist, zählt der Themenkreis zu den Kernelementen der Philosophie. Der chinesische Philosoph Konfuzius (551 v. Chr. bis 479 v. Chr.) zum Beispiel sagte: «Einfachste Nahrung, zum Trinken nur Wasser und den gekrümmten Arm als Kopfkissen – auch dabei kann man glücklich sein.» Oder Bertolt Brecht, deutscher Dramatiker (1998-1956), Autor des 1928 am Berliner Ensemble uraufgeführten Theaterstücks «Dreigroschenoper», lässt darin einen Protagonisten sagen: «Denn alle rennen nach dem Glück. Das Glück rennt hinterher.»
Viele Menschen suchen ein positives, glückliches Leben, was per se nicht falsch ist. Doch dazwischen kommt oft das Leben selbst, mit negativen, unglücklichen und misslingenden Momenten. Wilhelm Schmid ging der Frage auf den Grund, warum es so schwerfällt, das anzuerkennen. «Geniessen lernen und zugleich das Ungeniessbare aushalten. Glück wächst am ehesten als Glück der Fülle, wenn wir beide Seiten annehmen, die heiteren wie die schweren Erfahrungen.» Inmitten der Glückshysterie, die um sich greife, tue eine kleine Atempause gut. Viele seien plötzlich so verrückt nach Glück, dass zu befürchten sei, sie könnten sich unglücklich machen, nur weil sie glauben, ohne Glück nicht mehr leben zu können. «Fluten von Diskursen brechen über die Menschen herein, um ihnen zu sagen, was das Glück denn sei und was der richtige Weg dazu wäre.»
Zur Lebensfülle reichen Glücksfragmente
In welchem Masse man von der Suche danach beunruhigt sein können, haben Schmid viele Gespräche im Rahmen einer Tätigkeit als «philosophischer Seelsorger» an einem Krankenhaus gezeigt. Letztendlich trügen lediglich Fragmente, Splitter, Bruchstücke des Glücks zu einer Fülle des Lebens bei, die auch Widersprüche, Gegensätze, den Ärger, Einsamkeit und Verletzlichkeit nicht ausschliesst und die alltäglichen Kuriositäten schätzt.
Glück – an und für sich nichts als ein Wort. «Entscheidend ist», so der Gast an diesem Abend im Hagenhaus, «was mit dem Wort bezeichnet, welche Bedeutung ihm gegeben wird.» Diese Bedeutung scheint durch die Zeiten und von Kultur zu Kultur veränderlich zu sein. Die Geschichte könne einen Eindruck davon vermitteln, was für unterschiedliche Vorstellungen davon die Kulturen entwickelt haben,
Zu häufiger Gebrauch schwächt die Wirkung
Nicht alle wollen auf dieselbe Weise glücklich sein. So seien globale Umfragen, auf deren Basis Rankings der glücklichsten Länder auf dem Planeten erstellt werden, nicht sonderlich aussagekräftig. Schmid dazu: «Es gibt keine verbindliche, einheitliche Definition des Glücks. Was darunter zu verstehen ist, legt letztlich jeder für sich selbst fest. Die Philosophie kann lediglich etwas behilflich sein bei der eigenen Klärung dessen. Durch Neurobiologen messbar ist hingegen der jeweilige Pegelstand dieses Glücks. Da geht es um Endorphine, körpereigene Drogen also, die preiswert zu haben sind, aber ähnliche Probleme wie alle Drogen mit sich bringen. «Zu häufiger Gebrauch schwächt die Wirkung ab, sodass die Dosis gesteigert werden muss – zu grosse Regelmässigkeit befördert die Abhängigkeit.» Was kann nun das Resümee aus Schmids Erkenntnissen sein? Auch das wiederum ist jedem selbst überlassen. Eine plausible Sichtweise auch das Glück betreffend könnte die Aussage des irischen Schriftstellers Oscar Wilde sein: «Alles in Massen, einschliesslich der Mässigung. Meiner Meinung nach ist das ein extrem nützlicher Rat für ein glückliches Alltagsleben.»

Wilhelm Schmid, geb. 1953 in Billenhausen (Bayerisch-Schwaben), studierte Philosophie und Geschichte in Berlin, Paris und Tübingen, lebt als freier Philosoph in Berlin. Er lehrte bis zur Altersgrenze Philosophie als ausserplanmässiger Professor in Erfurt. Viele Jahre war er als Gastdozent in Riga/Lettland und Tiflis/Georgien sowie als «philosophischer Seelsorger» am Spital Affoltern am Albis in der Schweiz tätig. 2012 wurde ihm der deutsche Meckatzer-Philosophiepreis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie verliehen, 2013 der schweizerische Egnér-Preis für sein Werk zur Lebenskunst. Umfangreiche Vortragstätigkeit im In- und Ausland zu den Themen seiner Bücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden.
Buchpublikationen in den Verlagen Insel und Suhrkamp: Die Fülle des Lebens. 100 Fragmente des Glücks, 2006. Die Kunst der Balance. 100 Facetten der Lebenskunst, 2005. Mit sich selbst befreundet sein. Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst, 2004. Den Tod überleben: Vom Umgang mit dem Unfassbaren, 2024. Die Suche nach Zusammenhalt: Ich und Wir: Vom schönen und schwierigen Leben in Gesellschaft, 2025.
