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60Plus | Porträt | September, 2026
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88 Tasten, eine Leidenschaft

von Gabi Eberle

Die Fahrt im Nachtzug von Ljubljana nach Zürich nutzt Alesh Puhar, um sein Leben in Kurzfassung auf Papier zu bringen. Anderntags treffen wir uns in Vaduz. Zum ersten Mal nach dem Sommerurlaub in der Heimat setzt sich der 61-Jährige an den Steinway-Flügel im obersten Stock der Musikschule Liechtenstein, wo er seit 1991 unterrichtet. Die Finger gleiten geschmeidig über die 52 weissen und 36 schwarzen Tasten. Schon als kleiner Junge fühlte der gebürtige Slowene das Klavierspielen als seine innerste Identität.

Klavier studierte er in Ljubljana, Belgrad und Zürich. Zu seinen Lehrern gehörten Marija Kocijančič, Konstantin Bogino, Leonid Brumberg, Arbo Valdma und Homero Francesch. Mehrmals war er an nationalen wie internationalen Wettbewerben erfolgreich, zahlreiche Engagements als Solist, Klavierbegleiter und Kammermusiker führten ihn quer durch Europa. Sein Vater war ein angesehener Jazzposaunist, die Mutter Geografin. Bereits als Siebenjähriger sass Alesh mit Begeisterung am Klavier. Tägliches Üben war eine Selbstverständlichkeit, Fussballspielen mit Freunden stand an zweiter Stelle. Schon bald stellten sich die ersten Wettbewerbserfolge ein, die Maturität am Gymnasium absolvierte er parallel zum Musikkonservatorium.

Militärdienst, Belgrad …

Dann schlug das Pendel in eine andere Richtung aus. Der Wechsel zum Militärdienst in Makedonien an der bulgarischen Grenze, über 1000 Kilometer weg von zu Hause, war extrem, «doch keineswegs nutzlos. Als Soldat der Yugoslawischen Volksarmee ‹Narodna Armija› musste ich so manches lernen, was mir später zugutekam». Nach 15 Monaten zurück im zivilen Leben, hatte das Klavier wieder Priorität. Alesh trat das Studium in Ljubljana an. «Bei Wettbewerben des Jugoslawischen Bundes hatten wir aus Slowenien gegen die Teilnehmenden aus Serbien jedoch keine Chance.»

Kurzerhand übersiedelte er nach Belgrad, in eine kleine Dachwohnung im Zentrum, besuchte die beste Klavierklasse Jugoslawiens, schloss 1989 sein Studium bei Prof. Arbo Valdma, «ein Este, pianistisch jedoch durch und durch russisch», ab.

Alesh Puhar lacht, erinnert sich noch gut an die erste Unterrichtsstunde. «Seine Worte sind mir im Gedächtnis geblieben: «Übe viel und so, wie ich es dir sage. Diskutiere nicht und schau, dass du zu den Besten gehörst. Das ist die Bedingung, um in meiner Klasse bleiben zu können.»

 «Obwohl die Kritiken innerhalb der slowenischen Musikszene durchs Band positiv ausfielen, war mir klar, dass es für mich, einen ‹Beograjski Ljubljančan›, einen Laibacher aus Belgrad, wie es auf allen Plakaten zu lesen war, dort auf längere Sicht nicht einfach werden würde.»

Mit den Einnahmen aus Engagements bestritt der damals 24-Jährige seinen Lebensunterhalt, genoss das wilde Belgrader Leben, gewann als serbischer Vertreter das Finale des Jugoslawischen Akademischen Bundes-Musikwettbewerbs, spielte mit dem Sinfonischen Orchester RTV Slovenija unter der Flagge der Belgrader Musikhochschule. «Obwohl die Kritiken innerhalb der slowenischen Musikszene durchs Band positiv ausfielen, war mir klar, dass es für mich, einen ‹Beograjski Ljubljančan›, einen Laibacher aus Belgrad, wie es auf allen Plakaten zu lesen war, dort auf längere Sicht nicht einfach werden würde.»

… Vaduz und die Schweiz

Gleichzeitig meldeten sich Fernweh und Hunger nach neuen, unbekannten Orten. So kam der Vorschlag eines Musikerkollegen und Freundes, Dražen Domjanić, ihm nach Liechtenstein zu folgen, nicht ungelegen, zumal vonseiten der Sowjetischen Botschaft hinsichtlich eines Stipendiums für Nachdiplomstudien am Čajkovski Konservatorium in Moskau Funkstille herrschte.

Alesh richtete den Blick westwärts und fand sich einige Tage später im neu eröffneten Restaurant En Vogue in Vaduz, umgeben von Marmor, Glas und Chrom, an einem weissen Flügel wieder. «Alles war viel leiser als in Belgrad; ich spielte ‹pianissimo› die Elisas, Adelinas, Boogies und Woogies, erfüllte die musikalischen Wünsche der Gäste. Auch das war eine schöne Zeit.»

«Den Brief öffnete ich auf der Terrasse des Steigenberger Grandhotels Belvedere in Davos, wo ich im Engagement stand. Ein Zurück kam zu diesem Zeitpunkt für mich aber nicht mehr infrage.»

Moskau längst vergessen, zitierte ihn das Sowjetische Ministerium für Kultur ein Jahr später ins Čajkovski Konservatorium zu einer zweiten Audition. «Den Brief öffnete ich auf der Terrasse des Steigenberger Grandhotels Belvedere in Davos, wo ich im Engagement stand. Ein Zurück kam zu diesem Zeitpunkt für mich aber nicht mehr infrage.»

Zwischendurch besuchte Alesh Liechtenstein, durfte an der Musikschule vormittags kostenlos üben. «Eines Tages kam der damalige Direktor Pepi Frommelt mit dem Angebot auf mich zu, eine Vertretung für Klavierunterricht zu übernehmen. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt eine langersehnte Vertragszusage erhalten hatte, sagte ich auf Anraten meines Vaters zu. Die Entscheidung war die richtige …»

Neben seiner Lehrtätigkeit spielte er in den Jahren darauf auch als Korrepetitor und Keyboarder in Musicaltshows der Liechtenstein Musical Company, am Stadttheater St. Gallen, auf der Walensee Bühne und des Theater 11 in Zürich.

Viel mehr als Noten lernen

Seit 35 Jahren gibt Alesh Puhar sein Wissen und seine Erfahrung an Jungen und Mädchen im Alter von 7 bis 14 Jahren weiter. «Mein Ziel ist es, dass sie nach sieben Jahren am anspruchsvollen, extrem fordernden Kunst- und Sport Gymnasium Zürich angenommen werden oder am Musikgymnasium Feldkirch die Jury vollends überzeugen.» Wann erkennt er ein Talent? «Zu 70 % beim Hereinkommen – am Gang, an der Reaktion auf den Raum, an spezifischen Verhaltensweisen. Die restlichen 30 %, wenn ich einige Sätze mit der Mutter gesprochen habe. Spätestens aber in den ersten Unterrichtsstunden.»

Internationale Klavierwettbewerbe verzeichnen seit Jahren einen Trend zu immer jüngeren Teilnehmern, die bereits im Kindesalter Virtuosität auf Konzertniveau zeigen. «Die Wettbewerbe werden zwar nach wie vor bis zum Alter von 27 ausgeschrieben, die heutigen Gewinnerinnen und Gewinner sind aber immer öfter sehr jung, manchmal nicht älter als 18 oder 19. Wir nennen sie Pop-up-Stars – sie tauchen wie aus dem Nichts auf, spielen alle an die Wand und gehen wieder. Die Agenten reissen sich um sie, ihre Konzerte sind für ein paar Jahre ausverkauft … dann kommt das nächste Supertalent.»

In den letzten Jahren nahmen einige seiner Schüler erfolgreich an nationalen und internationalen Wettbewerben in Österreich, Norditalien und der Schweiz teil. Emil Laternser erspielte im Herbst 2018 zum ersten Mal in der Geschichte der Liechtensteinischen Musikschule in Torino/Italien einen internationalen Preis. Die erste Liechtensteinerin mit einer internationalen Musikauszeichnung war seine Tochter Ariana. «Mit ihr erlebte ich die schönsten Jahre meines Lebens, begleitete sie als junge Geigerin auf internationalen Bühnen am Klavier. Während vier Jahren war sie, heute angehende Juristin, Konzertmeisterin des Jugendsinfonieorchesters Berlin.»

Vergangenheit und Zukunft

Gerne erinnert sich Alesh an die Sommerurlaube mit seinen Eltern und der sieben Jahre älteren Schwester in Hvar, eine vorgelagerte Insel vor Split, zurück – in Jugoslawien der Ort mit den meisten Sonnentagen. «Schnorcheln war für meinen Vater als Posaunist Lungentraining. Ich tat es ihm gleich, lernte von ihm auch das Harpunieren. Wir standen um fünf Uhr früh gemeinsam auf, tranken Kaffee und fuhren danach mit dem Boot raus zum Jagen. Die Ausbeute lag dann zum Mittagessen auf dem Grill», lacht er.

Was die wenigsten wissen: Das Reiten auf Bauerngäulen als Kind weckte seine Liebe zu Pferden. Auf Geheiss seines Vaters musste sich Alesh jedoch zwischen Reitclub und Musikschule entscheiden. Wie das Ergebnis damals ausfiel, kann man sich denken. Viele Jahre später, als erwachsener Mann mit fester Arbeitsstelle und geregeltem Einkommen, meldete er sich beim Reitsportzentrum Buchs zum Unterricht an, erlangte die Springlizenz und war während 20 Jahren begeisterter Springreiter.

Seine Leidenschaft und Bestimmung jedoch war und ist das Klavier, ein Leben ohne die schwarz-weissen Tasten für den Pianisten undenkbar. Bis zum Ende des Jahres stehen noch einige Engagements und Konzertauftritte mit seinen Schülern auf dem Plan. Er freut sich darauf.